Wort zum Tage, 22.06.2020

von Pfarrer Detlef Ziegler, Münster

Der Buchstabe tötet

In Stein gemeißelt… Wenn ich das höre, denke ich an eherne Gesetze und Prinzipien. In den Kirchen sprechen wir von Dogmen. Der Theologe Karl Rahner soll aber einmal gesagt haben:

„Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest.“

Damit ist ein Dilemma benannt. Wir können nicht ohne Prinzipien und Grundsätze, weil sonst alles beliebig zu werden droht; schwierig wird es, wenn Gesetze und Regeln sich von der Lebenswirklichkeit entkoppeln. Besonders schmerzhaft kann sich diese Ambivalenz zeigen, wenn ich an meine eigenen, inneren Gesetze denke. Sie sind wie ein Skript, das sich mir eingeschrieben hat durch Erlebnisse, Erfahrungen und Erziehung von frühester Kindheit an. Das kann entlasten, weil ich sozusagen meiner inneren Stimme folgen kann; das kann aber auch belastend werden, wenn ein Teil meiner inneren Gesetze sich überlebt hat und mein Leben zunehmend blockiert.

Im 2.Korintherbrief der Bibel (3,6) sagt Paulus:

„Er, Gott, hat uns fähig gemacht, Diener des Neuen Bundes zu sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“

Wie kann ein Buchstabe töten? Im übertragenen Sinn dann, wenn der Buchstabe des Gesetzes, eines Dogmas oder der Buchstabe meiner inneren Prägung zur bloßen Formel erstarrt ist. Wenn dieser Buchstabe das reale Leben immer weniger abbildet und zum Zwang wird. Gegen diesen Zwang verweist Paulus auf den Geist. Gemeint ist Gottes Geist, der lebendig macht und aus der Erstarrung führt, salopp gesagt: der auch mal Fünfe gerade sein lässt, statt immer nur nach dem Korrekten und Konformen zu fragen.

Damit ist nicht Beliebigkeit oder Relativismus gemeint, wohl aber eine kreative Fortschreibung, die den Kern eines Gesetzes oder einer Überzeugung unter veränderten Bedingungen neu zur Geltung bringt. Keine billige Anpassung an den Zeitgeist, aber doch eine kritische und aufgeschlossene Zeitgenossenschaft.

Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu. Mut zur Wandlung setzt voraus, dass ich mich gehalten weiß. Paulus spricht vom Neuen Bund, was auch bedeuten könnte: Der Gott, der mir von Zeit zu Zeit den Wandel zumutet, den Abschied aus lebensfeindlichen Prägungen, dieser Gott ist zugleich der, der sich mit mir verbündet. Gott im Bund mit uns!

Mit ihm an der Seite traue ich mich vielleicht, trägen Ballast über Bord zu werfen, damit in mein Leben ein neuer Schwung kommt. Nicht umsonst heißt der Geist im Alten Testament „Ruach“, was wörtlich bedeutet: Wind, Sturm! Manchmal tut das ganz gut, ein bisschen Feuer unter dem Allerwertesten…


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Dieser Beitrag wurde am 22.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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