Morgenandacht, 29.06.2020

von Andreas Britz, Bellheim

Petrus und Paulus

Petrus und Paulus. Oft werden sie im gleichen Atemzug genannt. Heute ganz besonders, am „Hochfest der Apostel Petrus und Paulus“. Auf vielen Bildern stehen sie einträchtig nebeneinander. Das wirkt alles sehr harmonisch. Und der Evangelist Lukas bemüht sich in seiner Apostelgeschichte auch, genau dieses Bild zu vermitteln.

„Ein Herz und eine Seele“ (Apg 4,32), seien die frühen Christen gewesen.
Dabei könnten die beiden Männer unterschiedlicher kaum sein. Simon Petrus, ein Mann aus der Provinz, Fischer am See Genezareth. Paulus dagegen ein Stadtmensch, aufgewachsen in der Hafenstadt Tarsus in Kleinasien. Petrus ist verheiratet, Paulus bleibt zeitlebens Junggeselle. Petrus lernt Jesus am See kennen und folgt ihm. Der einfache Fischer wird zur Führungsfigur der zwölf Männer, die Jesus ausgesucht hat.

Paulus dagegen ist dem Mann aus Nazareth nie begegnet. Aber auch er weiß sich von Jesus, dem Auferstandenen, berufen. Dessen Anhänger hatte er zuvor verfolgt, weil er sie für gefährliche Ketzer hielt. Jetzt aber ist Christus, der „Gesalbte“, sein Lebensinhalt. Zum ersten Mal getroffen haben sich Petrus und Paulus in Jerusalem. Drei Jahre nach seiner Berufung will Paulus – so schreibt er selbst – „Kephas“ (den „Fels“, wie Petrus auch genannt wird) kennenlernen“ (Gal 1,18-19).

Zu dieser Zeit hat sich die Frohe Botschaft Jesu bereits über die Grenzen des jüdischen Landes hinaus verbreitet. Nicht nur Juden, auch Menschen aus anderen Religionen schließen sich der Jesusgemeinde an. Paulus ist davon fasziniert. Wie kein anderer unterstützt er diesen Prozess. Ob Juden oder Griechen, alle sollen eins sein in Christus (Gal 3,28).

So wird der spätberufene Paulus zum erfolgreichsten Missionar des neuen Glaubens, zum „Apostel der Völker“ (Röm 11,13), wie er sich selbst nennt.

Petrus unterstützt grundsätzlich den Kurs des Paulus, den christlichen Glauben in die Welt zu tragen. Und so entscheidet das Jerusalemer „Apostelkonzil“, eine Art Gipfelkonferenz, dass die teilweise strengen Regeln der jüdischen Tora für die neu gewonnenen Christen, die sog. Heiden, nicht mehr verbindlich sein sollen.

 „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“ (1 Kor 3,17), jubelt Paulus.

Aber der Konflikt schwelt weiter. Nur wenig später kommt es in der Metropole Antiochia zum Eklat. Petrus und Paulus geraten aneinander. Was war passiert?
In der syrischen Provinzhauptstadt gibt es eine höchst lebendige Jesus-Gemeinde. Judenchristen und Heidenchristen treffen sich nicht nur im Gottesdienst, sondern sie essen und trinken auch zusammen.

Auch Petrus nimmt an den gemeinsamen Mahlzeiten teil. Das wiederum empört die Judenchristen, die sich an die Speisevorschriften der Tora halten.

Als Petrus daraufhin aus Rücksicht auf die Glaubensbrüder aus Jerusalem die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen beendet, kocht Paulus vor Wut! Für ihn ist das ein Verrat am Evangelium! Paulus nennt Petrus einen Heuchler. Und das vor versammelter Gemeinde!

Lukas ist das alles so peinlich, dass er den handfesten Krach in der Apostelgeschichte mit keiner Silbe erwähnt! Nur durch die in der Bibel abgedruckten Paulusbriefe wissen wir davon.

In Petrus und Paulus treffen jedenfalls zwei grundlegende Positionen aufeinander. Die eine betont die Tradition, die man doch achten müsse. Auch mit Rücksicht auf jene Gläubigen, die sich mit dem Neuen schwertun. Und die andere unterstützt die Suche nach neuen Formen, um in Zeiten des Wandels die Botschaft glaubwürdig zu leben. Das ist heute ja nicht anders als in den Tagen der Apostel.

Meinungsverschiedenheiten über den Kurs der Kirche gehören zum Glauben. Sie offen und angstfrei zu äußern, muss möglich sein. Petrus und Paulus waren sicher ganz unterschiedliche Typen. Und deshalb auch nicht immer in allem einig. Und doch lebten und stritten sie für das gleiche Evangelium. In Rom – so sagt es die Überlieferung – starben beide auch in der Treue zu Jesus und seiner Botschaft. Und so ist es gut, dass die Kirche heute an sie gemeinsam erinnert.


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Dieser Beitrag wurde am 29.06.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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