Am Sonntagmorgen, 12.07.2020

von Elena Griepentrog, Berlin

Beten als 24-Stunden-Job. Ein Besuch bei den „Rosa Schwestern“ in Berlin

Ein Leben der Abgeschiedenheit: Die „rosa Schwestern“ verlassen ihr Kloster so gut wie nie. Sie sprechen wenig und konzentrieren sich vor allem auf eines: Beten. Tag und Nacht.

© James Coleman / Unsplash

Dieses frische Rosa. Satt und lebensfroh und einfach passend. Wer jetzt an rheinische rosa Tanzmariechen, Röschensitzung oder rosa Funken denkt: ganz daneben! Und doch führen diese Frauen ein geradezu exotisches Leben in Berlin-Westend, einer friedlichen Einfamilienhaus- und Villengegend. Die „rosa Schwestern“ sind Ordensfrauen, in ganz ungewöhnlicher, fröhlich-blütenreiner rosa Ordenstracht mit weißem Überwurf.

Offiziell heißen sie „Steyler Anbetungsschwestern“ oder noch gewichtiger: „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung“. Doch der Volksmund und die Nachbarschaft hier nennen sie liebevoll die „rosa Schwestern“.

Selbst für Mönche oder Nonnen leben die rosa Schwestern ein extremes Leben. Sie verlassen nie das Kloster, kein Spaziergang, keine Freundinnen treffen, keine Reisen, kein Café. Und: 24 Stunden am Tag wird hier gebetet, 365 Tage im Jahr. Wie ein ständiger Gebetsstrom über der Stadt. Einer muss wachen...

„Ich wollte gar nicht wieder heraus“

Sr. Maria Mechthild ist gesegnete 86, wie viele Ordensfrauen mit erstaunlich junger Haut. Geboren und aufgewachsen in Dresden, die Eltern gut katholisch, der Pfarrer ist eine prägende Figur. Nach dem Abitur in der jungen DDR studiert sie Biologie. Sie denkt an Heirat und Familiengründung.

Andererseits zieht sie auch das Leben als Ordensschwester an. Vor allem das zu verschärften Bedingungen: strenge Klausur, also Abgeschiedenheit von der Welt. Und viel Schweigen, viel Gebet, die Anbetung Gottes. Beim Katholikentag in Berlin gerät die junge Frau im Vorübergehen erstmals in die Kirche der rosa Schwestern. Zufall? Fügung?

Da war der Katholikentag 1953, und dann sind wir hier vorbei gekommen vom Olympiastadion zum Funkturm, und hier wohnten unten einige von meiner Pfarrei. Und dann waren wir zuerst in der Kapelle, also diese Anbetung, das konnte ich ja sehen, und das Mädchen flüsterte mir nur zu, die beten Tag und Nacht.“

Die Begegnung ist kurz und flüchtig. Und doch nachhaltig. Einige Jahre später spürt die junge Sächsin deutlich eine Stimme in sich. Genau in dieses Kloster soll sie, will sie! Sie tritt ein, wird eine rosa Schwester, damals zusammen mit etlichen anderen jungen Frauen. Die Schwestern verlassen das Kloster nur, wenn sie zum Arzt müssen, selbst Einkäufe werden gebracht. Doch für die damalige Novizin kein Problem.

„Das hat mich nicht gestört, ich war ganz froh, dass dieses Kloster wirklich die strenge Klausur hatte. Ich wollte gar nicht wieder heraus. Ich wollte einfach immer bei Gott sein, das war so mein Ideal.“

Beten für die Anliegen anderer und der Welt

Heute lebt S. Maria Mechthild mit 12 anderen Schwestern zusammen, sie als die älteste mit 86, die jüngste ist Mitte dreißig. Jede Schwester ist täglich für Gebetsschichten eingeteilt, 30 bis 70 Minuten in der Kirche, auch die ganze Nacht durch.

Die Kirche St. Gabriel, im Stil des Bauhauses, ist zweigeteilt. Die vordere Hälfte ist das Reich der Schwestern, ein Schutzraum für das Gebet, niemand außer den Schwestern hat hier Zutritt. Mitten durch die Kirche zieht sich ein übermannshohes Metallgitter.

In der hinteren Hälfte nehmen immer wieder Besucher und vor allem Besucherinnen Platz, tauchen ein in diese himmlische, ein bisschen entrückte Atmosphäre jenseits des Berliner Alltags, fast so etwas wie eine Oase der Ewigkeit. Und zigmal am Tag können sie das kleine Wachablösungsritual miterleben. Wenn eine Schwester der nächsten den Gebets-Staffelstab übergibt.

„Ich bete eigentlich keine Gebete. Ich bin nur bei Gott. Ich bin einfach bei ihm und freue mich, bei ihm zu sein. Das geht dann natürlich immer tiefer in die Innerlichkeit hinein. Ich werde immer stiller, und dann sage ich nichts mehr.“

Mit hinein in dieses stille, innere Gebet nehmen die rosa Schwestern die vielen Anliegen von Menschen. Täglich erreichen sie Briefe, E-Mails, Anrufe oder persönlich vorgetragene Sorgen. Arbeitslosigkeit, Eheprobleme, Kummer mit den Kindern, Angst um die eigene Zukunft, Krankheiten. Viele Menschen kommen schon seit Jahren oder Jahrzehnten hierher, lassen sich von den Gebeten der Schwestern ein Stück in ihren Sorgen tragen.

Sie tragen umgekehrt auch die Schwestern, durch Spenden, auf die diese dringend angewiesen sind. Aber auch dadurch, dass Einzelne von ihnen zur Abendessenszeit die Gebetsschicht übernehmen. Auch die Probleme der Welt nehmen die Ordensfrauen mit in ihr Gebet hinein, Kriege, Hungersnöte, Naturkatastrophen.

Schwestern aus aller Welt

Ein asketisches Leben. Extrem reduziert und: erfüllt. Noch viel mehr als ein Traumjob, eine passende Lebensform – es ist eine Berufung. Bei Sr. Maria Mechthild war es eine sehr deutliche Berufung. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt. Dieses warme Glück, unermesslich klar und tief, wenn man seine ganz persönliche Berufung in dieser Welt gefunden hat. Das Glück, das immer bleibt, auch, wenn es mal nicht so rund läuft.

„Meine Berufung, die war so sicher von Gott her, dass ich nie daran zweifeln konnte. Das ist etwas Besonderes, damals habe ich gedacht, jede Berufung geht so. Aber dann habe ich doch bald herausgefunden, schon von meinen Miteingetretenen, dass es nicht so ist. Die hatten schon Zweifel. Aber ich wusste es so genau, ich habe einfach niemals zweifeln können.“

Das Kloster, die Kirche, der Garten – der Radius der rosa Schwestern in Berlin ist sehr klein. Andererseits werden sie unter Umständen alle vier Jahre in eins der anderen 19 Klöster der Steyler Anbetungsschwestern weltweit versetzt – in die USA, Indien, Togo oder Indonesien etwa. Auch in Berlin ist die Besetzung international, neben sechs Deutschen, alle schon älter, leben hier jüngere Schwestern aus Brasilien, Argentinien, Polen und Indonesien.

In Stille leben, um besser zu beten

Oberin der rosa Schwestern ist Schwester Mechthildis, 83, eine kleine, freundliche, aufgeschlossene Frau, auch sie mit glatter, rosiger Haut. Aufgewachsen auf einem kleinen Hof bei Paderborn. Mit 12 Jahren schon kommt ihr der Gedanke, in ein Kloster einzutreten, die aktive Mission begeistert sie. Einige Jahre später dann aber doch eher das stille, zurückgezogene Ordensleben, mit viel Gebet. Mit 22 tritt sie trotzdem zunächst in ein Missionskloster ein, besucht eine Handelsschule. Will danach nach Afrika oder Indonesien, Menschen glücklich machen, wie sie sagt.

„Als ich anderthalb Jahre da war, da kam das wieder sehr stark. Da kam mir so zum Bewusstsein, dass die Anbetung noch höher ist als Studium. Als wenn ich mehr in der Verborgenheit leben sollte und Gottes Segen auf die Menschen herabrufe, dass andere Großes leisten können, das war mit das Entscheidende, weshalb ich dann lieber aufs Studium verzichten wollte und dann ein Leben der Anbetung...“

Bei den rosa Schwestern wird sie glücklich, sofort. Das Leben hinter Gittern stört sie nicht, ganz im Gegenteil.

„Das ist ein Zeichen für unsere Abgeschiedenheit. Wir leben in der Stille, um noch besser beten zu können sozusagen. Man kann auch draußen beten, in jedem Beruf, so ist es nicht. Aber es ist doch irgendwie, um das geistliche Leben, die Stille, die Innerlichkeit zu fördern. Und dafür ist das Gitter ein äußeres Zeichen.“

Die Stille ist die „Sprache Gottes“

Auch außerhalb der Gebetszeiten schweigen die Schwestern viel. Nur beim Abendessen kann nach Herzenslust erzählt werden. Sie haben keinen Urlaub, nur ab und zu einen freien Tag. Es gibt eine Tageszeitung, aber kein Fernsehen oder Radio. Internetzugang hat nur die Oberin. Familienfeiern wie Hochzeiten oder Beerdigungen finden ohne sie statt. Und doch nehmen die Schwestern die Welt wahr, vor allem über die Briefe und Besucher. Stellvertretend legen sie deren Probleme hin vor Gott. Immer wieder öffnet sich etwas zum Guten.

„Dass die Leute uns anrufen, Schwester, wir möchten danken, die Prüfung hat er bestanden, sah gar nicht danach aus. Oder der Kranke ist wieder besser geworden, oder mein Sohn hat eine Arbeit gefunden, das kommt sehr oft vor. Oft ist es auch so, wenn der Kranke nicht gesund wird oder das Gebet in der Weise nicht erhört wurde, aber dass die Menschen auch Kraft haben, das anzunehmen. Und das ist auch schon eine Hilfe.“

Das Gebet, das Da-Sein vor Gott. Die Sehnsucht, diesen Gott immer tiefer zu erfassen. Und mit ihm das Geheimnis des Lebens. Die Stille ist kostbar, sie ist die „Sprache Gottes“. Denn in der Stille kann man ihn hören.

Beten lernen durch beten

Doch es gibt nicht nur erfüllte Zeiten, sondern auch mal Durchhänger, erzählt die Oberin freimütig.

„Man ist nicht immer so aufgelegt. Aber das muss man dann auch dem Herrn schenken oder hinhalten oder annehmen, wir sind halt auch nur Menschen. Aber dass man das auch bewusst annimmt und aufopfert, das ist schwerer, als wenn es einem so glücklich ums Herz ist oder so leicht.“

Beten lerne man am besten durch Beten, sagt sie. Man müsse sich einfach Zeit nehmen und die Dinge geschehen lassen. Mal still werden und hinhören. Mal aber auch selbst erzählen, was in einem vorgeht. Was einen belastet, dankbar oder glücklich macht. So komme man am besten rein ins Beten.

Sr. Mechthildis muss es wissen, nach so vielen Jahren Gebetserfahrung. Zusätzlich zu den Gebetsschichten beten alle Schwestern gemeinsam sieben Mal am Tag das Stundengebet, das Jahrhunderte alte tägliche Gebet der Klöster, mit Wurzeln bis ins Judentum.

Und dann gibt es auch noch das Besucherzimmer – ein quadratischer Raum mit einem großen runden Tisch in der Mitte. Eine Ecke des Raumes ist der Bereich der Schwestern, hier sitzen sie, abgetrennt hinter einem großmaschigen Holzgitter. Doch man kann sie gut sehen, sie strecken auch ganz natürlich die Hand durchs Gitter, zur warmherzigen Begrüßung, zur herzlichen Verabschiedung.

„Bei uns gilt das so: Nicht zu viel Kontakte, weil unser Leben so abgeschieden ist, aber auch nicht gegen die Liebe zu fehlen. Meine Brüder kommen sehr gern, meine Schwägerin auch und die Kinder auch, und verstehen das auch, die wollen nichts anderes, wollen uns Freude machen, helfen, und dann gehen sie mal auf den Markt und kaufen uns etwas. Und freuen sich, wenn sie uns Freude machen können, und das ist immer sehr schön.“

Beten, die vielleicht die stärkste Waffe

Der badische Dichter Reinhold Schneider schrieb einst:

„Allein den Betern kann es noch gelingen/Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten“.

Schneider schrieb es in Zeiten höchster Anspannung und Verzweiflung, mitten in der Naziherrschaft. Uns heute scheinen die vielen ungelösten Probleme der Welt über den Kopf zu wachsen: Klimawandel, Explosion der Weltbevölkerung, Flucht oder Migration von Millionen, Hunger, Kriege, Katastrophen…

Wir müssen sachliche Lösungen finden, ganz sicher! Aber vielleicht gilt doch eben auch:

„Allein den Betern kann es noch gelingen/Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten“

– eine stille, aber vielleicht die stärkste Waffe überhaupt. Unsere sichtbare Welt mit all ihren Problemen ist eben nicht alles, es gibt etwas, dass sich über all das weit spannt, etwas, in dem alles irgendwann zur Ruhe kommen wird.

Wie berührend, wie ungeheuer beruhigend, dass auf einem kleinen Fleckchen Erde mitten in Berlin 13 Frauen 24 Stunden am Tag betend uns daran erinnern. Ein ständiger Gebetsstrom über dieser großen, so unruhigen, aufgewühlten Stadt.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Frauenschola Exsulta Sion, Introitus Scio cui credidi

Frauenschola Exsulta Sion - Introitus Nos autem

Frauenschola Exsulta Sion - Respensorium graduale Christus factus est

Frauenschola Exsulta Sion - Respensorium graduale Christus factus est


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 12.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Elena Griepentrog

Elena Griepentrog ist Hörfunk-Journalistin/Feature-Autorin und arbeitet für die Kulturwellen diverser ARD-Sender. Ihr Fokus liegt auf den Bereichen Zeitgeschehen/Gesellschaft, Religionen und Psychologie. Außerdem arbeitet sie in Berlin als Buisiness- und Entwicklungscoach mit dem Schwerpunkt: "Die eigene Berufung. Und was uns davon abhalten kann, sie zu leben".

Kontakt

www.elena-griepentrog.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche