Wort zum Tage, 24.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Wendung in der Krise

Juni 1944. Es ist bereits der zweite Sommer, den der evangelische Pastor Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis verbringt. Von draußen dringen Vogelstimmen und das Geschrei tobender Kinder in seine winzige Zelle. Bonhoeffer kann den wunderbaren Sommertag nur erahnen.

In solchen Augenblicken fühlt er sich zutiefst einsam. Ganz besonders fehlt ihm seine Verlobte Maria von Wedemeyer. Beide haben große Pläne, sie wollen heiraten und die furchtbare Zeit der Gefangenschaft und des Krieges hinter sich lassen. Bonhoeffer ist glücklich, wenn seine Verlobte ihn besucht, und er ist völlig am Boden zerstört, wenn sie geht. Was ihm bleibt, ist ihr Duft, der noch einige Augenblicke verweilt, wenn sie gegangen ist:

„Ich möchte den Duft deines Wesens einatmen, ihn einsaugen, in ihm bleiben.“

Schreibt er in einem Gedicht. Aber Maria muss gehen. Die Besuchszeit ist zu Ende.

„Ich höre deine Schritte langsam sich entfernen und verhallen. Rasender Zorn… befällt mich, warum meine Sinne dich nicht halten können.“

Nachts erreicht die Trauer ihren Höhepunkt. Erschrocken wacht er auf und fragt sich:

„Bist du mir wieder verloren?“

In diesen verzweifelten Momenten tut Bonhoeffer etwas, dass ihn rettet. Er schreibt:

„Ich strecke die Hände aus und bete – und erfahre das Neue.“

Wer die Hände austreckt und die Verschränkung löst, der öffnet sich, der ist nicht mehr nur bei sich selbst und seinem Schmerz, der wendet sich jemanden zu.

Für Bonhoeffer ist dieser Jemand Gott, weil er sein Entgegenstrecken Gebet nennt. Und dann erfährt er Neues. Bonhoeffer spürt, dass es neben seiner Trauer und Verzweiflung noch mehr gibt. Etwas, dass er „Neues“ nennt.

Was ist das? In seinem Gedicht spricht er nun von Dank und Güte und schließt mit den Worten:

„Bete, dass dich Gott heut und morgen behüte.“

Dank, Güte, Behüten sind das Neue, das der einsame Beter durch das Gebet erfährt. Das Ausstrecken der Hände Gott entgegen hat Bonhoeffers Kreisen um sich selbst aufgebrochen. Auf einmal ist er wieder bei dem Menschen, den er liebt, und nicht nur bei seiner Trauer. Das ist seine Rettung.

Trauer und Verzweiflung erfahren eine Wendung und verwandeln sich in etwas Neues. Das kann Dank sein, Hoffnung, vielleicht sogar Freude mitten in der Nacht. Viel braucht es dafür nicht. Zwei Hände, die sich öffnen, dass Gedenken an den geliebten Menschen und das Wort:

„… dass Gott dich heut und morgen behüte.“

Eine einfache Übung – aber sie verheißt Neues.

 


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Dieser Beitrag wurde am 24.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

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