Wort zum Tage, 23.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Gesucht: ein Sündenbock!

Wer von euch ohne Sünde ist... der werfe den ersten Stein! Eine paradoxe Erlaubnis, die den Gewaltexzess freigibt und zugleich an eine Bedingung knüpft. Die biblische Geschichte, die dahintersteckt, erzählt von einer Frau, die von Männern in die Mitte gezerrt wird, weil sie beim Ehebruch ertappt worden ist. Alle sind sich einig: Steinigt sie! Und zu ihrer Einstimmigkeit fehlt nur noch einer: Jesus! Wofür wird er plädieren?

„Wenn jedermann einwilligt, einen Angeklagten zu verurteilen, lasst ihn frei: Er muss unschuldig sein!“

So steht es im jüdischen Talmud. Ein Misstrauensvotum gegen die Einstimmigkeit! Dem sich Jesus in der biblischen Erzählung übrigens anschließt, gegen die Strategie des Sündenbocks. Ein Sündenbock wird immer dann gebraucht, wenn Schuld und Versagen aus einer Gruppe abgewälzt, die Verantwortung dafür ausgelagert werden soll, damit alle gut dastehen.

Dieses Spiel der Ausgrenzung und Verlagerung spielt Jesus nicht mit. Er spielt den Ball zurück: Wer von euch ohne Sünde ist…Im Ernst wird das keiner für sich in Anspruch nehmen. So vermessen und überheblich ist keiner. Und so bleibt der erste Stein liegen.

Worum es Jesus geht, erzählt die Legende von einem Bischof, der zur Visitation in ein Dorf kommt. Das Dorf hat seit langem seinen Skandal. Außerhalb des Dorfes lebt in einer Höhle nämlich ein Mönch. Jeder im Dorf weiß, dass der Mönch häufig in der Nacht Besuch von einer Frau bekommt. Alle sind empört, wollen, dass der Mönch verjagt wird. Der Bischof, ein erfahrener Seelsorger, bittet die Dorfbewohner mitzukommen.

Gemeinsam ziehen sie zur Höhle des Einsiedlers. Der Mönch sieht sie kommen, die Frau ist gerade bei ihm. In Panik versteckt er die Frau in einem leeren Fass. Als der Bischof eintrifft, erkennt er sofort die Situation. Er setzt sich auf den Deckel des Fasses, fordert die Dörfler auf, die Höhle nach der Frau zu durchsuchen. Als sie diese nicht finden, sagt der Bischof:

„Und jetzt kniet einzeln vor dem Mönch nieder und bittet ihn um Vergebung für eure üble Nachrede.“

So geschieht es. Als der Bischof mit dem Einsiedler allein ist, reicht er ihm zum Abschied die Hand, schaut ihn liebevoll an und sagt:

„Bruder, gib auf dich acht!“

„Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Das sagt Jesus zu der Frau in der biblischen Erzählung, nachdem alle beschämt weggegangen sind. Der Bischof in der Legende meint dasselbe.

„Gib auf dich acht!“

Keine Verurteilung von oben herab, keine gönnerhafte Bevormundung, keine selbstherrliche Absolution! Stattdessen der Appell an die eigene Verantwortung. 

Eine solche Barmherzigkeit, die Verantwortung für das eigene Handeln nicht ausblendet, verzichtet auf den ersten Stein und braucht keinen Sündenbock.


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Dieser Beitrag wurde am 23.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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