Morgenandacht, 04.07.2020

von Andreas Britz, Bellheim

Das Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24-30)

Es gibt Schriften in der Geschichte, die unsägliches Leid in die Welt brachten. Aber es wurden auch Bücher geschrieben, die vielen Menschen das Leben gerettet haben. Zu ihnen zählt ein Werk, das 1631 auf den Markt kam. Sein lateinischer Titel „Cautio Criminalis“, zu deutsch etwa: „Hüte dich vor Verbrechen“.

Sein Autor ist der rheinische Jesuitenpater Friedrich Spee von Langenfeld (1591-1635). Das Buch sorgte im 17. Jahrhundert für großes Aufsehen. Es ist ein flammendes Plädoyer gegen die Praxis der Hexenprozesse. Und das mitten im Dreißigjährigen Krieg, der soviel Leid und Elend über die Menschen bringt.

Neben Krieg, Hunger und Seuchen auch noch die Verfolgung von vermeintlichen Hexen und Zauberern. Sie macht man verantwortlich für die Schrecken der Zeit. Und so lodern vielerorts die Scheiterhaufen, in katholischen und protestantischen Territorien.

Der Priester Friedrich Spee erlebt den Horror der Prozesse hautnah mit. Er wird zum Seelsorger der Frauen, denen man Teufelsbund und Schadenszauber zur Last legt. Anonyme Anzeigen bringen die Verfahren ins Rollen. Weltliche Gerichte führen sie durch, Geistliche treten als Gutachter auf.

Zur Verurteilung benötigt man das Geständnis der Angeklagten. Leugnen sie, kommt die Folter zum Einsatz. Fast alle Opfer gestehen. Wer einmal in die Maschinerie eines Hexenprozesses hineingerät, hat kaum eine Überlebenschance.

Friedrich Spee durchschaut den Hexenwahn. Schonungslos rechnet er mit den Verantwortlichen für die Prozesse ab: Fürsten, Juristen, Theologen und das hysterische Volk. Sein Fazit:

„Es muss gänzlich mit der Hexeninquisition aufgehört werden!“

In seinem Buch argumentiert Pater Spee nicht nur juristisch, sondern auch aus dem Glauben heraus. Mehrfach zitiert er ein Gleichnis aus dem Matthäusevangelium (Mt 13,24-30). Darin erzählt Jesus von einem Mann, der Weizen aussät. In der Nacht aber streut sein Feind Unkraut darunter, das dann zusammen mit dem Weizen aufgeht. Als die Hofknechte das Malheur bemerken, gehen sie zum Gutsherrn und fragen, ob sie das Unkraut jäten sollen. Und der Herr antwortet zur Überraschung aller:

„Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt. Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!“

(Mt 13,29-30)

Für Friedrich Spee ist die Botschaft der Parabel eindeutig: Maßt euch nicht an, über Menschen zu urteilen. Spee macht sich die Mahnung Jesu zu eigen: Hütet euch zu glauben, ihr könntet vor der Zeit Gute und Böse fein säuberlich voneinander trennen. Macht euch nicht zum selbstgerechten Richter über eure Nächsten. Es ist allein Gott, der am Ende entscheidet. Gerade das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen hat vielen Lesern der „Cautio“ die Augen geöffnet. Hexenprozesse – so ihre Einsicht – dienen nicht dem Recht, sondern führen zu Willkür und Mord.

Auch wenn nicht gleich alle Scheiterhaufen erlöschen, so trägt Spees Schrift doch entscheidend zum Ende des Hexenwahns bei. Hätten Christen die Botschaft des Gleichnisses immer ernstgenommen, wäre die Verfolgung Andersdenkender strenggenommen gar nicht möglich gewesen. Auch die mittelalterliche Inquisition etwa hätte nie entstehen dürfen. Aber die Geschichte ist tragischerweise voll von selbsternannten Richtern, die das Gemeinwesen von Ketzern oder Sündern säubern wollen. Dabei lässt Gott doch

„seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“

(Mt 5,45)

so sagt es Jesus in der Bergpredigt.

Der Wunsch, immer genau zu wissen, was und wer gut oder böse ist, bleibt eine dauernde Versuchung. Egal, ob im Staat, in der Wirtschaft, in der Kirche oder im privaten Bereich. Geduld zu haben, nicht vorschnell zu urteilen, auch den Andersdenkenden auszuhalten, das würde dem „Gutsherrn“ aus dem Gleichnis Jesu bestimmt gefallen.


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Dieser Beitrag wurde am 04.07.2020 gesendet.


Über den Autor Andreas Britz

Andreas Britz, Jahrgang 1959, studierte Katholische Theologie und Geschichte in Trier. Seit 1989 unterrichtet er am Johann-Wolfgang-Goethe-Gymnasium im südpfälzischen Germersheim und ist Regionaler Fachberater für Katholische Religion. Zudem ist Britz Autor zahlreicher Unterrichtsreihen und Rundfunksendungen in den Hörfunkprogrammen des SWR. Kontakt: andreasbritz@web.de

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