Morgenandacht, 18. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Sisyphosarbeit

Eine Sisyphosarbeit, wer kennt sie nicht? Man rackert sich ab und entdeckt keinen Sinn. Das zermürbt.

Sisyphos ist eine Gestalt des griechischen Mythos, ein Schlitzohr und Trickser, aber auch ein Rebell. Von einem wollte er sich überhaupt nicht unterkriegen lassen, von Thanatos, dem Tod. Sisyphos gelingt es, den Zustrom Verstorbener zur Unterwelt zu blockieren, indem er Thanatos fesselt.

Zum Schluss wird Sisyphos vom Gott Hermes endgültig in die Unterwelt verbracht, wo Sisyphos für seinen Aufstand gegen die Götter eine besondere Strafe erwartet: Er muss einen schweren Stein einen Berg hinaufrollen bis zum Gipfel. Doch kurz vor dem Gipfel rollt der Stein zurück ins Tal, sodass Sisyphos verurteilt ist, immer und immer wieder den mühsamen Aufstieg von neuem anzutreten, ohne den Gipfel je zu erreichen. Eine Sisyphosarbeit, eine Endlosschleife der Vergeblichkeit.

Vor genau 60 Jahren starb bei einem Autounfall Albert Camus. Neben Satre ist Camus der bekannteste Vertreter einer Existenzphilosophie, die nach der menschlichen Existenz im Angesicht des Absurden fragt.

Denn davon ist Camus überzeugt: Diese Welt ist ohne tragenden Sinn, sie ist absurd. Doch Weltflucht ist keine Option. Im Gegenteil: Im Angesicht des Absurden spricht Camus dem Menschen eine heroische Existenz zu, getragen von Auflehnung, Freiheit und Leidenschaft. Und Camus‘ besonderer Held, der Held des Absurden, ist Sisyphos!

Warum? Weil Sisyphos sich nicht unterkriegen lässt. Weil er dem Absurden und der Sinnlosigkeit des Daseins seine Auflehnung und Leidenschaft entgegenhält. Und weil er gerade in der Revolte seine Freiheit findet. Gegen die Härte der Welt behauptet sich Sisyphos durch seine heroische Anstrengung, auch wenn er den Gipfel nie erreicht. Camus kommt zu dem Schluss:

„Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

In Zeiten wie diesen, die mir wahrhaft absurd erscheinen, in denen ein gefährliches Virus eine ganze Welt in Atem hält, Leid verursacht, Menschen tötet, erlebe ich Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen.

Die zupacken im Kampf gegen die Bedrohung, um den „Laden“ am Laufen zu halten, die nicht selten für sich selbst viel riskieren. Und es gibt auch die anderen, die müde werden, vereinsamen, resignieren. Denen das Wasser bis zum Hals steht und die sich voller Angst fragen, wie es denn nun weitergehen soll.

Ich selbst finde mich in beiden wieder, mal trotzig und auflehnend, wie Sisyphos, dann auch wieder traurig und hilflos, wie Sisyphos, wenn er so kurz vor dem Ziel dem herabdonnernden Stein erschöpft hinterherschaut.

Was gerade geschieht, ist absurd. Und wer dem einen Sinn abgewinnen will, gar noch Gottes verborgene Hand im Spiel wähnt und hinter Covid 19 und allen anderen Angriffen auf das Leben eine göttliche Absicht vermutet, ist nicht ganz bei Trost, ja zynisch und menschenverachtend.

Unschuldiges Leid ist und bleibt absurd, sinnlos. Deswegen habe ich in Zeiten wie diesen Camus wiederentdeckt, mit seinen bohrenden Zweifeln und Anfragen, seiner Leidenschaft und seinem Trotz, mit seinem Helden des Absurden, Sisyphos. Aber Camus provoziert auch meinen Widerspruch, meinen Trotz als Christ.

Camus spricht von der „zärtlichen Gleichgültigkeit der Welt“. Diesem Fazit trotze ich als Gottsucher. Eines will ich mir nicht nehmen lassen: die Ahnung, dass Gott mittendrin ist in dieser Welt, dass er der Gleichgültigkeit der Welt seine trotzige Liebe entgegenhält. Es ist eine Liebe, die mir hilft, aufzustehen, aufzubegehren, weiterzumachen, jeden Tag.

Der Jesuit Alfred Delp schrieb vor seiner Hinrichtung 1945: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.“

Ein trotziges Dictum gegen das Absurde, eine Liebe aus göttlichem Trotz gegen die Abgründe unserer Welt, ein Trotz, der zu trösten vermag in schwerer Zeit.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 18.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche