Wort zum Tage, 11.07.2020

von Christine Herzog, Weimar

Patron Europas

In Mittelitalien ging vor etwa 1500 Jahren der Klosterschüler Placidus an den See, um Wasser zu holen. War es Übermut? Oder Pech? Jedenfalls fiel Placidus ins Wasser. Die Strömung erfasste ihn und trieb ihn vom Ufer weg. Verzweifelt schrie er um Hilfe.

Im Kloster hörte der Abt die Schreie und rief einem Klosterschüler zu:

„Maurus, lauf so schnell du kannst und hol den Jungen zurück! Er ist in den See gefallen.“

Nach einem kurzen Segenswunsch des Abtes rannte Maurus los und rannte und rannte … bis zu der tiefen Stelle im See, an der Placidus mit den Armen um sich schlug. Maurus packte seinen Mitbruder und zog ihn hinter sich her bis zum Ufer. Als er endlich Boden unter den Füßen spürte, blickte er zurück und bemerkte zu seinem Entsetzen, dass er die ganze Zeit über das Wasser gelaufen war.

War er wirklich über den See gerannt? Ins Kloster zurückgekehrt, berichtete er dem Abt von diesem Wunder.

„Ach, lieber Vater Abt, gewiss hat mir dein guter Segenswunsch geholfen.“

Doch der Abt schüttelte den Kopf.

„Nein, lieber Maurus. Dein Glaube hat dir geholfen! Gott war an deiner Seite. ER war es, der dich nicht untergehen ließ.“

Es wäre eine dramatische Alltagsgeschichte mit glücklichem Ausgang gewesen, die nicht unbedingt Eingang in die Geschichtsbücher hätte finden müssen – hätte der Abt des Klosters nicht ein bemerkenswertes Verhalten an den Tag gelegt. Er wusste in der brenzligen Situation genau, wen er losschicken konnte.

Er gab Maurus eine klare Anweisung und eine liebevolle Ermutigung. Er schimpfte mit Placidus nicht wegen seiner Ungeschicklichkeit. Am Ende verbuchte er den glücklichen Ausgang der Unternehmung nicht für sich, sondern verwies Maurus auf seinen festen Glauben.

Am heutigen Tag feiert die Katholische Kirche das Andenken an Benedikt von Nursia – an eben jenen Abt, der seinem Klosterschüler Maurus etwas schier Unmögliches zutraute. Benedikt revolutionierte vor 1500 Jahren die Mönchsgemeinschaften des Abendlandes.

In den Klöstern des Benediktinerordens leben bis heute Menschen in der Liebe zu Gott und mit großer Aufmerksamkeit füreinander. Die von Benedikt entwickelte Struktur von Verantwortung und Einbindung – die sogenannte Benediktsregel – strahlt bis heute über die Klöster hinaus bis hin zur Erarbeitung von Maßstäben für intelligentes und menschenwürdiges Wirtschaften in Großunternehmen.

Als inspirierendes Vorbild für das gelingende Zusammenleben in einer Gemeinschaft erhob Papst Paul VI. im Jahr 1964 Benedikt zum Patron Europas.

„Dein Glauben hat dir geholfen! Gott war an deiner Seite. ER war es, der dich nicht untergehen ließ.“


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Dieser Beitrag wurde am 11.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Christine Herzog

Christine Herzog, geboren 1963, absolvierte ein Fachschulstudium zur medizinisch-technischen Assistentin und schloss Theologie im Fernkurs im Jahr 1988 ab. In der katholischen Rundfunkarbeit ist sie seit 1997 aktiv. Sie lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Weimar.

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