Wort zum Tage, 25.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Wenn Gott verschwindet ...

Was würde passieren, wenn eines Tages das Wort „Gott“ völlig aus unserer Sprache verschwunden wäre? Der verstorbene Theologe Karl Rahner gab einmal die Auskunft:

„Der Mensch würde aufhören, ein Mensch zu sein. Er hätte sich zurückgekreuzt zum findigen Tier.“

Es geht Rahner nicht darum, moralisch zu verurteilen. Vielmehr sorgt er sich, dass der Mensch in seiner Menschlichkeit verkümmert. Wenn er doch wenigstens mit der Gottesfrage ringen würde, wenn er doch wenigstens dem Geheimnis des Lebens hinterherdenken würde!  Aber wenn die Gottesfrage egal und belanglos wird: Was unterscheidet uns dann noch von einem besonders klugen Tier oder einer künstlichen Intelligenz?

Was in früheren Zeiten von der Sexualität galt, gilt heute vielfach von der Gottesfrage: Bitte nicht darüber reden! Das ist ganz privat, geradezu intim! Wer über Gott reden will, den kritischen Dialog sucht, gar nach der Wahrheit fragt und um sie ringt, statt alles der individuellen Beliebigkeit auszuliefern, der riskiert Ablehnung und Kopfschütteln. Und das nicht nur bei den Gottvergessenen, sondern auch bei lautstarken Gottesbekennern, die zwar voller Inbrunst auftreten, aber viel zu oft wenig nachdenklich erscheinen.

Als Pfarrer auf einem Kreuzfahrtschiff begegne ich immer wieder interessanten Typen. So fragte mich einmal beim Abendessen ein junger aufgeschlossener Kellner unvermittelt nach meinem Beruf. Als ich mich ihm als Bordseelsorger vorstellte, platzte es aus ihm heraus:

„Das stelle ich mir aber bescheuert vor, immer nur zu reden und zu beten und keiner antwortet!“

Alle am Tisch lachten los, ich auch, dabei fühlte ich mich eher ertappt. Aber ich wollte in diesem Augenblick nicht zeigen, dass der junge Mann mich verlegen gemacht hatte.

Ich gebe zu: Ich tue mich schwer sowohl mit einer gedankenlosen Oberflächlichkeit als auch einer schrillen Gottesgewissheit, die alles zu wissen vorgibt und vereinnahmend daherkommt. Der junge Kellner rührt dagegen an einen wunden Punkt: an das Schweigen Gottes, seine Abwesenheit.

Gerade diese gilt es auszuhalten gegen alle falsche Gewissheit oder Vergesslichkeit, damit unsere Gottesrede nicht banal wird, weder in der Bestreitung noch im schrillen Bekenntnis.  Wenn das Wort „Gott“ nicht einfach sang- und klanglos verschwinden soll, braucht es solche Denker und Beter, die nicht an der Oberfläche surfen und ganz schnell mit allem fertig sind, sondern mit Gott hadern, ja kämpfen, sein Schweigen betrauern, über seine Ferne manchmal sogar verzweifeln können. Es braucht Menschen, die Gott vermissen.

Und doch an ihm festhalten!


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Dieser Beitrag wurde am 25.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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