Wort zum Tage, 20.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Gelassen in der Krise

„Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest wie ein Gutsherr aus seinem Schloss“.

Diesen Satz notiert der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer in seinen Aufzeichnungen im Juni 1944.

Seit über einem Jahr sitzt er im Gefängnis. Die Nationalsozialisten vermuten seine Mitarbeit im Widerstand. Seine Zelle ist klein, das schmale Fenster so hoch angebracht, dass er nicht nach draußen sehen kann. Wie konnte Bonhoeffer unter diesen Umständen die Haltung eines Gutsherrn einnehmen? Wegen seiner Herkunft?

Geboren 1906 in einem vornehmen Vorort von Breslau, wuchs er ab 1912 in wohlhabenden Verhältnissen in Berlin Grunewald auf. Zimmermädchen und Gouvernanten - eine ganze Schar von Angestellten kümmerten sich um Dietrich und seine sieben Geschwister.

Bonhoeffer genoss eine großartige Ausbildung und entwickelte ein starkes Selbstvertrauen. Zahlreise Auslandsreisen werden ihm finanziert, sie führten ihn durch Europa und in die USA bis hin nach Kuba und Mexico. Und dann: Bonhoeffer, ein Mann von Welt, findet sich auf einmal in einer winzigen Zelle wieder. Der Gutsherr in der Krise. Die Nationalsozialisten wollen ihn durch die Haft zerbrechen, damit er in den dauernden Verhören sein Wissen um den Widerstand preisgibt. Aber Bonhoeffer hält stand.

Seinen Weg durch die Krise findet er nicht durch sein Selbstvertrauen. Das ist zerstört. „Wer bin ich?“ fragt er in seiner engen Zelle und beschreibt sich als „krank, als würgte mir einer die Kehle“.

Bonhoeffer weiß nicht mehr, wer er ist:

„Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? …Vor Menschen ein Heuchler, vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?“

Die Krise hat ihm sein Selbstvertrauen genommen. Aber es ist ihm auch etwas geblieben: sein Gottvertrauen. „Wer ich auch bin“, schreibt Bonhoeffer, „Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

Krisenbewältigung durch Selbstvertrauen ist gut, aber nicht immer möglich. Der selbstbewusste Bonhoeffer findet seinen Weg durch die Krise nicht im Vertrauen auf seine eigenen Kräfte. Die sind weg. Er fühlt sich in der Zelle „müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen“, nein, er geht seinen Weg allein im Vertrauen auf Gott. Er schreibt in seiner Zelle:

„Wer ich auch bin, …Dein bin ich, o Gott!“

Was Bonhoeffer durch die Krise bringt, ist nicht die Aussicht, dass er bald freikommen wird und dass sich die Umstände bessern werden, sondern allein die Gewissheit, dass Gott mit ihm ist.

Das gibt ihm so viel Sicherheit, dass er vor seinen Peinigern aus der Zelle treten kann – eben „gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.“ Gottvertrauen schenkt Kräfte, von denen wir jetzt vielleicht noch nichts wissen, aber sie tragen uns in der Krise. Gelassen, heiter und fest.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 20.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche