Morgenandacht, 30.06.2020

von Andreas Britz, Bellheim

Johannes Reuchlin

Verschwörungstheorien sind „in“. Die Angst vor Corona verstärkt diesen Trend noch. Im Netz finden sich teilweise Vorstellungen, die nur einer krankhaften Phantasie entstammen können. Etwa, wenn erklärt wird, dass kapitalträchtige jüdische Strippenzieher mit Hilfe der Pandemie die Kontrolle über die globale Wirtschaft und das internationale Finanzsystem gewinnen wollen.

So kann man es auf unzähligen Seiten lesen. Und anscheinend fallen diese grotesken Fakes auf fruchtbaren Boden. Aktuelle Studien zeigen: Der Antisemitismus ist auch bei uns wieder eine feste Größe. Und es bleibt nicht nur bei judenfeindlichen Texten und Bildern. Die gegen jüdische Mitbürger verübten Straftaten haben allein im letzten Jahr um 13 % zugenommen.

Verschwörungstheorien gehörten schon immer zum festen Repertoire unbelehrbarer Antisemiten. Heute bekämpfen die christlichen Kirchen diesen gefährlichen Irrsinn. Christen stehen an der Seite der angegriffenen Juden. Das war nicht immer so in der Geschichte.

Man denke an die Verfolgungen in der Zeit des „Schwarzen Todes“ Mitte des 14. Jahrhunderts. Das Gerücht, Juden hätten durch Brunnenvergiftung die Pest ausgelöst, bezahlten zehntausende mit ihrem Leben, erschlagen von ihren christlichen Nachbarn!

Aber auch zu Beginn der Neuzeit war die Judenfeindschaft ungebrochen. Humanisten und Theologen, die das dunkle Mittelalter durch ein neues Denken beenden wollten, blieben Gefangene judenfeindlicher Vorurteile: Erasmus von Rotterdam, Johannes Eck oder Martin Luther – sie alle verteufelten die Juden und erklärten sie zu Feinden des christlichen Abendlandes.

Aber da gab es um 1500 auch einen hellen Kopf, der sich vom Gift der Judenfeindlichkeit nicht anstecken ließ: Johannes Reuchlin aus Pforzheim. Bei einer Italienreise lernt er in Florenz einen griechischen Juden kennen, der in ihm das Interesse für das Hebräische weckt. Von seiner Ausbildung her ist Reuchlin eigentlich Jurist. Aber seine Passion wird das Studium der hebräischen Schriften. In ihnen erschließt sich ihm eine neue Welt. Und Reuchlin erkennt, dass die Christen diese Quellen achten sollen, um ihren eigenen Glauben besser zu verstehen. Er schreibt:

„Jedes Mal, wenn ich Hebräisch lese, glaube ich Gott selbst zu sehen, der mit mir spricht. Ich bedenke dann, dass es die Sprache ist, in der Gott (…) mit den Menschen verkehrt“ hat.

1510 wird Reuchlin landesweit bekannt. Es ist eine antijüdische Verschwörungstheorie, die ihn auf den Plan ruft. Ein gewisser Johannes Pfefferkorn behauptet, Juden verhöhnten den christlichen Glauben und wollten das Reich zerstören. Er fordert die Obrigkeit auf, die rabbinischen Schriften zu verbrennen und die Juden aus dem Land zu vertreiben.

Kaiser Maximilian und einige Bischöfe geben Gutachten in Auftrag. Die Professoren in Köln, Mainz und Erfurt unterstützen die wüsten Aufrufe Pfefferkorns. Nur einer stellt sich dagegen: Johannes Reuchlin. Er schreibt:

„Verbrennt nicht, was ihr nicht kennt! Die Bücher der Juden enthalten die Lehre des Glaubens. Damit beleidigen sie keinen anderen Menschen. In ihrem Glauben sind sie, genau wie die Christen, allein Gott verantwortlich.“

Reuchlin argumentiert aber auch juristisch. Die Juden sind „Mitbürger“ (concives) im Reich. Der Kaiser ist ihr Schutzherr und muss daher auch ihren Besitz garantieren. Schon deshalb sind Synagogen und Bücher zu bewahren. Reuchlin setzt sich gegen Pfefferkorn durch. Die Juden werden nicht ausgewiesen, ihre Bücher nicht zerstört.

In der Kirche bleibt Reuchlin aber ein Außenseiter. Den Juden die Freiheit des Glaubens zuzugestehen – das ist für die meisten Christen damals, am Beginn der Reformation, noch unvorstellbar.

Heute ist Johannes Reuchlins Todestag. Er starb am 30. Juni 1522.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 30.06.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche