Morgenandacht, 13.07.2020

von Dietmar Rebmann, München

Zur Ruhe finden

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr so viele aktuelle Nachrichten in Zeitungen und im Internet zu lesen. Und auch die Reportagen im Radio oder politische Talkshows im Fernsehen wollte ich reduzieren, um mich ein wenig zu lösen von den vielen aufregenden Meldungen, die seit Monaten täglich auf mich einstürmen.

Ich bekomme nämlich immer öfter aus meinem privaten Umfeld die Anregung: Reg dich nicht so auf! Oder die Mahnung: Du bist den ganzen Tag nur noch am Schimpfen.

Und wenn schon, ist das wirklich schlecht? Es gibt ja in der Corona-Zeit oft stündlich überraschende Wendungen der Ereignisse und wir müssen mit all dem erst einmal klarkommen. Und jeden Tag muss ich überprüfen, ob sich die Verhaltensregeln in Bezug auf Corona nicht schon wieder geändert haben. Schimpfen hat dann manchmal auch eine entlastende Wirkung, wenn man nicht so genau weiß, wohin mit den Emotionen.

Ich kann erst einmal etwas Dampf ablassen und meinen Ärger kontrolliert zum Ausdruck bringen. Wenn es aber zu einer Dauerhaltung wird, kann es auch schädlich sein, wenn daraus eine dauerhafte Erregung wird. Weil ich mich ja „auf-rege“, d.h. der Blutdruck geht hoch, der Adrenalinpegel steigt und das sollte kein Dauerzustand sein. Ich muss mich auch wieder abregen können, mich entspannen und mich lösen von den Sorgen, die um mich herumschwirren.

Ein Blick in die Kommentare der sozialen Medien und in die Leserbriefspalten zeigt, dass das Schimpfen und Aufregen für viele eine Dauerbeschäftigung zu sein scheint. Vielleicht habe ich mich davon anstecken lassen. Es hat ja jeder so seine Lieblingsthemen: Straßenverkehr, Steuerpolitik oder die Klimadebatte. Aber die Corona-Pandemie hat uns eine große zusätzliche Menge an gegensätzlichen Positionen beschert.

Daraus resultieren neue Aufreger und die bleiben deutlich länger in der allgemeinen Aufmerksamkeit, weil sie erst erledigt sein werden, wenn die Pandemie beendet ist und man mehr darüber wissen wird. Ich glaube: Deshalb ist es zurzeit besonders wichtig, dass man sich selbst stärker vor zu viel Aufregung schützt, indem man sich auch wieder abregt.

Eine hilfreiche Abreg-Methode, die mir persönlich schnell hilft, ist die Verzögerung: dreimal tief durchatmen, dann bis zehn zählen und sich dabei überlegen, ob sich das Aufregen wirklich lohnt. Amerikanische Psychologen haben festgestellt, dass sogar Beten bei der Wut-Kontrolle und dem Ärger-Abbau hilft.

Negative Gefühle lösen sich schnell auf, wenn man ein inneres Gebet für das Wohlergehen eines anderen Menschen spricht, weil dann die Gedanken auf die soziale Ebene gehoben werden. Ich denke an Menschen, denen ich etwas Gutes will, und nicht mehr an abstrakte politische oder wirtschaftliche Fragen.

Etwas anspruchsvoller und schwerer umzusetzen ist der sog. „innere Seitenwechsel“: Das Auto, das den Radweg vor der Apotheke zuparkt, ist plötzlich kein Ärgernis mehr, wenn man erfährt, dass der Fahrer ganz dringend ein wichtiges Medikament braucht. Sich vorzustellen, dass der Andere gute Gründe für sein Handeln hat, sorgt für innere Balance. 

Es geht aber auch mit Humor: Bei den verstreuten Socken des halbwüchsigen Sohnes könnte man sich z.B. auch denken: „Zum Glück sind es nicht die Unterhosen.“ Welche Methode man tagsüber auch immer wählt: Spätestens am Ende des Tages mit einigem Abstand zum Schlafengehen sollte man sich auf jeden Fall von allem wieder abgeregt haben und höchstens noch ein paar gute Gedanken an liebe Menschen schicken. Oder ein Dankgebet zum Himmel. Für mich ist es die hilfreichste Abreg-Methode, wenn ich sagen kann:

„Gott, ich sehe die Probleme dieser Welt, aber ich weiß, dass ich nicht für alles verantwortlich bin. Ich überlasse es dir, in deiner Weisheit und Güte, uns Menschen zu etwas Gutem zu führen.“


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Dieser Beitrag wurde am 13.07.2020 gesendet.


Über den Autor Dietmar Rebmann

Dietmar Rebmann ist Leiter der Hörfunkabteilung im Rundfunkreferat der Bayerischen Bischofskonferenz mit den Aufgaben: Produktion von Sendungen im BR, sowie Ausbildung und sprechtechnische Schulung von Hörfunk-Autorinnen und Autoren.

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