Morgenandacht, 19. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Du bist etwas Besonderes!

„Du bist etwas Besonderes!“ Lange wurde mit diesem Satz für ein Bonbon geworben. Wie war das noch?

Ein Großvater gibt es seinem Enkel, um ihm mit dem Bonbon zu sagen: „Du bist etwas ganz Besonderes!“ Daran erinnert sich der Enkel, jetzt, da er selbst zum Großvater geworden ist. Und was würde er nun seinem Enkel geben? Na was schon? Natürlich auch dieses Bonbon! So schließt sich ein Kreis.

Werbung spielt mit der heimlichen Sehnsucht von Menschen. Wer wollte denn nicht auch etwas ganz Besonderes sein, einmalig, wie ein kostbares Juwel? Werbung arbeitet zugleich mit einem versteckten Zwinkern, nimmt sich selbst mit der großen Verheißung nicht ganz ernst.

„Na komm schon, fang doch schon mal mit einem Bonbon an, immer noch besser als nichts.“ Mit dem Bonbon auf der Zunge oder in der Hand wird eine existentielle Frage mitverkauft: Was bin ich wirklich wert? Was macht mich liebenswert?

Du bist ganz besonders! Eigentlich geht es doch letztlich um das Herz des Großvaters für den Enkel, nicht um das Bonbon, das darauf nur mit einem allzu matten Abglanz verweisen kann. Auf das Herz kommt es an, und damit bin ich bei dem besonderen Fest, das genau heute von katholischen Christen weltweit gefeiert wird: das Hochfest vom Heiligsten Herzen Jesu.

Unter allen Organen des Menschen ist das Herz etwas ganz Besonderes, und das nicht nur aus anatomischer Perspektive. Im Herzen fühlen wir unsere Mitte, die Kraftquelle des Lebens. Solange es schlägt, sind wir. Steht es still, sind wir nicht mehr.

Im Herzen spüren wir unsere geistigen und seelischen Vitalfunktionen. Das Herz kann mir aufgehen, voll sein, vor Glück und Aufregung schneller schlagen. Das Herz kann mir bluten, stechen, weil mich etwas mit voller Wucht trifft. Ein Herz kann gebrochen werden.

In der alttestamentlichen Lesung des heutigen Festes aus dem Buch Deuteronomium erinnert Moses das Volk Israel an den innersten Kern seiner Existenz:

„Ihr seid etwas ganz Besonderes.“

Dafür verwendet er ein Bild aus der orientalischen Königswelt. Der König besitzt einen besonderen Schatz, über den nur er verfügen kann. Segullah heißt dieser Schatz auf Hebräisch. Mit diesem Königsschatz wird Israel verglichen:

„Ihr Männer, Frauen und Kinder, ihr seid die Segullah, der Schatz Gottes!“

(Dtn 7, 6-8)

Was für ein dickes Kompliment! Israel hat es nicht verdient, weil es als Volk besonders groß und mächtig wäre. „Nein“, sagt Mose den Menschen vor dem Einzug in die neue Heimat, „klein und unscheinbar seid ihr, und doch hat Gott ausgerechnet auf euch geschaut. Er hat euch in sein Herz geschlossen. Einfach so, weil er euch liebgewonnen hat. Ihr seid etwas ganz Besonderes.“

Gottes Herz schlägt für Israel, ja für alle Menschen. Am heutigen Festtag, der auf Jesus und sein Herz schaut, wird dieses Herzensanliegen Gottes eindrücklich aufgerufen. Jesus von Nazareth verkörperte geradezu dieses Herz Gottes für die Menschen.

In seinen Worten und Taten zeigte er ein Herz für die, die unter der Herzlosigkeit des Lebens und der Welt besonders zu leiden hatten. Weil sein Herz offen war, konnte er die Herzen der Menschen berühren, erweichen und verändern. Am Kreuz wird es sogar ein gebrochenes Herz, verletzt und durchbohrt von der Schuld und Dunkelheit unserer Welt.

Ja, Liebe muss manchmal viel aushalten. Gott hält es aus, in diesem Jesus. Er hält uns Menschen aus. So wird das gebrochene Herz Jesu zur Quelle, aus der Gottes Liebe strömt, die stärker ist als die Abgründe tödlicher Herzlosigkeit. Weil wir etwas Besonderes sind, verliert Gott sein Herz an uns. Im Zentrum dieser Welt schlägt Gottes Herz für seine Schöpfung.

Der Theologe und Naturforscher Teilhard de Chardin drückt es als Überschrift über seine autobiographischen Notizen so aus:

„Im Herzen der Materie
Ein Herz der Welt
Das Herz eines Gottes.“


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Dieser Beitrag wurde am 19.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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