Wort zum Tage, 25.07.2020

von Domkapitular Ulrich Beckwermert, Osnabrück

Mit beiden Beinen in der Krise

„Christen, die nur mit einem Bein auf der Erde stehen, stehen wohl auch nur mit einem Bein im Himmel“.

So schreibt der evangelische Pastor und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 aus dem Gefängnis an seine Verlobte. Sie wollen bald heiraten und planen ihre Hochzeit. Bonhoeffer will leben und lieben. Er weiß, dass er diese ersehnte Glückserfahrung nicht erzwingen kann, er sitzt im Gefängnis, aber er will sie auch nicht gänzlich auf den Himmel verschieben. Bonhoeffer schreibt:

„Unsere Ehe soll ein ´Ja` zu Gottes Erde sein, sie wird unseren Mut stärken, zu handeln und auf dieser Erde etwas zu erreichen“.

Der Theologe Bonhoeffer erklärt das `Ja´ Gottes zur Welt mit der Menschwerdung Jesu Christi, des Sohnes Gottes. In Christus ist Gott Mensch geworden auf dieser Erde, weil er den Menschen und diese Erde will. Christsein heißt für Bonhoeffer nicht nur, an den Himmel zu glauben, sondern auch an die Erde.

„Christus hebt die menschliche Wirklichkeit nicht auf, (…) sondern setzt die Wirklichkeit gerade in Kraft, er bejaht sie.“

Schreibt Bonhoeffer. Deshalb will er auch mit beiden Beinen auf dieser Welt stehen, deshalb er will nicht seine halbe, sondern seine ganze Kraft einsetzen, um nach dem Krieg mit seiner Frau eine Familie zu gründen, um dann mit ganzer Kraft Pastor zu sein.

Die Wirklichkeit der Welt gilt es also nicht zu überspringen oder einfach auszuhalten, bis der Gläubige endlich im Himmel ist. Nein! Die Welt ist bereits Offenbarung Gottes, „das Evangelium der Schöpfung“, wie es 75 Jahre nach Bonhoeffer Papst Franziskus nennt. Die Schöpfung ist ein Evangelium, das heißt eine frohe Botschaft - weil sich darin Gott als Schöpfer erweist, der „sah, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut“, wie es in der biblischen Schöpfungsgeschichte heißt.

Die Kirche hat daher im Verlauf ihrer Geschichte den Offenbarungswert der Wirklichkeit immer tiefer erfasst. Das Zweite Vatikanische Konzil sagt in den 1960er Jahren, dass die Kirche daher auch die „Hilfe der in der Welt Stehenden“ sucht, ganz gleich, „ob es sich dabei um Gläubige oder Ungläubige handelt“ – so das katholische Konzil wörtlich.

Lernen von der Welt, lernen von Menschen, die selbstverständlich an Christus glauben, aber auch lernen von Menschen, die Christus nicht kennen, aber mit beiden Beinen auf der Erde stehen, ich glaube: Das ist der neue Lernweg der Kirche in unseren Tagen.

Und so gibt es Menschen, die -aus welchen Gründen auch immer-, gar nichts mit der Kirche zu tun haben, sie vielleicht ablehnen, und dennoch können wir von ihnen lernen. Voraussetzung ist, dass auch die Kirche mit beiden Beinen auf der Erde steht: auf dem Evangelium der Schöpfung.

 


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Dieser Beitrag wurde am 25.07.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Ulrich Beckwermert

Ulrich Beckwermert ist katholischer Priester und Pfarrer der Domgemeinde in Osnabrück. Er ist 1964 geboren und aufgewachsen in Emsdetten und Bad Rothenfelde. Er studierte Theologie in Frankfurt und Wien. Erste Erfahrungen als Priester sammelte Ulrich Beckwermert als Kaplan in Ahrensburg und Fürstenau. 1997 wurde er Pfarrer in Hunteburg. Von  2001 bis 2016 war er Dompfarrer in Osnabrück und gleichzeitig Regens am Bischöflichen Priesterseminar und ab 2016 Personalreferent und Domkapitular im Priesterseminar. .

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