Morgenandacht, 27.07.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Suchen

Manche Tage fangen völlig verquer an. Die Filtertüten für den Kaffee sind alle. Die Brille lässt sich nicht finden und auch die Autoschlüssel sucht man vergebens. Und das, wo man sowieso schon so spät dran ist.

Eine solche Situation am frühen Morgen kann einem den ganzen Tag verleiden. Es gibt Zeiten, da sucht man ständig. Das geht nicht nur Schusseltanten und Vollpfosten so. Das gehört zur menschlichen Natur. Beruhigend, nicht wahr?

Aber nicht nur Brille und Autoschlüssel verschwinden manchmal unauffindbar. In manchen Zeiten ist einem der Sinn des eigenen Lebens irgendwie abhandengekommen. Aber weil der Alltag so druckvoll angefüllt ist und all die vielen kleinen und großen Sachzwänge einem die Luft zum Atmen nehmen, fällt es einem nicht auf.

Ich lebe als Eremitin, als Einsiedlerin, jetzt schon seit 26 Jahren. Als junge Powerfrau hatte ich eigentlich alles, was man sich wünscht: Einen guten Job, viele Freunde, interessante Hobbys – und doch fehlte mir etwas. Aber ich habe es nicht gemerkt. Im Gegenteil.

Ich setzte sozusagen auf das, was mir immer schon Spaß gemacht hatte, noch einen drauf. Mit einem Freund ab nach Südamerika, etwas aufbauen und reich werden. So ungefähr war der Plan. Ich fürchte, mein Schutzengel hat sich damals die Haare gerauft. Eine ganze Reihe schwieriger Situationen hatte ich bis dorthin glimpflich überstanden: Autounfälle, einen schweren Tauchunfall und diverse andere schwierige Situationen.

Und jetzt so ein Vorhaben? Südamerika ist nicht gerade der Kontinent mit den niedrigsten Risikofaktoren. Im flüchtigen Rückblick scheint zunächst meine Abenteuerlust der bestimmende Auslöser gewesen zu sein.

Aber heute weiß ich: Der versteckte Antrieb war meine tiefsitzende Sehnsucht, die drängende Suche nach dem, was mein Leben sinnvoll macht. Irgendwie ist es verrückt, dass ich gerade das, was ich so suchte, nicht im Abenteuer eines Lebens in den Tropen fand, sondern dass dies der Katalysator gewesen ist, der erste Schritt auf dem Weg, meine tiefe Sehnsucht gestillt zu bekommen.

Der entscheidende Moment dauerte damals nur vier Sekunden. Es geschah mitten im Urwald, 9000 Kilometer von Deutschland entfernt. Ich hatte ein Buch ausgeliehen, dass über christliches Leben erzählte. Darin las ich den einen Satz, der alles veränderte: Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Vier Sekunden, die mein Leben von jetzt auf gleich total umkrempelten. 

Die tiefe innere Erfahrung öffnete mir die Augen für meine brennende Sehnsucht und führte mich hin zu demjenigen, der für mich zum Weg und zur Wahrheit wurde, weil er das Leben selbst ist. Es war damals mitten im südamerikanischen Urwald wie ein Blitz, der plötzlich in der Dunkelheit etwas sichtbar werden lässt; wie eine Mauer, die zerbricht und in deren aufgebrochener Wand die Möglichkeit eines Durchblicks auftaucht.

Völlig überraschend, ohne Vorankündigung, umwerfend. Umwerfend und alles verändernd, denn danach war nichts mehr wie vorher. Es war ein Startschuss, der mich auf einen Weg schickte, der Gottsuche heißt. Ein Weg, der über viele Stationen ging bis ich meinen Platz in der Einsiedelei fand: In einem Leben, das aus Gebet und Arbeit in Zurückgezogenheit besteht. Nicht aus Flucht vor der Welt, sondern um in der Stille sensibler und aufmerksamer zu werden.

In der Lebensform als Einsiedlerin lebe ich nun seit 26 Jahren. Ein Leben, dessen innerster Kern die Suche nach Gott, nach seinen Spuren, nach der Gegenwärtigkeit seiner Botschaft in dieser Welt ist. In der ich tagtäglich neu erfahre, dass das Suchen nicht nur Grunderfahrung menschlicher Existenz ist, sondern auch tief beglückendes Dasein.


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Dieser Beitrag wurde am 27.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

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