Morgenandacht, 20. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Sommeranfang

Eine Viertelstunde vor Mitternacht beginnt heute der kalendarische Sommer. Auch wenn in diesem „Corona-Jahr“ vieles anders ist: Wir freuen uns auf Licht und Wärme, auf das Leben draußen, die langen, hellen Abende.

Was mir dabei eher nicht bewusst ist: Jetzt geht es wieder bergab! Der Höhepunkt des Lichtes wird heute überschritten, Dunkelheit kehrt zurück. In 6 Monaten ist Weihnachten.

Im katholischen Gesangbuch, dem Gotteslob, finde ich ein Lied zur Sommersonnenwende, in dem es heißt:

„Kaum ist der Tag am längsten, wächst wiederum die Nacht. Begegne unseren Ängsten mit deiner Liebe Macht.“

Und weiter heißt es:

„Das Jahr lehrt Abschied nehmen schon jetzt zur halben Zeit. Wir sollen uns nicht grämen, nur wach sein und bereit, die Tage loszulassen und was vergänglich ist…“

Will ich daran jetzt wirklich denken, jetzt, in den vermeintlich schönsten Wochen des Jahres? Obwohl: Die Zeiten der Corona-Pandemie erinnern mich verstörend an meine Grenzen und Verletzlichkeit. Pläne sind durchkreuzt, alles steht unter dem Vorzeichen der Vergänglichkeit.

Wenn ich das so offen sage, heute am Sommeranfang, geht es mir nicht um Tristesse, sondern um das heilsame Gewicht der Zeit. Sie ist nicht endlos, weder die Zeit eines Jahres noch die meines Lebens. Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg, auf die Blüte das Verwelken.

Mit jedem Anfang ist auch ein Ende in Sicht. Das zu sehen und anzunehmen, ist kein Plädoyer für einen resignativen Fatalismus, sondern Anstoß, wach zu sein und loszulassen, was vergänglich ist, wie es in dem Lied aus dem Gotteslob heißt.

Was aber bleibt, was trägt in diesem Kreislauf des Werdens und Vergehens?

Wenn man mich fragen würde, was mich trägt und hält, wo ich bleiben kann, wo ich mich aufgehoben weiß, ich würde immer zuerst sagen: Das kann nur ein Mensch sein, ein Freund, eine Freundin, ein Netz von Beziehungen, das mich trägt und erträgt.

Ich weiß aber auch: Kein Mensch kann die letzte Antwort sein, wenn es um meine Sehnsucht nach dem vollen, dem ganzen Leben geht. Das würde jeden Menschen überfordern, mich eingeschlossen.

In der evangelischen liturgischen Ordnung werden von nun an die Sonntage bis zum Advent gezählt als die Sonntage nach „Trinitatis“. Das gibt mir zu denken, verweist mich doch diese Gliederung der Zeit auf einen tragenden Grund im Fluss der Zeit. Wir haben dieses Fest gerade erst gefeiert, das dem Geheimnis der Trinität, der göttlichen Dreifaltigkeit, gewidmet ist.

Ich kann dieses Geheimnis nicht aufklären im Sinne einer Definition, aber es deutet auf eine Beziehung, eine verlässliche Freundschaft hin. Der Schweizer Dichtertheologe Kurt Marti spricht von der „geselligen Gottheit“. Gott und Geselligkeit: Geht das zusammen?

Das Bild reizt mich. Gott ist demnach kein Eigenbrötler, kein Single, kein passionierter Jung- „Geselle“, sondern nach christlicher Überzeugung ein Gott, der selbst in Beziehung lebt, in einem lebendigen, schöpferischen Austausch. Gottes „Geselligkeit“ ist auch keine Beziehung, die sich selbst genügt und wie auf einer Insel der Seligen sich abschottet, sondern sich öffnet und jeden und jede in diese Liebesbeziehung hineinnehmen will. Der gesellige, beziehungsstarke Gott sucht mit Leidenschaft die Geselligkeit des Menschen.

Was also trägt mich im Fluss der verrinnenden Zeit? Ein Austausch von Liebe, eine Beziehung, die belastbar ist, alles aushält, mich aushält und erträgt. Ein Mensch gibt mir darauf immer nur einen Vorgeschmack, nicht mehr, nicht weniger.

In allem trägt uns aber ein Gott, der selber ein solches Netz von Beziehung ist, ein nie versiegender Liebesstrom, in dem wir alle mitschwimmen. Und ich schwimme gern mit, weil ich ahne und glaube: Ich werde erwartet!

Das lässt mich nach vorne schauen, auch im Abstieg. Denn Gott „gesellt“ sich zu mir, auf meinen Wegen durch die Zeit.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 20.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche