Morgenandacht, 15.07.2020

von Dietmar Rebmann, München

Dankbar sein

Ich muss zugeben, ich habe seit einigen Wochen ziemlich viel auf dem Kerbholz. Aber nicht, weil ich so viel Unrechtes angestellt hätte, sondern weil ich das Gefühl habe, dass ich so vielen Menschen etwas schuldig bin.

Das Kerbholz war ja der Vorläufer elektronischer Speichermedien. Ein Kerbholz gebrauchte man z.B. beim Einkaufen, also in der Hauptsache, wenn man Schulden machen musste. Waren die Kerben eingeschnitten, dann teilte man das Holz in zwei Hälften. Eine bekam der Schuldner, die andere der Gläubiger.

Wer bei wem eine Rechnung offen hatte, wurde auf der Rückseite festgehalten. Dort standen immer zwei Namen – der des Schuldners und der des Gläubigers. Der „Schuldner“ hieß so, weil er Schulden gemacht hatte und zu einem festgelegten Zeitpunkt seine Schuld ausgleichen musste. „Gläubiger“ war derjenige, der dem Schuldner glaubte, dass er ihm seine Schuld bezahlt.

Und dann, am Tag der Abrechnung, brachten beide ihre Hälfte des Kerbholzes mit. Man legte es an den Bruchstellen zusammen. Jede Bruchstelle war einzigartig, weil sich jedes Brett anders spaltet. Es passen eben immer nur die zwei Hälften zusammen, die ursprünglich zusammengehörten. So war das Kerbholz fälschungssicher.

Und wenn die Schuld bezahlt war, nahm man den Hobel und löschte die Kerben heraus. Und so konnte man das Kerbholz wiederverwenden.

Über eine lange Zeit waren die Kerbhölzer im Einsatz. In den Alpenländern noch bis in das 20. Jahrhundert.

Heute lebt es nur noch in unserem Sprachgebrauch weiter.  Wenn einer schuldig geworden ist, wenn jemand etwas ausgefressen hat, sagen wir:

„Er hat etwas auf dem Kerbholz.“

Die Redensart vom Kerbholz verweist also auf den Zusammenhang von schuldig werden, wieder in Ordnung bringen und Gerechtigkeit herstellen.

Und da meine ich, habe ich einiges auf meinem Kerbholz, weil ich in den Corona-Monaten so vielen Menschen etwas schuldig geworden bin. Ich meine das in Bezug auf die Menschen, die sich in dieser Zeit ganz besonders eingesetzt haben – für die Gesellschaft und damit auch für mich.

Weil sie oft über ihre Kraft hinaus Dienst getan haben als Polizisten, Mitarbeiter in den Arztpraxen und Krankenhäusern, Verkäuferinnen oder als Ordnungskräfte an vielen Stellen, damit kein Chaos ausbricht. Dabei haben sie ihren Urlaub geopfert, den sie nicht nehmen konnten, und oft sogar noch ihre Freizeit. Und nicht wenige werden auch gesundheitliche Schäden behalten, weil die körperlichen und seelischen Belastungen über viele Wochen deutlich höher waren als im normalen beruflichen Alltag.

Ich weiß gar nicht, wie ich da wieder etwas zurückgeben könnte, wie ich einen gerechten Ausgleich schaffen könnte. Wenigstens versuche ich, bewusst freundlicher zu sein, wo ich früher eine Dienstleistung als selbstverständlich angenommen habe. Oder das Trinkgeld deutlich höher ausfallen zu lassen. Solche kleinen Gesten sind aber nur sehr bescheidene Akzente, denn alle Kerben werde ich wohl nicht loswerden.

Es bleibt so vieles, wofür ich einfach nur dankbar bin, ohne dass ich etwas zurückgeben könnte. Und ich hoffe, dass in unserer Gesellschaft das Bewusstsein dafür erhalten bleibt, was während der Corona-Krise so viele für alle geleistet haben. So werden viele Kerben ungelöscht bleiben.

Da hilft mir ein Gedanke aus der Bibel, dass es auch noch eine höhere Gerechtigkeit gibt. Dass Gott derjenige ist, der alles ausgleicht. Jesus sagt einmal: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan. D.h. das Gute, das wir bekommen und das wir selbst bewirken, wird auch in einen göttlichen Raum einfließen, von dem aus Gott dann alles in einen Ausgleich bringt. Das heißt ja auch, dass alles Gute erhalten bleibt.

Es lohnen sich also auch die kleinen Gesten und Zeichen. Das finde ich sehr entlastend. Und ich danke Gott für seine höhere Gerechtigkeit.


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Dieser Beitrag wurde am 15.07.2020 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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