Wort zum Tage, 24.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Unter Gottes Augen

Wenn auf einem Gemälde eine darauf portraitierte Person geradeaus blickt, sozusagen auf den Betrachter, hat dies eine ganz besondere Wirkung. Egal aus welchem Blickwinkel oder aus welcher Entfernung man auf das Gemälde schaut: Das Antlitz des Abgebildeten wandert mit, der Betrachter fühlt sich an jedem Punkt des Raumes von den Augen angeschaut. Und auch wenn viele zugleich sich im Raum aufhalten: Jeder fühlt sich von dem Blick getroffen, als gelte er nur ihm allein.

Der spätmittelalterliche Philosoph Nikolaus von Kues hat dieses Gemälde-Phänomen aufgegriffen zur Beantwortung der Frage, wie wir Menschen Gott erkennen können. Seine Antwort lautet: Weil er uns sieht, können wir ihn erkennen. So wie die Person auf dem Gemälde, folgt uns sein Blick. Weil seine Augen uns sehen, können wir zu ihm aufschauen.

Bei mir in der Nachbarschaft hängt seit geraumer Zeit ein Plakat mit einem Zitat des Theologen Augustinus:

„Unter dem Blick deiner Augen bin ich mir zur Frage geworden.“

Mit anderen Worten: Dass ich da bin, ist nicht selbstverständlich, nicht belanglos. Ich bin als Mensch in einem guten Sinne „fragwürdig“, bin also einer, der es verdient, dass man nach ihm fragt. Gott fragt nach mir! Und deswegen werde ich mir selbst zur Frage. Wer bin ich, dass ich so gesehen, so gefragt bin?

Das Zitat an der Straße ist allerdings unvollständig. Denn Augustinus fährt fort:

„und das ist meine Schwermut, meine Sehnsucht.“

Das schwingt hier mit. Unter den Augen Gottes erwacht meine „Vertikalspannung“, also die Spannung, die mich aus der horizontalen Verflachung in eine Spannung nach Oben bringt, zu dem, was mich über mich selbst hinauswachsen lässt. Diese Welt kann doch nicht alles sein….

Im biblischen Gleichnis vom barmherzigen Vater und dem verlorenen Sohn begegne ich einem, der auszog, um das Abenteuer des Lebens voll auszukosten. Der nichts unversucht lassen wollte. Zurückbleiben zwei Männer: der ältere Bruder, der mit dem jüngeren abschließt nach dem Motto: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“

Dabei bleibt es, selbst als der jüngere Bruder heimkehrt, vom Leben gebeutelt. Er ist nicht mehr der Bruder. Er fragt nicht mehr nach ihm. Und es bleibt der Vater selbst zurück, der den jungen Draufgänger hat ziehen lassen, ohne jeden Vorwurf. Es gibt in dem Gleichnis an der für mich entscheidenden Stelle einen wunderschönen Satz. Als der Jüngere zurückkehrt und nicht weiß, wie der dem Vater unter die Augen treten soll, da heißt es:

„Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen…“

Der, der vor langer Zeit das „Nachsehen“ hatte, hat den Sohn trotzdem nie aus den Augen verloren. In einem guten Sinne sieht er ihm nach, und aus diesem Nachsehen wird eine Umarmung, die nicht erdrückt, sondern umschließt und behütet.

Wohl dem Menschen, der sich von Gott so nachgefragt und angeschaut weiß! Ein solcher Blick tut einfach gut.


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Dieser Beitrag wurde am 24.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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