Wort zum Tage, 26.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Liebe - stark wie der Tod?

Als seine Frau starb, notierte der Philosoph Gabriel Marcel noch am selben Tag in sein Notizbuch den Satz:

„Lieben heißt, einem Menschen sagen: Du sollst nicht sterben!“

Was für ein Satz, niedergeschrieben in einem Moment, als der Tod sein grausames Machtwort gesprochen hat! Ist das nur eine Illusion, eine hilflose Projektion, die sich nicht mit der harten Wirklichkeit menschlicher Vergänglichkeit abfinden will? Ist es nicht ebenso ein frommer Wunsch, wenn es im Hohelied des Alten Testaments heißt:

„Leg mich wie ein Siegel auf dein Herz…, denn stark wie der Tod ist die Liebe“ (8,6)

Der Tod mit seinen vielen Gesichtern scheint so viel stärker und unerbittlicher…

Im letzten Sommer war ich nach langer Zeit mal wieder in einer römischen Katakombe. Also in einer der vielen unterirdischen Grabstätten, in denen vor allem die frühen Christen der ersten Jahrhunderte bestattet wurden.

In einer Katakombe gibt es ein auf den ersten Blick merkwürdiges Bild. Da sitzt ein noch junger Mann in der Lichtung eines Waldes, er spielt auf einer Lyra und singt offensichtlich dazu. Tiere lauschen seinem Gesang, die Bäume neigen sich ihm zu, um besser hören zu können. Ein friedliches, geradezu paradiesisches Bild.

In der Antike kannte fast jeder aus unzähligen Darstellungen dieses Bild. Denn: Es ist Orpheus, der begnadete Sänger, der mit seinem Gesang Natur, Menschen, ja sogar die Götter verzauberte. Als seine junge Frau kurz nach der Hochzeit plötzlich stirbt, geht er in die Unterwelt, singt vor den Göttern der Tiefe sein Liebeslied und gewinnt mit seinem Gesang seine Frau Eurydike zurück, um sie dann doch kurz vor der Tür zur Oberwelt erneut zu verlieren.

Er hatte sich aus Sorge und Liebe zu ihr umgedreht, was ihm der Gott Hades ausdrücklich für die Dauer des Aufstiegs verboten hatte. Letztlich war der Tod dann doch stärker als eine menschliche Liebe, die alles wagt und dann doch alles verliert.

Schaut man aber genauer auf dieses Bild in der Katakombe, entdeckt man: Das ist gar nicht Orpheus, der üblicherweise so dargestellt wurde! Hier ist es Jesus Christus, den wohl die frühen Christen als den neuen Orpheus darstellten! Er singt und spielt, verzaubert seine Umwelt, und das an einem Ort, wo alles nach Tod aussieht und zu einer Zeit, als regelmäßig dort beigesetzt wurde, der Verwesungsgeruch des Todes zum Himmel gestunken hat.

Mitten drin ein Bild dessen, der wie Orpheus das Lied der Liebe und des Lebens singt. Mitten im Dunsthauch des Todes öffnet sich in diesem Bild eine Luke zum Himmel. Im Ausblick dieser himmlischen Öffnung ergeht an den Betrachter eine unerhörte Botschaft: Gott, der uns Menschen liebt, sagt: Du sollst nicht sterben!

Dafür steht dieser Christus, der neue Orpheus. Was Gabriel Marcel sich beim Tod seiner Frau sehnsüchtig, aber doch ohnmächtig wünschte, hier ist es sichtbar, die Liebe Gottes in Jesus Christus, die wirklich stärker ist als der Tod, eine Liebe, die jedem Menschen sagt: „Nein, du sollst nicht sterben!“


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Dieser Beitrag wurde am 26.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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