Wort zum Tage, 23.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Unruhe in der Krise

Dietrich Bonhoeffer ist ein unruhiger Mensch, immer auf der Suche nach Neuem. Ob als Student oder junger Pfarrer, Dietrich hält es an keinem Ort lange aus. In Breslau geboren, in Berlin aufgewachsen, beginnt er sein Studium in Tübingen, um es nach einem Jahr in Berlin fortzusetzen.

Es folgt eine große Reise nach Italien mit einem Abstecher nach Nordafrika, dann beginnt er als Theologe sein Vikariat in Barcelona. Von hier aus unternimmt er weitere Reisen. Seine Eltern, wohlhabend, zahlen ihm seine Reisen und alles, was er dafür braucht.

Er lässt sich Sportkleidung und einen neuen Tennisschläger schicken und bittet um Bargeld für gutes Essen und Trinken. Von Barcelona aus schreibt er seinen Eltern:

„Im Übrigen trinke ich hier fast kein Wasser…, sondern ausschließlich Wein.

Der junge Theologe lebt gut, richtig gut, aber es scheint ihm nie zu reichen. Er spürt eine große Unruhe in sich, die er durch Reisen und Konsum nicht stillen kann. Das alles beschäftigt ihn so sehr, dass diese Unruhe Thema einer Predigt wird. Dabei unterscheidet der junge Vikar zwei Arten von Unruhe. Zum einen die Unruhe, die aus dem Bewusstsein des Vergänglichen kommt; „da gibt es nur Nervosität und Ungeduld“, predigt er. (2) Bonhoeffer spricht hier von sich selbst.

Er weiß aber auch, dass es noch etwas anderes gibt, eine „Unruhe in Richtung auf das Ewige… Diese Unruhe ist die Kraft, die Geschichte und Kultur schafft“, so der junge Theologe wörtlich. Diese Unruhe wird verursacht durch das Bewusstsein, dass es Gott gibt. (3) Auch hier spricht Bonhoeffer von sich selbst.

Neben aller Oberflächlichkeit seines unsteten Lebens, die ihn ungeduldig und nervös macht, führt ihn diese andere Unruhe in die Tiefen seiner eigentlichen Sehnsüchte. Hier geht es um den ehrlichen Umgang mit sich selbst, mit Angst und Schuld und all dem, was der junge Mann an sich entdeckt und was ihn erschreckt.

In diesen Tiefen trifft er nicht nur auf sich selbst, sondern auch auf Gott, der ihm fremd und vertraut zugleich erscheint. Bonhoeffer spürt, dass er nicht mehr allein ist mit den Unmengen seiner unstillbaren Sehnsüchte.

Da ist jemand, der ihm hilft zu sortieren und zu unterscheiden. Bonhoeffer fasst Mut und stellt sich seiner Unruhe, weil sie ihn nicht von Gott entfernt, sondern Gott näherbringt. Und das will er: Gott nahe sein.

Der junge Bonhoeffer verliert die Unruhe, die sich auf das Vergängliche bezieht. Er ist längst nicht mehr so nervös und ungeduldig. Und als ihm später in seiner Zelle aller Luxus genommen war und er fast nur noch Wasser zu trinken bekam, da war er zu einem großen Tröster geworden für all die ungeduldigen und nervösen Mitgefangenen. Ein Trost, der gewachsen war aus einer Unruhe.


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Dieser Beitrag wurde am 23.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

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