Morgenandacht, 16.07.2020

von Dietmar Rebmann, München

Groß denken

„Früher, in der guten alten Zeit, war alles besser.“

So denken und reden viele Menschen. Mit einem nostalgisch eingefärbten Blick sieht es manchmal tatsächlich so aus, als sei die gute alte Zeit besser gewesen. Weil alles so beruhigend klar und einfach zu sein schien, denn da hatte man ja noch den Überblick: Es gab drei Fernsehprogramme, drei Brotsorten und drei Eissorten. Fertig.

In der Schule lernte man rechnen, schreiben und lesen, nach der Schule gingen die Jungs auf den Bolzplatz und die Mädchen spielten Fangen oder Seilhüpfen. Heutzutage jagt eine Schulreform die andere. Für jedes Produkt gibt es im Supermarkt mind. 25 Sorten zur Auswahl, obwohl doch niemand Zeit hat, sie alle zu sichten.

Im Dschungel der Podcasts, Streamings und PC-Spielewelten verlieren sich viele in einer undurchschaubaren medialen Parallelwelt. Ja doch: Früher war alles besser. Man kannte seinen Heimatort genau und die Menschen, die dort lebten. Heutzutage ist alles anders und das eigene Leben scheint einem manchmal fremd zu wirken.

Aber stimmt das wirklich? War früher alles besser? Wohl eher nicht. Früher, das ist für mich die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Frauen z.B. hatten weniger Rechte als heute, mussten den Männern gehorchen und lebten oft in engeren Bahnen.

Viele bürgerlichen Rechte mussten erst einmal in zähen Diskussionen erstritten werden. Die zunehmende Umweltverschmutzung machte die Flüsse, in denen wir als Kinder gebadet hatten, zu stinkenden Kloaken. Früher glaubte man, dass „in Zukunft“ alles besser würde. Die Raumfahrt weckte die Sehnsucht nach den Weiten des Universums.

Und die Initiativen der Friedensbewegungen machten Hoffnung, dass Kriege und Konflikte verschwinden würden. Die Demokratie würde siegen, so dachte man, weltweiter Fortschritt und Wohlstand kämen. So ist mein persönlich eingefärbter Blick zurück in meine „gute alte Jugendzeit“.

Es gibt also diese zwei Denkweisen. Wenn man sagt: Früher war alles besser, dann ist nicht nur die Gegenwart, sondern auch die zu erwartende Zukunft ja schlechter. Dann denkt man nicht mehr groß vom Menschen und seinen Möglichkeiten. Man wird kleingläubig und macht sich Sorgen.

Wenn man dagegen die Vergangenheit als etwas sieht, was überwunden werden kann durch neue Ideen und Entwicklungen, dann denkt man groß vom Menschen und der Welt und den Möglichkeiten, diese Welt zu gestalten.

Sorgen sind oft Ideen, die im Kopf entstehen und das Denken sehr eng und unflexibel machen. Sorgen sind wie dunkle Wolken am Himmel. Sie verdüstern einem das Leben. Sie malen sich einen schlimmen Fall aus. Doch wenn man sie hinterher überprüft, sind sie oft nicht so eingetreten, wie man sie sich erdacht hatte. Das echte Leben ist meistens anders.

In der Bergpredigt will Jesus die Menschen dazu anregen, groß zu denken. Jesus möchte den Glauben bei uns Menschen groß machen! Wer in Sorgen feststeckt, kann nicht frei und fröhlich sein, der kann nichts Großes vollbringen. Ich glaube, Jesus will da etwas ändern. Er macht einen Gegenentwurf. Er sagt: Für Euch ist bereits gesorgt. Schaut in die Natur. Die wunderbaren Vögel und Blumen, wie sie wachsen und gedeihen. Das tun sie, weil Gott allem Lebendigen seine Kraft und Schönheit gibt.
Wenn er das schon für Vögel und Blumen tut, dann umso mehr für euch Menschen, weil er eine Beziehung zu euch haben möchte. Ihr müsst Gott und seinen unerschöpflichen Möglichkeiten nur vertrauen, dann denkt ihr groß von eurem Leben.

Ich finde das faszinierend und hilfreich, weil Jesus hier umkrempelt, was man normalerweise so denkt. Sorgen schreien nach Vorsorge. Vertrauen aber ist ganz anders. Es rechnet mit jemandem, der einen unterstützt und fördert.  Und auf einmal ist da eine ganz andere Perspektive.

Entscheidend ist, ob wir Gott mit dabei haben. Dann nämlich kann Segen auf dem liegen, was kommt. Wenn Gott die Zukunft ist, können wir immer sagen: Das Beste kommt noch.


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Dieser Beitrag wurde am 16.07.2020 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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