1. Fastensonntag, 22.02.2015

Pfarrkirche St. Simon und Judas - Hosenfeld-Blankenau


Predigt von Generalvikar Gerhard Stanke

Liebe Schwestern und Brüder hier in der Kirche und zu Hause am Radio,

Jesus geht in die Wüste. Vorher wurde er von Johannes getauft und hat dabei etwas ganz Außergewöhnliches erlebt: „Der Himmel öffnet sich über ihm, und er hört eine Stimme, die sagt: Du bist mein geliebter Sohn, an Dir habe ich Gefallen gefunden.“ (Mk 1, 11)

Dabei geht Jesus auf, dass er der geliebte Sohn Gottes ist.

Und dann geht er in die Einsamkeit der Wüste. Dort wird er in Versuchung geführt. In welcher Weise er versucht wird, sagt der Evangelist Markus nicht. Wir alle kennen auch Versuchungen. Manche kommen von außen, andere von innen, zum Beispiel aus dem Wunsch nach Macht oder Genuss.

Ich habe mich gefragt: Gibt es Hinweise darauf, welchen Versuchungen Jesus ausgesetzt war? Dazu fand ich zwei Stellen im Markusevangelium.

Jesus hatte zunächst großen Erfolg durch seine Predigten und seine Krankenheilungen. Viele Menschen haben ihn gesucht. Aber es gab auch Ablehnung, Kritik, Widerstand – gerade von denen, die viel zu sagen hatten. Und da wurde Jesus bewusst, dass er einen schweren Weg vor sich hat und dass ihn das gleiche Schicksal droht wie vielen Propheten vor ihm.

Bald darauf spricht er im Kreis seiner Freunde davon. Da nimmt ihn Petrus beiseite und macht ihm Vorwürfe: Wie kannst Du denn so etwas sagen?! Und da reagiert Jesus sehr scharf. Er sagt: „Weg mit Dir, Satan, geh mir aus den Augen.“ (Mk 8, 33)

Satan, Versucher nennt er Petrus, den ersten seiner Apostel.

Die harte Reaktion Jesu lässt vermuten, dass Petrus bei ihm einen wunden Punkt getroffen hat. Vielleicht spielte Jesus auch mit dem Gedanken, seine Macht einzusetzen, um sich zu retten und es seinen Gegnern zu zeigen. Aber das war nicht sein Weg.

Und noch einmal eine ähnliche Versuchung: Als er am Kreuz hängt, verspotten ihn die Hohenpriester und Schriftgelehrten und sagen: Anderen hat er geholfen, warum kann er sich selbst dann nicht helfen? Der Messias, der König von Israel! Soll er doch jetzt vom Kreuz herabsteigen, damit wir sehen und glauben. (vgl. Mk 15, 31 f.)

Wenn einer die Macht hat, sich dem Leiden zu entziehen und dann noch mit der Anspielung auf seine Schwäche provoziert wird – kommt er dann nicht in Versuchung, es den Spöttern zu zeigen?

Was wäre geschehen, wenn Jesus vom Kreuz herabgestiegen wäre? Dann hätten die Feinde klein beigeben müssen und die Freunde – es war allerdings nur noch Johannes da und dazu noch einige tapfere Frauen -, die Freunde hätten gejubelt. Aber es wäre dadurch eine ganz fatale Botschaft in die Welt gelangt, nämlich: Auch er liebt nur bis zu einer bestimmten Grenze. Und dann zieht er andere Seiten auf. Und wenn Gott nur bis zu einer bestimmten Grenze liebt, kann ich dann sicher sein, dass ich geliebt bin? Wann ist die Grenze bei mir erreicht? Das weiß ich nicht. Nur wenn Gott grenzenlos liebt, kann ich vertrauen, dass ich aus seiner Liebe nicht herausfalle.

Das zeigt sich am Kreuz: Er liebt grenzenlos. Und das heißt: Ich bin und bleibe geliebt – unwiderruflich. Das ist Erlösung. Diese Botschaft befreit.

Jesus hat auch in seinem Freundeskreis und auch sonst Versuchungen beobachtet. Zwei sind ihm besonders aufgefallen: einmal die Versuchung, seine Macht dafür zu nutzen, sich auf Kosten anderer durchzusetzen. Die andere Versuchung ist, Besitz anzuhäufen und sich ein bequemes Leben zu machen und dabei die Not der Mitmenschen zu übersehen. Kurz gesagt: Herrschsucht und Habsucht, diese beiden Versuchungen hat Jesus deutlich kritisiert. Er setzte dagegen die Bereitschaft, zu dienen und zu teilen.

Das ist sein Lebensprogramm. Es ist auch heute noch aktuell. Hinter vielen Konflikten im Großen und im Kleinen steht der Wunsch, Macht zu haben und seine Ideen mit Gewalt durchzusetzen gegen die Rechte anderer. Manchmal wird dieser Wunsch religiös verbrämt. Menschen berufen sich auf Gott und geben vor, seine Ehre verteidigen zu wollen. Dabei geht es ihnen um ihre Ideen und die Macht, sie anderen aufzuzwingen. Ist es schon schlimm, wenn Menschen andere unterdrücken, so ist es noch schlimmer, wenn sie dafür den Namen Gottes missbrauchen.

Im Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen wird mir auch sehr deutlich bewusst: Das erste Opfer im Machtkampf ist die Wahrheit. Sie bleibt auf der Strecke. Die Lüge ist das Mittel, andere zu täuschen, die wahren Absichten zu verschleiern und sich Vorteile zu verschaffen. Dadurch wird das Vertrauen und damit die Basis für ernsthafte Gespräche und Vereinbarungen zerstört. Das gilt in den großen Auseinandersetzungen, es gilt auch in Streitigkeiten im Nahbereich.

Das Streben nach Macht und nach Geld kann den Menschen unmenschlich werden lassen. Andere werden dabei ausgebeutet und missbraucht. Ihre Notlage wird schamlos ausgenutzt. Ich denke dabei zum Beispiel an die Schlepperbanden. Aber auch an diejenigen, die Kinder entführen und sie zu Soldaten machen, das heißt, sie zwingen, Menschen zu töten. So werden die Seelen dieser Kinder zerstört.

Und dann gibt es aber Gott sei Dank viele Menschen, die bereit sind, zu dienen und zu teilen. Ich denke an diejenigen, die sich freiwillig gemeldet haben, um als Helfer in die von der Ebolaseuche heimgesuchten Länder zu gehen, auch mit dem Risiko für ihre eigene Gesundheit. Ich bewundere diejenigen, die in bombardierten Städten, wo in den zerstörten Häusern noch Menschen leben, unter Lebensgefahr Hilfsgüter verteilen und die notleidenden Menschen spüren lassen, dass sie nicht alleingelassen sind.

Ich habe auch hohen Respekt vor Menschen, die über Jahre hin in Pflegeheimen ihren Dienst tun. Und das, ohne innerlich abzustumpfen, sondern sich Geduld und Freundlichkeit bewahren. Diese große menschliche Leistung wird finanziell zu wenig honoriert, besonders wenn man daran denkt, welch immense Summen die Großen in der Finanzwelt oder im Sport bekommen.

Die österliche Bußzeit ist eine Gelegenheit, sich die Frage zu stellen: Was sind die Versuchungen in meinem Leben? Rechthaberei und Herrschsucht oder Geiz und Habsucht oder Stolz und Unversöhnlichkeit?

Diese Zeit lädt auch dazu ein, sich vom Geist Jesu anstecken zu lassen und zu helfen und zu teilen. Dass Gott uns grenzenlos liebt und uns nie fallen lässt – das zu wissen, ist wie ein Netz, das uns Sicherheit gibt. Er lässt uns nicht fallen, sondern er fängt uns auf.

Amen.


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Dieser Beitrag wurde am 22.02.2015 gesendet.


Über den Autor Prälat Gerhard Stanke

Prälat Prof. Dr. Gerhard Stanke, geboren am 4. November 1945 in Thröm (Kreis Ratibor), hat nach dem Abitur im Jahr 1965 Philosophie und Theologie in Königstein, München und Fulda studiert. Am 4. April 1971 erhielt er die Priesterweihe in Fulda. Er promovierte im Fach Moraltheologie. Von 1980 bis 2002 war er Regens des Fuldaer Priesterseminars, von 1991 bis 2004 Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Fulda. Ab 2003 war Stanke Personalreferent für Priester und Laien im pastoralen Dienst. Von Oktober 2008 bis Juni 2018 war Stanke Generalvikar des Bistums Fulda. Kontakt
www.bistum-fulda.de

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