Morgenandacht, 17. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Heilsamer Schmerz

Eine Berührung tut gut, wenn sie einfühlsam ist.  Manche Berührung tut auch weh. Sie kann sogar eine Wunde hinterlassen, die manchmal nur schwer heilen will.

Hart angefasst werden: Das tut erst recht weh! Hart angefasst werden: Das kann manchmal aber auch notwendig sein, bitter notwendig, damit ich sozusagen wieder eingerenkt werde, damit eine falsche Haltung korrigiert wird.

Manche Seele, manches Gemüt schreit förmlich danach, wieder eingerenkt zu werden. Viel zu lange bin ich nun schon in einer Schieflage, die das Leben an der Entfaltung hindert.

Das Buch Genesis im Alten Testament überliefert eine solche Geschichte von einem, der in einer dunklen und unheimlichen Begegnung hart angefasst wird. Die Rede ist von Jakob. Von ihm wird erzählt, wie er seinen älteren Bruder Esau hinterhältig mehr als einmal über den Tisch gezogen hat. Ihr Verhältnis ist zerrüttet.

Esau hasst seinen jüngeren Bruder, sodass Jakob in die Fremde fliehen muss. Auch dort zeigt sich Jakob als der Listige und Betrüger. Und irgendwann ist der Punkt gekommen, wo Jakob seinen Lebenslügen nicht mehr ausweichen kann: er ist nirgendwo daheim, getrennt vom Bruder, unversöhnt. Er zieht heim und Esau zieht ihm entgegen. Vor der Begegnung zittert Jakob.

Jakob versucht es noch einmal mit seiner alten Masche: Vielleicht lässt sich ja Esau durch großzügige Geschenke blenden und täuschen. Vielleicht kann man Versöhnung ja kaufen. So schickt er Esau eine ganze Karawane von Geschenken entgegen. Nur er selbst traut sich noch nicht aus der Deckung.

Noch immer versucht er, irgendwie den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. In der Nacht vor der entscheidenden Begegnung ist Jakob ganz allein zurückgeblieben am Fluss Jabbok. Und in dieser Nacht wird er hart angefasst!

„Da rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg.“

Ein Kampf, der die ganze Nacht dauert, in dem Jakob das Gefühl hat, dass es jetzt ums Ganze geht, in dem er verletzt wird, sodass er am nächsten Morgen an seiner Hüfte hinkt. In diesem Kampf, das wird ihm bei Tagesanbruch auch deutlich, ringt Jakob mit Gott. Gott fasst ihn hart an, zwingt Jakob, sich zu bekennen:

„Ich bin Jakob, der Lügner und Betrüger.“

So vor sich gestellt, hart angefasst und verletzt, gewinnt Jakob ein Stück Lebenswahrhaftigkeit. Denn darauf läuft es hinaus: Dass Jakob zu sich selbst zurückfindet, endlich ein aufrichtiger Mensch wird, nicht länger ein durchtriebener und hinterhältiger. Nicht mehr Jakob soll er fortan heißen, sondern Israel, was bedeutet: einer, der mit Gott und den Menschen gerungen hat und doch am Leben geblieben ist, ein Leben, das an der Oberfläche kratzt und Tiefe, ja Reife gewinnt.

Das ist wohl gemeint, wenn es heißt, dass Jakob aus dem Kampf gesegnet hervorgeht, denn am Ende sagt Jakob zu dem, der mit ihm kämpft:

„Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest.“ 

Gesegnet ist Jakob, man könnte auch sagen: eingerenkt und aufgerichtet. So mit sich und seiner Geschichte versöhnt fallen sich beide Brüder am nächsten Tag um den Hals. Denn Esau begegnet nicht dem alten Gauner und Schlitzohr, sondern dem Bruder, der sich zu seiner Schuldgeschichte und Lebenswahrheit durchgerungen hat und deswegen Vergebung verdient.

Eine dunkle, unheimliche Geschichte. Im Zeitraum einer Nacht ist wie in einem Brennpunkt zusammengefasst, was in einem menschlichen Leben oft lange braucht. Ich mag diese urtümliche Geschichte, weil sie mir einen heilsamen Stoß versetzt.

Sie sagt mir eben auch: Wer es mit Gott zu tun bekommt, der muss manchmal auch kämpfen. Weil es Gott um meine Aufrichtigkeit geht, weil er meine Verkrümmungen und Verrenkungen lösen möchte. Das geht eben manchmal doch nur mit inneren Kämpfen, es kann wehtun und mich verletzen.

Aber es ist ein Schmerz, der mich einrenkt und aufrichtet, wie ein Geburtsschmerz, der etwas, ja mich selbst neu zur Welt bringt…und zu den Menschen!


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 17.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche