Wort zum Tage, 07.07.2020

von Christine Herzog, Weimar

Marc Chagall

In unserer Wohnung hängt eine Farblithographie. Auf den ersten Blick erscheint das Bild düster. Darauf bilden mit wenigen schwarzen Strichen gezeichnete Holzhäuser ein in graubraune Dunkelheit getauchtes Dorf. Die Fensterläden hängen schief. Kein Rauch steigt aus den Schornsteinen. Es ist Nacht.

Vor diesem Hintergrund schweben Wesen, Personen, Dinge. Eine Standuhr mit goldenem Pendel zum Beispiel. Ein dreiarmiger Leuchter. Ein älterer Mann. Eine Frau mit grünem Gesicht und einem Kind im Arm. Ein roter Ziegenbock. Am linken Rand erhebt sich über die gesamte Bildhöhe ein Gekreuzigter. Ein Heiligenschein umrahmt sein blaues Gesicht. Als Lendentuch trägt er einen Tallit, einen jüdischen Gebetsschal.

Die Lithographie trägt die Signatur von Marc Chagall. Dieser russisch-jüdische Künstler malte immer wieder die Gestalt des gekreuzigten Jesus von Nazareth. Für ihn war er der leidende Gottesknecht, in dem sich alles Elend des jüdischen Volkes versammelte.

Schaue ich auf die Lithographie, dann frage ich mich: Wer ist Christus für mich? Ein Bruder? Ein Wegbegleiter? Mein Richter? Mein Erlöser?   

Unweigerlich komme ich bei diesen Überlegungen auf eine Äußerung eines der ersten großen Missionare des noch jungen Christentums zurück: Paulus von Tarsus. Vor ungefähr 2000 Jahren nahm er es in antiken Großstädten mit anderen Philosophen auf. Die tiefste Erkenntnis des wortgewaltigen Theologen Paulus über Jesus Christus aber war nicht das Bild eines strahlenden Siegers. Er benannte das Fundament des christlichen Glaubens so:

„Wir […] verkünden Christus als den Gekreuzigten.“

(1 Kor 1,23)

Dieser Satz hilft mir, wenn ich in unbarmherzige Situationen gerate, in denen ich der Krankheit und dem Tod anderer hilflos gegenüberstehe. Wenn ich Ereignissen keinen Sinn abgewinnen kann. Wenn die scheinbare Ordnung des Alltags ins Wanken gerät.

Mit dem kurzen Satz „Wir […] verkünden Christus als den Gekreuzigten“ holt Paulus den Sohn Gottes mitten hinein ins irdische Leben. Der Sohn Gottes ist nicht nur mit den Ohnmächtigen und Leidenden. Er begegnet mir in jedem Kranken, in jedem Verzweifelten, in jedem Hilflosen. Er ist nicht nur ein Begleiter in guten Zeiten.

Im gekreuzigten Christus versammelt sich alles individuelle Leid. Ihm kann ich meine Hilflosigkeit, meine Traurigkeit, meine Ratlosigkeit hinhalten – und ich glaube, dass er sie lösen und erlösen kann. Das sehe ich in der Darstellung von Jesus Christus am Kreuz: Der Gekreuzigte ist für mich ein Schlüssel-Bild des Leidens und der Rettung aller Menschen. Der Blick auf die Lithographie erinnert mich immer wieder daran.

Heute vor 133 Jahren, am 7. Juli 1887, wurde Marc Chagall, der Urheber des Bildes, geboren.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 07.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Christine Herzog

Christine Herzog, geboren 1963, absolvierte ein Fachschulstudium zur medizinisch-technischen Assistentin und schloss Theologie im Fernkurs im Jahr 1988 ab. In der katholischen Rundfunkarbeit ist sie seit 1997 aktiv. Sie lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Weimar.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche