Morgenandacht, 16. 06. 2020

von Dr. Detlef Ziegler, Münster

Anziehungskräfte

Abstand halten, Berührungen vermeiden: Ich kann mich daran nur schlecht gewöhnen. Ich füge mich aber trotzdem, weil es in Coronazeiten wohl nicht anders geht.

„Halte mich nicht fest!“ Das sagt Jesus zu Maria von Magdala am Ostermorgen. Gerade erst hat sie ihn wiedererkannt, ist im Herzen zutiefst berührt und erschüttert, weil der Totgeglaubte plötzlich vor ihr steht, will ihn festhalten, doch der Auferstandene wehrt sich:

„Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen.“

(Joh 20,17)

Was soll das heißen? Dass man Reisende nicht aufhalten soll? Aber was wird dann aus denen, die zurückbleiben?

Kaum beginnt die innige Beziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena am leeren Grab des Ostermorgens neu, scheint sie schon wieder zu Ende. Bedeuten Abstand und Trennung unausweichlich eine gravierende Beziehungsstörung?

Als Jesus an seinem letzten Abend, so erzählt es der Evangelist Johannes, seine engsten Freunde auf seinen Tod vorbereitet, sagt er etwas Merkwürdiges, das sie trösten soll:

„Es ist gut für euch, dass ich fortgehe.“

Was soll daran gut sein, wenn eine Kontaktsperre unüberbrückbar scheint?

Ein befreundeter Physiker hat mir einmal zu erklären versucht, welche Kräfte im atomaren Bereich am Werke sind. Ein Phänomen hat sich mir dabei besonders eingeprägt. Es gibt unterhalb der Ebene der Protonen und Neutronen noch kleinere Teile im Atomkern, die man Quarks nennt.

Diese Quarks sind durch Anziehungskräfte miteinander verbunden. Erstaunlich ist allerdings: Sind die Quarks nahe beieinander, ist die Anziehungskraft nur schwach. Die Anziehung wird aber umso stärker, je weiter die Quarks voneinander entfernt sind.

Ich finde das ein schönes Bild für die Kraft der Attraktion, der Anziehung, wie sie auch zwischen Menschen bisweilen eine unbändige Kraft entfaltet. Vor Jahren habe ich eine alte Frau beerdigt, zurück blieb ihr Mann, schon fast neunzig. Gesundheitlich war er immer noch sehr rüstig, ich traf ihn oft auf der Straße auf seinem Fahrrad.

Wenn ich ihn fragte, manchmal nur so im Vorbeigehen, wie es ihm geht, sagte er immer wieder: „Ach, Herr Pastor, ich würde so gern bei meiner Frau sein. Sie ist mir so unglaublich nahe, und ich ihr.“ Als er selbst nicht lange danach starb, dachte ich: „Gott, so ist es gut. Jetzt ist er da, wo er hingehört. Bei seiner Frau, und beide bei dir.“ Ja, da ist was dran: Je größer die Trennung, desto stärker ist nicht selten die Anziehungskraft.

„Es ist gut für euch, wenn ich gehe.“ Warum? Jesus fügt hinzu:

„Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn euch senden.“

(Joh 16,7)

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in dieser Trennung und in diesem Versprechen die ganze Geschichte des Christentums gründet. Der geschichtliche Jesus bleibt gebunden an Raum und Zeit, begrenzt auf seine irdische Lebenszeit. Aber als Lebender, als Auferstandener, ist er zwar nicht sichtbar und greifbar, aber gerade deswegen omnipräsent, also überall dort, wo Menschen in seinem Namen beieinander sind.

Um ihn und mit ihm versammelt, wird eine Kraft der Anziehung spürbar, die Jesus den Beistand, man kann auch sagen, den Geist nennt. Es ist der Geist des lebendigen Christus, der Gott und Menschen und Menschen untereinander verbindet, über alle Grenzen und Abgründe hinweg. Nichts, rein gar nichts, sagt der Apostel Paulus, kann

„uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“

(Röm 8,39)

Die Bibel erzählt uns nicht, wie es mit Maria Magdalena und ihrer Jesus-Beziehung weiterging. Aber ich bin davon überzeugt: Sie hielt an ihm fest, wie die anderen Freunde und Jüngerinnen Jesu auch. Vielleicht war er ihr so nahe wie nie zuvor. Mit dieser Erfahrung steht und fällt das Christentum.

Als Auferstandener, heimgekehrt zu Gott, ist dieser Jesus uns näher als je zuvor und vermag auch uns zu verbinden, über alle Abstandsgebote und Kontaktsperren hinweg.


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Dieser Beitrag wurde am 16.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Dr. Detlef Ziegler

Pfarrer Dr. Detlef Ziegler, geboren und aufgewachsen im Ruhgebiet, studierte Theologie, Philosophie, klassische Philologie und Pädagogik in Münster und München. 1985 wurde er in Münster zum Priester geweiht. Von 1990 bis 2001 war er Studienrat am Gymnasium Paulinum in Münster und danach in der Aus- und Fortbildung im Bistum Münster tätig. Zudem hatte er Lehraufträge für philosophische und theologische Anthropologie, Neues Testament und Homiletik in Münster und Paderborn.

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