Morgenandacht, 14.07.2020

von Dietmar Rebmann, München

Den Standort suchen

Ich sitze in einem Café im Einkaufszentrum und beobachte einen kleinen Jungen, der vor sich hinträumt und nicht sieht, wie seine Mutter mit dem Einkaufswagen um die Ecke verschwindet. Sie ist plötzlich außerhalb seines Gesichtsfeldes.

Da beginnt der Junge laut „Mama!“ zu schreien, so herzzerreißend und voller Panik, wie nur Kinder das tun, wenn sie den Kontakt zu ihren Eltern verlieren. Die Mutter kann ich nicht sehen, sie kommt auch nicht zurück, aber ich höre sie rufen: „Ich bin hier!“ Und schon hüpft der Kleine vergnügt los.

Seine Panikattacke ist wie weggeblasen. Diese Situation kann man beim Einkaufen so oder ähnlich immer wieder erleben, wenn Kinder vor sich hinträumend hinter den Eltern her trotten und diese ihren aktuellen Standort durchgeben.

Wirklich hilfreich ist so eine Standortbestimmung. Nicht nur zwischen Eltern und Kindern. Mancher Anfall von Angst und Verzweiflung, manche Beziehungskrise müsste vielleicht nicht sein, wenn wir öfters sowas wie eine Standortbestimmung machen würden.

Wenn wir denen, die uns wichtig sind, immer mal wieder sagen, wo wir momentan stehen: Was wir so denken, was wir uns wünschen und wovor wir Angst haben. Oder eben auch einfach nur, um zu signalisieren, dass wir noch da sind. Das macht den Kontakt intensiver und entspannt die Beziehung.

Wäre übrigens auch eine gute Strategie Gott gegenüber. Nicht warten, bis ich mich völlig verlassen fühle und depressiv werde. Sondern einfach mal wieder Kontakt aufnehmen. Gott zurufen: „Ich bin hier – Wo bist du?“

Auch als Erwachsener erlebe ich Phasen, in denen ich träumend durchs Leben gehe. In denen ich dann auch einmal die Orientierung verliere und nicht mehr so genau weiß, wo ich stehe und wohin ich will. Kleinere und größere Lebenskrisen sind oft Herausforderungen, den eigenen Standort wieder zu ermitteln. Da muss man etwas Geduld aufbringen.

Mit dem Smartphone geht das ganz einfach. Da sieht man dann einen kleinen roten Punkt auf der Karte, aber die Orientierung auf meinem Lebensweg ist schwieriger. Und wenn ich auf höheren Beistand hoffe, muss ich feststellen: Selbst Gott gibt auf meinen Hilferuf nicht direkt eine Antwort oder ich verstehe sie nicht. Das haben auch die großen biblischen Gestalten erfahren müssen.

Mose zum Beispiel hat lange gebraucht bis er zu seiner Bestimmung als führende Gestalt eines ganzen Volkes gefunden hat. Selbst als Gott ihm direkt den Auftrag gibt, die Menschen aus dem Einfluss des ägyptischen Pharaos zu befreien, sträubt sich der junge Mose mit aller Kraft dagegen. Nein, das kann ich nicht, sagt er, ich kann nicht reden, ich fühle mich dem Auftrag nicht gewachsen.

Da hilft ihm Gott, indem er ihm zeigt, wo er, Gott, seinen Standort hat und wo Mose ihn jederzeit finden kann. Gott zeigt sich dem Mose in einem Dornbusch, der brennt, aber nicht verbrennt. Und er fordert Mose auf, seine Schuhe auszuziehen. Denn -so Gott- der Boden, auf, dem du stehst, ist heiliger Boden. Eine außergewöhnliche Standortbestimmung. Sie kann nämlich so verstanden werden, dass Gott immer dort ist, wo ich gerade bin. Dann ist jeder Boden, auf dem ich stehe, heiliger Boden. Und deshalb hat Gott auch einen besonderen Namen.

Es war ja üblich, dass die Götter im Alten Orient Namen hatten, also fragt Mose nach: Welchen Namen soll ich sagen? Wer bist Du? Und die Antwort Gottes ist: „Ich bin, der ich sein werde“ nach der Übersetzung von Luther. „ICH BIN DA“ im Sinne des „Ich bin mit dir“ in anderen Übersetzungen.

Und als solcher erweist er sich als der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Also der, der immer schon dabei war, auch bei den Generationen vor mir. Dieser immer anwesende Gott erspart es auch mir nicht, meine Wege selbst zu gehen, auch die schwierigsten.

Aber sobald ich meinen aktuellen Standort überprüfe, kann ich mir bewusst machen: Es ist mit Gott wie zwischen Eltern und Kindern: ich kann ihn anrufen, ihm hinterherschreien. Und ich kann die beruhigende Antwort genießen, die ich ja schon kenne, wenn er sagt: Ich bin hier!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 14.07.2020 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche