Wort zum Tage, 27.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Ent-feindung

„Gleich und Gleich gesellt sich gern.“

Auch wenn Gegensätze sich angeblich anziehen: Weniger anstrengend scheint es doch zu sein, wenn man unter sich bleibt.

In der Bergpredigt nimmt sich Jesus genau diese Strategie der Vergesellschaftung zur Brust:

„Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten?“

(Mt 5,46)

In seinen Augen ist das einfach nur gewöhnlich, so ticken doch alle. Wirklich neu, ja revolutionär wäre die Grenzüberschreitung zu den Anderen, den Fremden. Und Jesus treibt es noch weiter auf die Spitze, wenn er sagt:

„Liebt eure Feinde!“

(5,44)

Als Pfarrer begleite ich von Zeit zu Zeit Kreuzfahrten und biete dann an Bord ein seelsorgliches Programm an. Nach einer Morgenandacht am Beginn einer Kreuzfahrt sprach mich ein Ehepaar an. Ich hatte im Gottesdienst über die Vielfalt der Religionen und Lebensstile gesprochen, darum geworben, auf der gemeinsamen Reise die Begegnung mit dem Fremden und Ungewöhnlichen nicht zu scheuen, ohne dabei die eigene Überzeugung oder den eigenen Glauben beliebig zu machen.

Die Frau schien daraufhin besonders erbost. Sie fragte mich, ob ich bestreiten würde, dass Jesus Christus die einzige Wahrheit und der einzige Weg zum Leben sei. Ob ich etwa der Meinung wäre, dass auch Muslime auf dem rechten Weg seien.

Ich versicherte ihr, dass in meinem Glauben Jesus Christus zentral ist, widersprach ihr aber freundlich und sehr behutsam in ihrer islamfeindlichen Haltung und in der Ausgrenzung anderer Lebensstile. Ich merkte, dass ich sie mit Argumenten nicht erreichte.

Damit kann und muss ich umgehen. Aber was mich dann doch bedrückte: Immer wenn mir das Ehepaar an den folgenden Tagen auf dem Schiff begegnete, schauten sie demonstrativ weg und verweigerten den Gruß. Ich war für sie schlicht nicht mehr existent. Gar ihr Feind, weil ich ihre Überzeugung nicht teilte?

Feindesliebe im Sinne Jesu kann nicht bedeuten, jedem gleich um den Hals zu fallen. Aber ein erster Schritt zur Ent-feindung wäre, aus dem Feind einen Gegner zu machen. Ich finde nämlich Gegnerschaft gar nicht so schlimm. Mit einem Gegner kann ich streiten, mich auseinandersetzen. Kommt es dagegen zur Feindschaft, bleibt jeder Dialog auf der Strecke, weil der Andere eine Bedrohung ist. Im Gegner kann ich immer noch den Partner sehen, im Ringen um den besseren Weg und um die besseren Argumente. Ein Politiker hat es einmal so ausgedrückt:

„Manchmal streiten wir, mein politischer Gegner und ich, uns wie die Kesselflicker. Aber es muss immer auch möglich sein, anschließend gemeinsam ein Bier zu trinken.“

Bleibt nur noch zu sagen: Zum Wohle! Eine solche Einstellung verdient meinen ganzen Respekt.


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Dieser Beitrag wurde am 27.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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