Feiertag, 19.07.2020

von Johannes Schröer, Köln

Der Heilige und der Humor. Wenn Thomas von Aquin auf Stan Laurel trifft.

Was, wenn ein katholischer Philosoph und ein Komiker – die beide nicht unterschiedlicher sein könnten – auf einmal aufeinandertreffen? Im Buch „Picknick im Dunkeln“ von Markus Orths passiert genau das.

© gemeinfrei

„Stanley berührte ein Bein, ein gestrecktes Knie unter einer Art Nachthemd. Also kauerte dort tatsächlich: ein Mensch. Stanley zuckte zurück. „Wer sind sie?“, fragte er. Keine Antwort. Der andere saß dort, an die Wand des Tunnels gelehnt, leise schnaufend.“

Der andere, der da leise schnauft, ist Thomas von Aquin. Ihm begegnet Stan Laurel. Markus Orths lässt in seinem neuen Roman mit dem Titel „Picknick im Dunkeln“ diese beiden in einem finsteren Tunnel aufeinandertreffen: Der katholische Philosoph Thomas von Aquin und der Komiker Stan Laurel – zwei Charaktere, die Welten voneinander entfernt sind.

Thomas hat im späten Mittelalter mit seinen Ideen das Denken der westlichen Welt maßgeblich beeinflusst. Stan ist als Magier des Lachens weltweit bekannt geworden und hat in den Laurel und Hardy Filmen – in Deutschland auch als Dick und Doof bekannt – Millionen Zuschauer zum Lachen gebracht. Er stolpert also über den stummen Ochsen, so der Spitzname des berühmten Theologen Thomas von Aquin. Damit hat sich der Autor für seinen Roman eine gewagte Versuchsanordnung ausgedacht, die den Leser stutzen lässt.

Zwischen den beiden liegen 700 Jahre

Wie kann das sein? Wie und wo können sich ein katholischer Philosoph aus dem 13. Jahrhundert und ein Hollywood-Film-Komiker, der siebenhundert Jahre später gelebt hat, treffen?

„Kommen sie her“, rief Stanley und tappte Richtung Thomas. „Sagen sie mir, was hier vor sich geht! Wo wir sind! Was das Ganze soll!“. „Gemeinsam“, sagte Thomas, „werden wir der Finsternis die Stirn bieten“.  „Haben sie Streichhölzer dabei?“, fragte Stanley. „Oder ein Feuerzeug?“ - „Ein was?“ fragte Thomas. - „Feuer. Haben Sie Feuer?“ -„Ein kleines Feuer gegen die Finsternis?“ Stanley drehte den Kopf, überrascht von diesen Worten. „Nein“, sagte Thomas. „Ich bin hier gänzlich ohne Licht.“

Was das genau für ein Ort ist, lässt Markus Orths in der Schwebe. Später erzählt er im Roman, wie Stan Laurel mit 74 Jahre auf dem Sterbebett liegt und ins Koma fällt. Plötzlich ist er dem Tod ganz nah. Es könnte also eine Zwischenwelt sein, ein Übergang zum Tod – eine Welt, von der Menschen, die klinisch tot waren, also Nahtoderfahrungen hatten, häufiger berichten.

„Lachen und Denken treffen auf den Tod“

Viele erzählen dann von einem Tunnel, in dem sie sich wiederfanden. Markus Orths lässt Stan Laurel diesen Tunnel betreten. Kurz vor seinem Tod – und das ist biografisch belegt – hat Stan Laurel eine Biografie von Thomas von Aquin gelesen, die ihn sehr beeindruckt hat. Vielleicht lässt Orts den mittelalterlichen Denker deshalb in dieser Zwischenwelt zum Tod mit dem Komiker zusammentreffen.

„Lachen und Denken treffen auf den Tod und das ist im Grunde genommen das Motto oder die Überschrift des ganzen Buches: Der Tod angesichts des Lachens und des Denkens.“

Sagt Markus Orths. Sein Roman stellt die große Frage, was ist der Sinn des Lebens, wenn wir alle sterben müssen, eine Frage, die wir gern verdrängen, die uns jetzt aber in der Zeit der Corona-Pandemie wie unter einem Brennglas bewusst wird und aufscheucht.

Denn Gedanken über Sterben und Tod sind jetzt gegenwärtiger als zuvor. Wir wissen nicht, was kommt und wie es weiter geht. Markus Orths lässt Stan Laurel sagen:

„Ich will eine andere Wahrheit. Nicht die Wahrheit des Todes.“

Und der Komiker Stan meint es damit sehr ernst. Er hat Angst, er ist mutterseelenallein, so beginnt der Roman.

Blind-Date mit Thomas von Aquin

Die Finsternis bedrückt ihn, doch dann stolpert er über einen Koloss, einen ihm unbekannten Mann, so dick wie ein Weinfass.

Stanley konnte nichts dagegen tun: Er hatte keine Angst, sondern fühlte sich unfassbar hingezogen zu einem möglichen Menschen. Einer, der sein Schicksal teilte, einer, der gemeinsam mit ihm drinnen steckte, einer, der dafür sorgte, dass er, Stanley, nicht mehr alleine war, einer, mit dem er würde reden können und der ihm, wer weiß, vielleicht verriet, wo sie sich befanden und was hier vor sich ging.“

Stan Laurel spricht den dicken Fremden an, doch der schweigt. Wer mag das sein?, fragt sich Stan. Vielleicht sein Filmpartner Oliver Hardy? Ohne Ollie wäre Stan nicht zum Weltstar geworden. Die beiden gehören zusammen. Doch dann kommt die Überraschung. Autor Markus Orths stellt Stan einen ‚blind Date Partner‘ an die Seite, mit dem keiner rechnet.

Ich hatte überlegt: Wem könnte Stan Laurel dort begegnen, und es musste jemand sein, der dick war, den er zunächst einmal tastend erspürt, der dann allerdings in allem anderen das Gegenteil seines Filmpartners Oliver Hardy ist. Eben außer der Leibesfülle. Und da fiel mir sofort Thomas von Aquin ein. Der stumme Ochse, das wandelnde Weinfass.“

Denn Thomas von Aquin, so ist es überliefert, hatte ebenfalls eine enorme Leibesfülle. Markus Orths gibt zu, dass man diese Idee für eine Schnapsidee halten könnte. So beginnt doch höchstens ein Witz: Stan Laurel trifft Thomas von Aquin.

Natürlich ist das auch urkomisch, weil Thomas, der im 13. Jahrhundert gelebt hat, gar nicht wissen kann, was Stan mit Amerika meint und schon gar nicht, was ein Film ist oder dass der Komiker Stan Laurel ein weltbekannter Hollywood-Star war. Die Welt des jeweils anderen ist fremd. Unbekannt. Das führt natürlich zu Missverständnissen und witzigen Dialogen, wenn beispielsweise Thomas Stan klar macht:

„Ein Mann kann unmöglich durch die Zeit reisen. Ich kann unmöglich mehr als siebenhundert Jahre alt sein. Conclusio: Ich lebe nicht mehr.“ - „Conclusio?“ - „Schlussfolgerung.“ - „Und wenn Sie nicht mehr leben, was denn dann?“ - „Dann“, sagte Thomas, „bin ich wohl tot.“ - „Tot?“ - „Ich bin tot. Ich treffe SIE. Stan Laurel. Und wenn ich tot bin, sind sie es auch.“ - „Sie wollen sagen, ich lebe nicht mehr?“ rief Stanley. Er löste sich von Thomas und blieb stehen. Wäre er in einem seiner Filme gewesen, hätte er nach kurzem Nachdenken gesagt: „Aber ich will noch gar nicht tot sein, Ollie!“

„Es funktioniert erstaunlich gut“

Stan und Ollie Fans kennen solche Situationen aus den Filmen. In solchen Momenten beginnt Stan sein berühmtes Flennen, das auf den Zuschauer urkomisch wirkt – obwohl die Situation bitterernst ist. Im Roman weint Stan nicht, sondern fragt Thomas aus. Er sucht Antworten, die ihn in dieser Dunkelheit trösten.

Markus Orths gelingt es, die beiden so unterschiedlichen Romanhelden behutsam aufeinander zuzuführen. Haken sie sich ein, fordert Stan Thomas auf – der Komiker und der Heilige Denker stolpern gemeinsam durch die Dunkelheit und erkunden den Sinn und Unsinn des Lebens.

„Also ich habe das Buch gelesen und ich habe vieles von dem wiedergefunden, was mich selbst auch mit Thomas beschäftigt, was mich immer wieder an Thomas fasziniert.“

Sagt der Dominikaner-Pater Carsten Barwasser. Er hat sich viel und ausführlich mit Thomas von Aquin, der ebenfalls Dominikaner war, beschäftigt, besonders mit seinem umfangreichen Hauptwerk „Summa Theologica“.

Pater Carsten staunte zunächst, als er davon erfuhr, dass ein Schriftsteller Thomas von Aquin und Stan Laurel in einem Roman aufeinandertreffen lässt. Dann, nachdem er das Buch gelesen hatte, war er überrascht, wie spannend diese Konstellation ist:

„Es funktioniert erstaunlich gut, dieses Aufeinandertreffen von Gegensätzen, was ja auch durchaus mit dem Denken von Thomas zu tun hat. Die Summa Theologica geht immer von Fragen aus, von Questions und sie versucht, diese Fragen durch das Zusammenstellen oder Gegenüberstellen von Argumenten, von verschiedenen Seiten, von verschiedenen Perspektiven aus eine Lösung zu finden.

Zweisamkeit und Vereinzelung

Genau das passiert auch im Roman. Thomas von Aquin ist der Denker, der Rationalist, der nach Wahrheit sucht, der die Wissenschaften studiert. Dem griechischen Philosophen Aristoteles fühlt er sich verbunden. Wie Stan Laurel nicht ohne Oliver Hardy zu denken ist, so gehören Thomas von Aquin und Aristoteles in gewisser Weise zusammen. Markus Orths geht es in seinem Roman auch um Zweisamkeit und Vereinzelung des Menschen.

„Stan Laurel hat für seinen Erfolg, für sein Leben, für seine komplette Karriere, für das, was ihn wirklich ausgemacht hat, Oliver Hardy gebraucht. Ohne Oliver Hardy wäre Stan Laurel niemals zu diesem erfolgreichen Komiker geworden.

Und Thomas von Aquin ist natürlich nur möglich gewesen durch die Vorarbeit und durch die Schultern des Philosophen, wie er ihn immer nennt, nämlich Aristoteles. Das ist der größte Pfeiler seines Denkens. So brauchten die beiden für ihr Leben jemand anderen. Ich fand es sehr schön, die beiden der anderen Hälfte zu berauben und sie miteinander ins Spiel zu bringen.“

Dieses Angewiesen sein auf Zweisamkeit verbindet die beiden, die sich da auf einmal in der Finsternis gegenüberstehen. Jetzt sind sie neugierig auf den neuen unbekannten Gefährten. Doch eines unterscheidet sie. Stan Laurel ist nicht religiös, er ist säkular geprägt, findet keinen Halt im Glauben. Ganz anders Thomas von Aquin. Seine Suche nach Sinn und Wahrheit geht von einem festen Glauben an Gott und Jesus Christus aus. Im Roman sagt Aquin zu Stan Laurel:

„In diesem Leben geht noch das letzte Glück verloren im Tod. Eine irdische Glückseligkeit endet immer in Traurigkeit. Es wird niemals ein vollkommenes Glück geben. Auf die Erde regnen allenfalls Glückströpfchen. Aber dennoch liegt sie in uns, die Sehnsucht nach dem beständigen, ewigen, vollkommenen Glück. Wenn aber Gott uns diese Sehnsucht gegeben hat, so wird er sie auch erfüllen“ 

„Aber warum?“ fragt Stan. - „Weil Gott die Güte ist, weil er nur die Güte sein kann. Er wird uns nicht fallen lassen am Ende der Tage, er wird uns retten und zu sich führen, in die Ewigkeit. Wahre, beständige Glückseligkeit kann daher nur liegen in Gott“.

Die tröstende Kraft des Erzählens

Stan Laurel ist der christliche Glaube und die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod fremd. Er ist durchaus – und das ist biografisch überliefert – philosophisch belesen, mit dem Glauben an einen Gott hat er jedoch Probleme. Und trotzdem fühlt sich Stanley Thomas von Aquin nah:

„Er spürte die unglaubliche Kraft, die in Thomas Worten lag. Es war nicht seine eigene Wahrheit, sondern die Wahrheit des anderen, doch diese Wahrheit leuchtete feurig, in allem das Gegenteil des Dunkels, in dem sie sich befanden, und Stanley hörte dem anderen gerne zu, weil ihn die Worte beruhigten und sogar trösteten.“ 

„Picknick im Dunkeln“ ist auch ein Roman über die tröstende Kraft des Erzählens. Denn Thomas von Aquin und Stan Laurel diskutieren nicht nur über die – nach Thomas – unsterbliche Seele und den sterblichen Körper, über den Sinn und die Wahrheit, sondern sie erzählen sich auch ihr Leben. Sie erkennen Parallelen in ihren Biografien. Verluste und Enttäuschungen haben sie beide schon früh erlebt. Beide haben schon früh ein Elternteil verloren und ein geliebtes Geschwisterkind.

Allein das Erzählen und mitfühlende Zuhören tröstet sie in der Dunkelheit – Autor Markus Orths war das ganz wichtig. 

„Stan Laurel sagt an einer Stelle, welche Macht im Erzählen liegt, weil er plötzlich merkt, in dem Augenblick, wo Thomas ihm von seiner Vergangenheit erzählt, vom Tod des Schwesterchen, von dem Kloster, von den Mönchen, vom Fressen und so weiter und so weiter. In diesen Augenblicken sieht Stan Laurel es förmlich vor sich. Kann das nachempfinden und nachvollziehen, was der andere ihm erzählt. Dadurch ist man bei dem anderen mit dem anderen Mann. Wenn man sich ganz darauf einlässt, dann versteht man auf diese Weise auch den anderen.“

Stan Laurel lässt sich auf Thomas von Aquin ein – und auch der ernste katholische Philosoph, der seit seinem fünften Lebensjahr, so heißt es in der Legende des Heiligen, nicht mehr gelacht haben soll, findet an Stan gefallen – an diesem freundlichen Arthur Stanley Jefferson, wie sein Geburtsname lautet, der seinen Sinn des Lebens im Unsinn seiner erfolgreichen Filmfigur Stan gefunden hat.

Unsinn darf sein

Charakteristisch für die Laurel und Hardy Filme ist das ansteckende alberne Lachen – das absolut unsinnig und unkontrollierbar ist. Thomas von Aquin stutzt, für ihn ist so ein alberner Kontrollverlust lächerlich. Autor Markus Orths findet dieses alberne Lachen spannend, weil es etwas erfrischend Anarchistisches hat.

Das Lachen macht mit uns etwas, wo wir gar keine Kontrollinstanz mehr haben. Die Vernunft, das Denken, es ist alles ausgeschaltet. Wir geben uns völlig diesem Lach-Flash hin. Gerade auch das alberne Lachen darf sich erschöpfen in dem Unsinn oder in einer Sinnlosigkeit. Es muss keine Bedeutung und keine Relevanz haben. Vielleicht ist gerade das das Kriterium und das Charakteristikum des albernen Lachens, dass es einfach Unsinn sein darf, endlich mal Unsinn sein darf und nicht einen Sinn haben muss.“ 

Im albernen Lachen kann sich Stan ganz loslassen, er kann sich hineinfallen lassen in etwas sehr Lebendiges – in die pure Freude am Leben. Damit stellt er jeden Ernst und jede Autorität in Frage. Die absolute einzige Wahrheit gibt es für Stan nicht.

Und auch Thomas von Aquin ist am Ende seines Lebens tief verunsichert. Seine enorme philosophische Arbeit, alles, was er geschrieben hat, bezeichnet er sogar als Stroh. Das heißt – auch seine Suche ist nicht an ein endgültig fassbares Ende gekommen. Nach Thomas bleibt Gott für die Vernunft immer eine Herausforderung und ein Geheimnis, sagt der Aquin-Experte Pater Carsten.  

„Thomas ist bekannt dafür, dass er gesagt hat, wir können nicht wissen, was oder wer Gott ist von der Vernunft her, sondern wir können bestenfalls wissen, was Gott nicht ist. Das heißt also eine Theologie, die sich darüber im Klaren ist, dass ich von der Vernunft her Gott niemals begreifen kann, ist ganz zentral für Thomas.“

Schluss mit dem Tod?

„Aber Schluss mit dem Tod. Am Ende bleibt das Leben!“

Das vorletzte Kapitel in dem Buch von Markus Orths besteht nur aus diesen zwei Sätzen: „Schluss mit dem Tod – am Ende bleibt das Leben!“

Und dann im letzten Kapitel erzählt der Autor wie Thomas von Aquin, der seit seinem fünften Lebensjahr nicht mehr gelacht haben soll, das Lachen für sich entdeckt. Stan hat ihn mit seinen Albernheiten angesteckt und ihm den Weg gezeigt, das begrabene Lachen seines Lebens zu befreien.

Jahrzehnte hatte das Lachen in Thomas Bauch gelegen, eingerollt wie ein Tier, in den Schlaf gezwungen, ruhig gestellt von Geist und Vernunft, eingemottet von der Hoheit der Bedeutung und des Glaubens. Jetzt aber erwachte das Tier, räkelte sich, blinzelte leise ins Licht. Und dann war es da. Von einem Augenblick auf den anderen. Ohne Anlauf. Ohne Vorbereitung. Voll und ganz. War es da. Wach. Auferstanden. Einfach so.“

Nichts kann verstanden werden, was nicht vorher in den Sinnen war – sagt Aquin am Ende des Romans. Voll will er sein, wenn der Augenblick des Todes kommt – voll von der Luft des Lebens und der Freude am Lebendigen. Und dann zitiert Thomas von Aquin den Philosophen Wittgenstein, der viel später gelebt hat: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, hat der gesagt.

„Was mich immer wieder an Thomas fasziniert ist etwa die Frage von Wahrheit, wie wir Wahrheit erkennen können. Die Wahrheit als ideal ist, ist wesentlich für uns und gleichzeitig ist es natürlich schon so, dass niemand sagen kann, er hat die Wahrheit in irgendeiner Form in einem Besitz, sondern Wahrheit auch immer. Etwas ist. Was entsteht in einem dialogischen Prozess? Letztlich suchen wir alle nach Wahrheit, und wir haben aber in unserem Leben schon auch die Möglichkeit, Wahrheit immer wieder zu erkennen. Und wenn es auch nur Stücke dieser Wahrheit sind, und ich glaube, dafür steht gerade Thomas sicherlich für.“

Die Frage nach Gott und Wahrheit beantwortet Markus Orths in seinem Roman nicht. Er gibt uns aber hellsichtige Stichworte, die wir weiterdenken können. Thomas und Stan freunden sich in der Zwischenwelt an. Auch in ihren Gedanken und Gefühlswelten lernen sie sich zu verstehen. Markus Orths sagt, er habe sich in diesem Roman auch seinem kürzlich verstorbenen, sehr gläubigen Vater annähern wollen. Dafür steht Thomas von Aquin. 

Und Stan Laurel ist der neugierige Agnostiker, der sucht, dem der Glaube aber fremd ist. So sieht sich auch Markus Orths. Seine Romanfiguren Thomas von Aquin und Stan Laurel berühren den Leser, weil sie sich zuhören, weil sie sich durch das Erzählen ihrer Geschichten trösten und weil es dem Autor gelingt, die großen schweren Sinnfragen mit Humor auszupolstern – durch das Gegengewicht des Lachens.

Es geht um die ganz großen Fragen

„Picknick im Dunkeln“ ist ein Roman, der klug und unterhaltsam im Leser einen Resonanzraum erzeugt, um über die großen Sinnfragen nachzudenken – Fragen, die uns in Zeiten der Corona-Pandemie auf den Nägeln brennen. Obwohl sich Markus Orths beim Schreiben des Romans vor einem Jahr nicht über diese besondere Aktualität seines Buches bewusst sein konnte.

„Ja, ich bin auch der Meinung, dass das Buch sehr schön um diese Zeit gerade passt. Wir tappen im Dunkeln, wir wissen nicht, was kommt. Es ist plötzlich etwas da, wo wir uns fragen Sterben wir, sterben wir nicht? Allerdings glaube ich schlicht und ergreifend, dass wir alle ja die Frage nach dem Tod größtenteils und auch zu Recht verdrängen, weil das uns natürlich auch lähmen würde.

Und trotzdem bin ich der Meinung, dass es immer mal wieder Momente und Augenblicke im Leben eines Menschen geben sollte, in dem er sich genau dieser Frage stellt und widmet. Und weiter dann auch die Frage stellt angesichts des sicheren Todes: Wie sieht denn dann mein Leben aus bis zu diesem Augenblick des sicheren Todes? Sei er in drei Minuten, in dreißig Jahren oder in drei Monaten, man weiß es ja nicht.“

„Können sie sich erinnern?“, fragte Thomas. - „Ich erinnere mich die ganze Zeit“, sagt Stanley. - „Und was ist ihre allerletzte Erinnerung?“ - „Ich liege im Bett. Im Krankenbett. In meiner Wohnung. In Santa Monica. Ich sage zur Krankenschwester, die sich um mich kümmert: Ich würde jetzt gerne Ski fahren. Und die Schwester sagt: Ja, sind sie denn Skifahrer? Ich sage: Nein, aber ich würde jetzt trotzdem lieber Ski fahren, als das hier zu tun: zu sterben.“

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden.

Musik: 

Cycle Concert

Kopfkino

Armellodie

Manifesto

Crazy


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Dieser Beitrag wurde am 19.07.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Schröer

Johannes Schröer wurde 1963 in Emstek, im Oldenburger Münsterland geboren. Nach dem Studium der Psychologie, Theologie und Germanistik in Marburg, Tübingen und Bochum (Abschluss Staatsexamen), sowie einem Auslandsjahr als Assistent Teacher in London, absolvierte er ein Volontariat bei Radio Essen, wo er fünf Jahre als Hörfunk-Redakteur arbeitete. 1997 wechselte er in die Redaktion KIP-NRW, 2000 dann zum WDR TV-Programm der Lokalzeit Ruhr. Seit 2002 arbeitet Johannes Schröer beim Kölner Domradio. Neben seinen Aufgaben als stellvertretender Chefredakteur und CvD, ist er für die Literatur im Domradio verantwortlich. Veröffentlichungen: ‚Als der Dom nach Köln kam‘ und Mitherausgeber des Katalogbuches ‚Trotz Natur und Augenschein. Eucharistie – Wandlung und Weltsicht‘ im Greven Verlag. Außerdem schreibt Schröer Kinderbücher für den Carlsen Verlag in der Reihe Pixi. Kontakt: johannes.schroeer@domradio.de

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