Morgenandacht, 01.08.2020

von Diözesaneremitin Maria-Anna Leenen, Ankum

Sich finden lassen

Eigentlich haben wir alle jeden Tag irgendwelche Ziele, die wir erreichen wollen: Den Aktenberg auf dem Büroschreibtisch wenigstens etwas zu verringern; endlich anfangen, das Übergewicht zu reduzieren; den vernachlässigten Garten in Schuss zu bringen oder sich auf den Job zu bewerben, der die persönliche Situation vielleicht endlich nachhaltig verändern könnte.

Es sind nicht immer die großen Ziele, die wir Menschen erreichen wollen. Für manche müssen wir Anstrengungen machen und viel Geduld aufbringen. Andere erreichen wir leicht, so als ob sie uns einfach in den Schoß fallen würden. Mit allen Dingen, die wir uns wünschen oder sehnlichst zu erhalten hoffen, ist es wie mit dem Leben selbst.

Wir wollen es, suchen und streben danach, aber manchmal orientieren wir uns in die falsche Richtung. Und dann mühen wir uns ab, strampeln, arbeiten und kämpfen, ohne zu merken, dass es nicht gelingen kann. Wir verbeißen uns und blenden alle Signale, alle Warnrufe aus – ein Tunnelblick entsteht ohne echtes Licht am Ende.

Auf meinem langen geistlichen Weg, der jetzt seit vielen Jahren in der Einsiedelei eine Herberge gefunden hat, gab es Zeiten, in denen ich nicht wusste, ob ich mich da in etwas verrannt hatte. Aber Gottsuche hat ihr eigenes Tempo und eine ganz spezielle Dynamik, die der Mensch nicht sofort wahrnimmt.

Ich habe es erst lernen müssen, zu hören auf die leisen Hinweise; wahrzunehmen, wo eine Abzweigung genommen werden sollte; wo der Weg, auch wenn er voller Steine und Schlaglöcher zu sein schien, trotzdem gegangen werden musste. Nicht mein Tempo als Maßstab zu nehmen, sondern sozusagen Gottes Fußabdrücken zu folgen ohne genau zu wissen, wohin sie führen.

Viele Menschen haben eine Sehnsucht danach zu erfahren, was Sinn hat in dieser Welt. Wo etwas aufscheinen könnte, das ihnen klar und unmissverständlich sagt: Da findest du dein Glück, deinen Weg, den Sinn deines Lebens in dieser unübersichtlichen und komplexen Welt.

Auf meinem Weg gab es natürlich auch immer wieder Phasen, in denen ich dieses Glück, diesen Sinn suchte, als ich wie mit weit aufgerissenen Augen versuchte, Gottes Spuren in dieser Welt aufzuspüren und wahrzunehmen, also ihn und seine Nähe zu finden.

Manchmal bewahrheitete sich dabei ein altes Sprichwort: Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können. Mein Ziel, Gott zu finden, schien mit jeder Suchbewegung mehr von Gott wegzuführen. Ein Zustand, der nicht nur ärgerlich ist, sondern traurig und verzweifelt werden lassen kann.

Irgendwann in einer dieser schwierigen Phasen bin ich spät am Abend noch ein Stück auf dem Gelände meiner Einsiedelei spazieren gegangen. Es war Winter und der Neuschnee glitzerte auf den Wegen. Die Stille draußen, nur unterbrochen von den Rufen eines Käuzchens, tat gut. Ich ging auf einen sanften Hügel in der Nähe, breitete eine Decke aus und legte mich darauf. Vor allem in mondlosen Nächten, in denen auf dem Himmel über mir wie auf einem samtschwarzen Kissen die Sterne wie Diamantsplitter funkeln, ist es eine besondere Schönheit, die mich jedes Mal mehr fasziniert.

Um meine Einsiedelei herum gibt es kein künstliches Licht. Nur den Mond und die Sterne. An diesem Abend leuchteten sie besonders strahlend. Mein Blick ging nach oben in die unendliche Weite, die ich niemals werde begreifen können.

Vielleicht war es die intensive Stille, vielleicht das Sternengefunkel oder das Bewusstsein dieses unfassbaren Universums, in dem unsere kleine Erde wie ein blau-grüner Edelstein schwebt. Plötzlich wusste ich es.

Ganz klar, ganz einfach, ganz sicher: Ich suchte Gott und ich würde ihn immer suchen. Aber nur, um mich von ihm finden zu lassen. Immer wieder, immer neu, immer schöner.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 01.08.2020 gesendet.


Über die Autorin Maria Anna Leenen

Maria Anna Leenen, *1956 in Osnabrück, lebt seit 1994 als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück, sie arbeitet als freie Autorin, Schwerpunkte sind Themen aus den Bereichen Spiritualität / Umwelt / Theologie. Zahlreiche Buchpublikationen und Veröffentlichungen. Zuletzt: Ganz weit draußen, Roman, Asslar 2016; nachtstill geplündert, Gedichte, Würzburg 2016; Ziegen wie du und ich, Asslar 2019; Musik meines Lebens, Paderborn 2020. Leenen wurde durch eine tiefe innere geistliche Erfahrung neu auf den Weg des christlichen Glaubens geführt, der zunächst in die katholische Kirche führte, dann in das Klarissenkloster in Münster und danach begann ihr Leben als Eremitin. Ihre Klause St. Anna liegt im Osnabrücker Land zwischen Ankum und Fürstenau. Die Klause St. Anna war ursprünglich ein altes Heuerhaus. 2004 wurde mit Hilfe ihrer Familie und vielen Freunden das Haus wieder bewohnbar gemacht.  Inzwischen gibt es einen Förderverein, der tatkräftig mithilft, die baulichen Renovierungen zu stemmen, die notwendig sind, um die Klause, die seit 2016 im Besitz des Fördervereins ist, für die Zukunft zu erhalten. Das Leben einer Eremitin, einer Einsiedlerin ist immer in erster Linie ein Leben des Gebetes und der Kontemplation in Stille und Zurückgezogenheit. So gestaltet sich der Tag immer im Wechsel zwischen den Gebetsstunden in der Klausenkapelle und der Arbeit am Schreibtisch, in Haus, Garten und Stall, der zurzeit von neun Zwergziegen bewohnt wird.  Kontakt: Auf ihrer Website: www.maria-anna-leenen.de sind weitere Informationen, Videos und Interviews. Eine weitere Website gibt Informationen zum eremitischen Leben in Deutschland: www.eremiten-in-deutschland.de Der Förderverein Klausenkapelle St. Anna e.V. findet sich im Internet unter: www.klausenkapelle.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche