Wort zum Tage, 06.07.2020

von Christine Herzog, Weimar

Heitere Gelassenheit

Im Jahr 1535 saß ein Mann in Kerkerhaft. Der 57jährige hatte dem englischen König Heinrich VIII. die Zustimmung zu dessen Ehescheidung von Katharina de Aragón und der Wiederverheiratung mit Anne Boleyn verweigert.

Eine vor Gott geschlossene Ehe hatte für den Gefangenen unauflösbaren Bestand. Den durch ein neues Gesetz geforderten sogenannten Suprematseid wollte er nicht leisten, weil er einer Trennung von englischer und römischer Kirche nicht zustimmen wollte. Der diesbezügliche Prozess gegen ihn hatte mit einem Todesurteil geendet. Nun wartete der Mann im Londoner Tower auf seine Hinrichtung.

Man hatte ihm gestattet, in seiner Zelle einen Schreibtisch, Papier und Feder sowie eine Reihe eigener Bücher zu nutzen. Verwundert verfolgte er deshalb Anfang Juli 1535, wie der Kerkermeister die Bücher und den Schreibtisch aus der Zelle entfernen ließ.

"Ihr braucht das alles nicht mehr",

antwortete der Kerkermeister auf den fragenden Blick des Gefangenen. Daraufhin ging dieser zu dem kleinen Fenster, schloss die Fensterläden und verdunkelte so die Zelle. Dann wandte er sich dem nun seinerseits erstaunten Kerkermeister lächelnd zu und bemerkte:

"Ich habe verstanden, warum Ihr alles wegräumt. Aber wenn man einem Handwerker Waren und Werkzeug wegnimmt – was bleibt ihm dann anderes übrig, als seinen Laden dicht zu machen?" 

Der da mit heiterer Gelassenheit auf die Ankündigung seiner baldigen Hinrichtung reagierte, war Thomas Morus, Sir Thomas More, gewesener Lordkanzler des Königs von England.

Sein beruflicher Weg kann durchaus als steile Karriere gelten: Er wurde in den königlichen Kronrat berufen, zum Ritter geschlagen und im Jahr 1529 als Lordkanzler eingesetzt.

In diesem hohen Amt stand es Thomas More zu, nicht unbedingt nur mit der Härte des Gesetzes zu strafen, sondern ein dem Einzelfall angemessenes, milderes Urteil zu fällen. Diese Gnade wurde ihm selbst nicht zuteil. Heute vor 485 Jahren, am 6. Juli 1535, wurde Sir Thomas More auf dem Tower Hill in London hingerichtet. 400 Jahre später wurde er wegen seiner Treue zum Glauben der römischen Kirche heiliggesprochen.

Thomas More war bewusst, dass es eine ideale menschliche Gemeinschaft ohne Verfehlungen und Verbrechen nie geben würde. Augenzwinkernd stellte er fest:

"Es ist ausgeschlossen, dass alle Verhältnisse gut sind, solange nicht alle Menschen gut sind, worauf wir ja noch wohl eine hübsche Reihe von Jahren werden warten müssen."

Thomas Morus hatte den Mut, die eigene Gewissensentscheidung über alles zu stellen und durchzuhalten – in heiterer Gelassenheit und mit einem Schuss Humor.


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Dieser Beitrag wurde am 06.07.2020 gesendet.


Über die Autorin Christine Herzog

Christine Herzog, geboren 1963, absolvierte ein Fachschulstudium zur medizinisch-technischen Assistentin und schloss Theologie im Fernkurs im Jahr 1988 ab. In der katholischen Rundfunkarbeit ist sie seit 1997 aktiv. Sie lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Weimar.

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