Wort zum Tage, 22.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Unerwartetes in der Krise

„Zuhören kann ich, aber sagen kann ich fast nie etwas.“

Anfang 1944 wird Berlin von heftigen Luftangriffen getroffen. Auch das Gefängnis in Berlin-Tegel wird bombardiert. Hier sitzt seit fast einem Jahr Dietrich Bonhoeffer ein.

„Unsere Ausgebombten kommen morgens zu mir, um sich ein wenig trösten zu lassen.“

Schreibt Pastor Bonhoeffer in einem Brief.

„…aber sagen kann ich fast nie etwas.“

Bonhoeffer fürchtet die Angriffe genauso wie seine Mithäftlinge. Trotzdem kommen sie in ihrer Angst und Verzweiflung zu ihm. Warum? Bonhoeffer gibt selbst die Antwort:

„Ich lasse die Not uninterpretiert…“

Schreibt er. Die Mitgefangenen Bonhoeffers erleben in ihm einen Menschen, der ihnen ihre Not nicht erklärt, sondern sie in ihrer Not ernst nimmt. Not zeichnet sich schließlich dadurch aus, dass sie nicht erklärbar ist. Wäre sie erklärbar, dann wäre sie auch beherrschbar. Stände hinter der Not ein Zweck oder Sinn, könnte man sie aushalten, aber dann wäre sie keine Not mehr.

Not, das heißt Ausweglosigkeit und Verzweiflung. Und das haben die Gefangenen während der Luftangriffe erleben müssen. Sie konnten nicht fliehen und mussten bei jedem neuen Bombeneinschlag mit dem Tod rechnen. Wer will das interpretieren? Bonhoeffer kann das nicht. Aber er kann zuhören. Das tut den Mitgefangenen gut. Und doch wollen sie auch ein Wort hören!

Ich kenne das aus der Seelsorge mit Trauernden. Vor kurzem saß ich mit Eltern zusammen, weil es um die Beerdigung ihres Kindes ging. Auch ihnen tut es gut, wenn sie weinen und sprechen können und ich zuhöre. Aber es gibt auch immer die Momente in diesen Gesprächen, wo sie ein Wort hören wollen.

Welches Wort Bonhoeffer für die Gefangenen gefunden hat, dass weiß ich nicht, aber in einem Brief schreibt er:

„Manchmal denke ich, der wirkliche Trost muss ebenso unvermutet hereinbrechen wie die Not.“

Dass die Not über uns hereinbrechen kann, davon hören wir immer wieder, aber das Wort Bonhoeffers erinnert mich daran, dass auch der Trost über uns hereinbrechen kann. Während der Pandemie hörte ich von alten Menschen, die ihre Wohnungen nicht verlassen konnten und völlig vereinsamten.

Aber ich hörte auch, dass der Trost über sie hereinbrach, als sie ein völlig unerwarteter Brief oder Anruf erreichte. Das kann auch die Not nicht verhindern, dass der Trost uns ganz genauso unvorbereitet erwischen kann wie die Not. Das kann schon dadurch geschehen, dass plötzlich einer da ist, der zuhört.

Trost fängt mit Hören an. Für manche ist das eine plötzlich hereinbrechende Trosterfahrung, wenn man ihnen zuhört, nicht nur ein paar Minuten, sondern wirklich hinhört. „Zuhören“, sagt Bonhoeffer, „Zuhören kann ich…“


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Dieser Beitrag wurde am 22.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

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