Wort zum Tage, 21.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Trost in der Krise

„Ein Tag voller Stress liegt vor mir. Ich wache auf, lange bevor der Wecker klingelt. Ärgerlich stehe ich auf [...]. Als ich die Balkontür öffne, tönt mir das feine Rauschen eines Landregens entgegen – mitten in der Großstadt. Ich höre den Gesang zweier Amseln und aus der Ferne Kirchenglocken. Klänge einer behüteten Kindheit! Der Tag verliert seine Bedrohlichkeit und nimmt mich sanft auf.“

Ich kenne den Menschen nicht, der hier in einem Zeitungsartikel seinen Start in den Tag beschrieben hat. Aber die Situation ist mir vertraut. Der Beginn eines bedrohlichen Tages. Es gibt viele Gründe dafür, dass uns ein Tag bedroht. Vor allem, wenn es Konflikte gibt, wenn es darum geht, Fehler eingestehen zu müssen, weil etwas falsch gelaufen ist, oder einfach, wenn die Verpflichtungen des Tages viel zu groß sind.

Zu früh aufzuwachen und zu grübeln hilft nicht, aber es passiert eben. Was hilft ist aufzustehen und sich einer anderen Realität auszusetzen als nur den eigenen kreisenden Gedanken. Es hilft, ein Fenster zu öffnen. Das weitet den Raum und die Gedanken.

Die Geräusche, die nun von außen kommen, können etwas Neues sagen - vielleicht etwas Tröstlicheres als die ständigen Wiederholungen, die von innen kommen. Kirchenglocken, Vogelstimmen, Regenrauschen erinnern daran, dass die Welt größer ist, als ich sie denke, und es noch viele Möglichkeiten für Lösungen und neue Wege gibt.

Von dem evangelischen Pfarrer und Theologen Dietrich Bonhoeffer ist ein Morgengebet überliefert. Er hat es geschrieben in der Zeit, als er wegen des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten im Gefängnis saß. Es ist eine Zeit, in der auch er immer zu früh aufwacht.

Es gibt keinen Tag mehr ohne die Angst vor Luftangriffen. Die Kirchenglocken sind verschwunden, eingeschmolzen zu Waffen, die Vögel verstummt in zerfetzten Bäumen, der Regen bedroht die ausgebombten Obdachlosen. Der Trost fällt aus. Aber nicht ganz. Bonhoeffer findet Trost in einem Morgengebet, das er für Mitgefangene schreibt:

„Gott, zu Dir rufe ich in der Frühe des Tages. In mir ist es finster, aber bei dir ist das Licht; ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede; in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld, ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“

Wenn am Beginn eines bedrohlichen Tages nichts Tröstliches auf mich wartet, weil es draußen nur laut ist und der Regen es nicht hell werden lässt, dann bete ich dieses Gebet. Es ist das offene Wort Gott gegenüber, wie es in mir wirklich aussieht, und es ist dann seine Antwort an mich:

„Ich weiß den Weg für dich“.

Der Tag hat seine Bedrohlichkeit verloren.


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Dieser Beitrag wurde am 21.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

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