16. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Gudula in Rhede

Predigt von Pfarrer Thorsten Schmölzing

Wie ist Gott? Wenn wir ehrlich sind: Diese Frage raubt den wenigsten Menschen den Schlaf: Für einige steht sie erst gar nicht im Raum, weil ihnen klar ist: Es gibt keinen Gott.

Wer an Gott glaubt, hat im Laufe seines Lebens oft eine Routine im Zusammensein mit ihm gefunden. Wenn wir beten, reflektieren wir nicht ständig, welches Bild von Gott dabei im Hintergrund steht. Wenn wir versuchen, gut zu leben, ist uns nicht in jedem Moment deutlich, auf welchen Aspekt der biblischen Botschaft wir uns gerade beziehen.  

Es braucht einen Anlass, damit wir uns überhaupt der Frage widmen, was wir von Gott erwarten.

Dieser ergibt sich manchmal dadurch, dass uns das Leben vor Herausforderungen stellt, die wir nicht mehr einfach in der Routine unseres Glaubens bewältigen können. Viele von uns empfinden vermutlich die Gefährdungen des Corona-Virus als eine solche Situation. Denn dieses Virus verändert auch unsere Glaubenspraxis.

Manche von uns feiern diesen Hörfunkgottesdienst gerade deswegen mit, weil sie im Moment nicht das Risiko eingehen möchten, eine Kirche zu besuchen. Dabei betrifft die Suche nach einer anderen Art der Kommunikation mit Gott nicht nur die äußere Seite unserer Beziehung zu ihm.

Es steht auch die Frage im Raum: Welche Art von Zuwendung kann ich von Gott erwarten – wenn ich nicht in die Kirche gehe, um eine heilige Messe mitzufeiern? Für nicht wenige Menschen ist die Corona-Krise eben auch eine Glaubenskrise.    

Wenn das Leben in ruhigen Bahnen verläuft, kann es ein Gedankenanstoß von außen sein, der unser inneres Glaubensgefüge in Schwingung bringt und die Frage nach Gott in unser Bewusstsein treibt. Jesus ist extra auf die Welt gekommen, um solche Impulse des Nachdenkens über Gott zu setzen.

Mit seinem Gleichnis vom Acker, auf dem gute Feldfrüchte und auch Unkraut wachsen, hat er auf ein menschliches Phänomen hingewiesen, das uns allen vermutlich sehr vertraut ist: Wir Menschen sind ambivalent, zwiespältig.

In unserem Inneren gibt es Regungen, die uns zu gutem Verhalten ermutigen, das uns selbst zufrieden macht und das sich positiv auf andere Menschen auswirkt.

Gleichzeitig gibt es in jedem Menschen Kräfte, die etwas Destruktives, Zersetzendes haben, weil sie uns selbst oder das Zusammenleben mit anderen negativ beeinflussen.

Oft befinden sich diese seelischen Bewegungen miteinander im Widerstreit, lösen einen inneren Kampf aus, bei dem es darum geht: Welche Seite wird sich am Ende durchsetzen? Diese Auseinandersetzung kann manchmal richtig lange dauern.

Nicht selten haben solche inneren Kämpfe mit Verletzungen zu tun, die uns andere zugefügt haben. Wenn uns Menschen, die uns wichtig sind, an einem sensiblen Punkt getroffen haben, dann kann es jahrelang einen Stellungskrieg geben – zwischen Fantasien, wie ich es dieser Person einmal richtig heimzahlen kann, und dem tieferliegenden Wunsch: Ich möchte vergeben!         

Dabei kann ich erschrecken über die Boshaftigkeit meiner eigenen Rachegelüste und die Hartnäckigkeit, mit der sie in mir wirksam bleiben. In solchen Momenten kenne ich von mir einen Gedanken: Wie wäre es doch schön, wenn sich dieser Teil meiner Persönlichkeit abtrennen ließe – damit er nicht mehr zu mir gehört, damit er weg ist.

Die Knechte, von denen Jesus in seinem Gleichnis erzählt, greifen genau diesen Wunsch auf, wenn sie mit Blick auf das Unkraut zwischen dem Weizen fragen:

„Sollen wir es ausreißen?“

(Mt 13, 28)

Der Gutsherr begegnet dem Anliegen der Knechte mit einem klaren „Nein“ und dem Hinweis:

„Lasst beides wachsen.“

(Mt 13, 29f)

Wie kommt Jesus zu dieser Haltung?

Im Gleichnis spielt der Gutsherr die Rolle Gottes. Offenbar kann Gott geduldig alles wachsen lassen. Denn er hat eine Eigenschaft, von der wir in der Lesung aus dem Buch der Weisheit gehört haben: Gott „richtet mit Milde“ (Weish 12, 18).

Das zu hören, tut mir persönlich gut.

Denn es lässt ein Bild von Gott in mir entstehen, der sich nicht angewidert von den negativen Kräften in mir abwendet, sondern der Verständnis hat: Gott versteht, dass in mir Gutes und Schlechtes miteinander streiten.  

Er ist nachsichtig, wenn es Momente gibt, in denen ich nicht stark genug bin, den positiven Impulsen in meinem Inneren zu folgen.

Wenn ich mich habe hinreißen lassen, dann bin für Gott nicht verloren. Ich darf weiterwachsen – und wie es im Buch der Weisheit steht: Gott „gewährt“ die Möglichkeit zur „Umkehr“ (Weih 12, 19).

Darin besteht Gottes Menschenfreundlichkeit: Dass er verständnisvoll auf unsere inneren Auseinandersetzungen schaut und uns die Möglichkeit zur Entwicklung gibt – solange wir leben.

Gleichzeitig ist er nicht damit zufrieden, wenn wir nur Empfänger seiner Menschenfreundlichkeit sind. Er will uns auch hineinnehmen in einen Lernprozess, damit wir selbst immer mehr zu Menschenfreunden werden.

Wie werde ich ein Menschenfreund?

Ich kann auf andere Menschen schauen, auf ihre guten und ihre negativen Kräfte – und geduldig sein.

Ich kann auf mich selbst schauen, auf meine positiven und meine schlechten Entscheidungen – und gelassen bleiben, weil ich umkehren darf.            


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Dieser Beitrag wurde am 19.07.2020 gesendet.





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