Wort zum Tage, 09.07.2020

von Christine Herzog, Weimar

Starke Wörter

Jauchzen. Stottern. Schreien. Rufen. Flüstern. Sprechen. Raunen. Lallen. Plärren.

All diese Worte drücken auf verschiedene Weise nicht nur aus, dass da jemand etwas mitteilt, sondern auch, wie er es tut. Unsere Sprache kennt so viele Verben, die ohne ausschmückendes Adjektiv etwas genau auf den Punkt bringen.

Rufen ist immer laut. Es gibt kein leises Rufen. Und zwischen Flüstern und Raunen liegt das weite Feld vom leisen Sprechen bis zum hinter vorgehaltener Hand bösartig formulierten Urteil über einen anderen. Es gibt sie, diese starken Wörter, die für sich allein stehen können, ohne einer Erklärung zu bedürfen. Wie Gott die Fähigkeit des Menschen nutzte, für alles einen passenden Begriff zu finden, beschrieben vor 3000 Jahren die Autoren des ersten Buches der Bibel mit einem Augenzwinkern. Da heißt es im Buch Genesis:

"Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein."

(Gen 2,19)

Manchmal genügt ein Wort, um einen ganzen Zustand zu beschreiben: Das Chaos und Durcheinander auf der Erde zu Beginn der Schöpfung wird in der Bibel mit einem hebräischen Ausdruck beschrieben. Er beeindruckt in seiner lautmalerischen Kraft so sehr, dass wir ihn in unsere Umgangssprache übernommen haben: Es ist das Tohuwabohu.   

Für alles haben die Menschen Begriffe gefunden. An die Tradition, dass für ein Kind der Name von den Eltern ausgesucht wird, hielt sich auch Gott. Er bestimmte für seinen Sohn den Namen Jesus. (vgl. Lk 1,31 und Mt 1,21). Nur für sich selbst will Gott sich auf keinen Namen beschränken. Nach biblischer Überlieferung bezeichnet er sich als Ich bin, der ich bin (Ex 3,14), oder einfach als Ich bin da. Gott lässt sich nicht in menschliche Worte fassen.

Am Anfang der Bibel heißt es: Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein. Gott hat es den Menschen überlassen, für alles eine Bezeichnung zu finden und die Dinge und Lebewesen voneinander zu unterscheiden und abzugrenzen. Er selbst bleibt in allem als schöpferischer Ausdruck erhalten.

Er grenzt sich nicht ab. Er ist, der er ist. Er ist da. In diesem Sinn ist Gott für mich der verbindende Tonfall aller Beziehungen. Er ist die liebevolle Sprachmelodie meines Lebens.


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Dieser Beitrag wurde am 09.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Christine Herzog

Christine Herzog, geboren 1963, absolvierte ein Fachschulstudium zur medizinisch-technischen Assistentin und schloss Theologie im Fernkurs im Jahr 1988 ab. In der katholischen Rundfunkarbeit ist sie seit 1997 aktiv. Sie lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Weimar.

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