Morgenandacht, 17.07.2020

von Dietmar Rebmann, München

Das Leben schützen

Es hat gerade stark geregnet und ich gehe nachsehen, wie es im Garten aussieht. Da entdecke ich in einem Teil eine regelrechte Invasion von Nacktschnecken. An einer Hausecke haben sich die Ameisen wohl wieder mal entschieden, ihren Nachwuchs hier zu platzieren.

Es tut sich überall etwas und spätestens beim Blick auf die verschmutzten Autoscheiben denke ich mir, dass wieder mehr Kleingetier in der Luft herumfliegen muss. Worüber sich mancher ärgert, das finde ich eher erfreulich, denn die vielen Kleintiere lassen mich hoffen, dass die Maßnahmen im Rahmen der sog. Bienenaktionen schon Wirkung zeigen.

Früher habe ich die Kleintierwelt, vor allem die im eigenen Garten, auch eher unter der Rubrik „Ungeziefer“ eingeordnet. Aber jetzt erschrecke ich über die Schnelligkeit, mit der viele Arten der Tier- und Pflanzenarten aussterben.

Heute wissen wir ja: Alles ist wichtig. Auch die winzigsten Lebewesen tragen zum Gesamthaushalt der Natur bei. Was wären wir ohne den Fleiß der Ameisen, der Würmer, die unentwegt Humus produzieren. Was wären die Vögel ohne die Mücken, die großen Pflanzen ohne die Kleinen.

Die Erde braucht nicht nur wunderbare Orchideen, sondern auch Gänseblümchen. Und das Kleine hat oft die größte Widerstandskraft, kämpft am zähesten ums Überleben. Erich Kästner hat schon gefragt:

„Wer widersteht den donnernden Zügen, wenn sie heranrauschen. Es sind die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen.“

Alles ist miteinander verbunden. Und wenn man immer mehr Glieder aus der Kette herausbricht, dann wird irgendwann der ganze Kreislauf krank. Darauf hat ein interessantes Projekt einer Supermarktkette aufmerksam gemacht. Der Discounter räumte übers Wochenende alle Produkte aus den Regalen heraus, die es ohne die Hilfe von Insekten nicht gäbe.

Und siehe da: Insgesamt war der Supermarkt zu 60 % leer geräumt. Viele sind darüber erschrocken und durch solche Aktionen kann uns bewusst werden, wie sehr unsere Lebensweise Folgen hat für das ganze Leben auf der Erde.

Unsere Lebenseinstellung muss also zurückkehren zum Grundsatz des griechischen Philosophen Aristoteles, der gesagt hat: Alles Leben ist miteinander verbunden. Und darum muss Leben das Leben respektieren. Albert Schweitzer hat dies so definiert: Wir sind Leben inmitten von Leben, das leben will. Ehrfurcht vor dem Leben war darum die Grundmaxime seines Lebens und Handelns. Diese Ehrfurcht hat für mich gleichzeitig zu tun mit dem Respekt vor dem Schöpfer und dem Glauben an Gott.

Die Grundfrage ist ja, wie ich mein Leben definiere. Für mich ist mein Leben Gott gewollt und deshalb versuche ich, mein Leben an ihm zu orientieren, der für mich ein schöpferischer Gott ist. Lebe ich mein Leben in Gottverbundenheit, dann folgt daraus, dass ich eine besondere Verantwortung trage und nicht wegsehen kann, wenn Leben bedroht ist.

Ich finde: Die biblisch-christliche Gedankenwelt passt sehr gut mit dem wachsenden Sinn für nachhaltiges Leben zusammen, denn sie sieht das Leben und die Geschichte auch aus der Perspektive einer Verantwortung für die Zukunft. Und für diese Zukunft ist es nicht nur wichtig, welche Erfolge wir in politischen Fragen und wirtschaftlichen Entwicklungen haben. Da ist es auch wichtig, ob die kleinen Insekten und Käfer ihren Beitrag zum Haushalt der Natur leisten können.

Wenn wir im Kleinen den Wert des Lebens nicht achten, denke ich, dann werden wir langfristig das System Erde nicht gut erhalten können. Also zählt: Achte das Kleine! Und: Weniger ist mehr! Verzicht macht die Seele reicher als ständiges Habenwollen und mein eigenes Wohlergehen hängt auch davon ab, dass ich das Leben jeden Tag achte und schütze, im Großen wie im Kleinen. Die Achtung der Schöpfung beginnt direkt vor meinen Augen, im eigenen Garten, bei Schnecken, Käfern und Ameisen.


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Dieser Beitrag wurde am 17.07.2020 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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