12. Sonntag im Jahreskreis

Predigt des Gottesdienstes aus der Pfarrkirche St. Josef in Straubing

Predigt von Pfarrer Martin Nissel

Die Kleinen nach vorne, auf geht’s. Die Großen ganz nach hinten - die sieht man dann schon.

So geht es meist zu, wenn ein Gruppenfoto gemacht wird. Ich lande dann mit über 2 Metern Körperlänge in der Regel weit hinten. Die Kleinen nach vorne, auf geht’s.

Liebe Schwestern und Brüder!
So ähnlich macht es Jesus auch. Er rückt für seine Gleichnisse und sprachlichen Bilder gerne das Kleine oder die Kleinen in den Vordergrund, wie das kleinste Samenkorn oder eben die Spatzen. Auch im Evangelium bekommen die Kleinen einen Ehrenplatz, sitzen in der ersten Reihe.

Spatzen sind unscheinbare Vögel, die kaum jemand beachtet. Und genau diese Spatzen nennt Jesus in einem Satz mit den Menschen, die sich viele Sorgen machen. Dieser große Gott zählt jeden einzelnen Spatzen und wacht über dessen Leben. Erst wenn Gott es will, fällt dieser kleine Vogel vom Himmel.

„Ihr seid mehr wert als viele Spatzen,“

versichert uns Jesus. Ihr dürft mit Zuversicht durchs Leben gehen, denn Gott hat euch im Blick und sorgt sich um euch. Vergesst eure Ängste vor euch selbst. Vergesst eure Furcht vor den anderen. Vergesst diese lähmende Sorge vor dem Leben.
Nicht umsonst wird in diesem kurzen Abschnitt dreimal: „Fürchtet euch nicht!“ den Zuhörern zugerufen.

Jesus hat damals schon erkannt: Die Leute haben vor den falschen Dingen Angst. Menschen machen sich viele Sorgen um den Körper, um ihr Aussehen, um die Frage, was es zu essen gibt, was die Anderen über einen denken und welchen Eindruck wir äußerlich auf unsere Mitmenschen machen. Daran hat sich 2000 Jahre später wenig geändert.

Der Kult um Körper, Kleidung, Selbstoptimierung ist zu einer neuen Religion geworden. Um 1000 Dinge wird gesorgt und gebangt. Dass Ängste in unseren Tagen zunehmen, ist sogar statistisch belegbar: Der Waffenbesitz nimmt nicht nur in Amerika drastisch zu, als Folge der Angst. Und nicht erst seit Corona nehmen auch Angsterkrankungen rapide zu. Man spricht von sogenannten "Phobien".

Wir könnten uns natürlich fragen, wie berechtigt diese Ängste sind oder nicht. Aber das, auf was es Jesus wirklich ankommt, steht bei vielen erst in der 2. oder gar 3. Reihe wie die längeren Menschen auf dem Gruppenfoto. Die einzige Angst, die einzige Sorge, die einen Menschen wirklich beschäftigen sollte ist die, Schaden an der Seele zu nehmen und gleichzeitig den Kontakt zu Jesus zu verlieren.

... Und da haben wir den Schlüssel zum heutigen Evangelium. Wer sich zu Jesus bekennt, der wird spüren, dass sich dadurch die Einstellung zum Leben verändert. Die Gebundenheit an die weltlichen Dinge nimmt ab und eine Gelassenheit nimmt zu. Diese Gelassenheit hilft aus der Angstfalle heraus, denn ich weiß ja, dass ich für Gott unendlich wichtig bin.

Er hat sogar meine Haare auf dem Kopf gezählt, beschreibt es der Evangelist. Um jede kleine Einzelheit meines Lebens ist Gott liebevoll besorgt, und darum gibt es wirklich keinen Grund, vor Menschen Angst zu haben, die mir doch nichts tun können, ohne dass Gott es mitbekommt.

Machen wir unsere Seele in Gott wieder fest oder noch fester als bisher. Je mehr wir auf Gott vertrauen, umso weniger werden wir von der Angst bedroht sein. Gott allein ist es, der uns auch in unseren inneren Kämpfen, in der Erfahrung der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit, Halt geben kann. Denn er ruft uns zu – heute und jeden Tag:

„Fürchtet euch nicht!“


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 21.06.2020 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche