Am Sonntagmorgen, 14.06.2020

von Joachim Opahle, Berlin

„Gott mag es lenken…“ So fromm sind unsere Volkslieder

Lieder, die jeder kennt – egal wie alt und wo er wohnt – das sind Volkslieder. Sie sind oft aber nicht nur oberflächliche Gesänge, sondern haben eine tiefgehende Botschaft.

© Ylanite Koppens / Pexels

Volkslieder: Die einen lieben sie und singen sie aus vollem Herzen, denn sie sind musikalisch eingängig und vermitteln gute Gefühle und Stimmungen. Sie handeln von Heimatliebe und Fernweh, Liebesfreud und Liebesleid, Freude am Wandern und an der Natur – für jeden ist etwas dabei. Andere finden Volkslieder vielleicht etwas kitschig und rührselig. Sie verbinden damit vergangene Zeiten und denken eher an Altherren-Gesangsvereine.  

Die Rede von den „Volksliedern“ gibt es seit ungefähr 250 Jahren. Der Dichter Johann Gottfried Herder hat damit begonnen, Melodien und Texte zu sammeln. Populäre Lieder, die die einfachen Leute gerne sangen: häufig mit balladenartigen Texten, schlichten, aber zu Herzen gehenden Melodien. Zumeist kein feierlicher Chorgesang wie bei den Wiener Sängerknaben, sondern einstimmige Lieder, die man leicht mit Gitarre oder Akkordeon begleiten kann.

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen“

Volkslieder sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Im 19. Jahrhundert beschreiben sie häufig eine biedermeierliche Wandersmann-Romantik. Aber wer sie genauer betrachtet, findet auch politische Inhalte: es gibt Soldatenlieder, die die Kameradschaft beschwören oder Arbeiterlieder, die zum Klassenkampf aufrufen.

Und es gibt Lieder, die von Glauben und Gottergebenheit sprechen. Oft in einer unaufdringlichen, aber trotzdem überaus frommen Weise; voller Sehnsucht und mit wunderbarer Melodie beispielsweise in Joseph von Eichendorffs Lied: „Wem Gott will rechte Gunst erweisen."

Man möchte förmlich mitmarschieren, so motivierend sind Melodie und Rhythmus. In der vierten Strophe lässt der Dichter keinen Zweifel daran, wem der Wandersmann sein Seelenglück zu verdanken hat:

„Den lieben Gott lass ich nur walten, der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld
und Erd‘ und Himmel will erhalten, hat auch mein Sach‘ aufs Best bestellt.“

„Also ich muss sagen, ich spiele auch ein bisschen Klavier und ich singe auch immer für mich so Volkslieder, mal was trauriges, mal was fröhliches und ja, ich singe von Hause aus im Chor und verbinde damit Träume, Wünsche, Hoffnungen, Vergangenes, Zukünftiges…“

Jürgen Voll ist leidenschaftlicher Sänger. Der 74jährige Berliner ist seit seiner Jugend Mitglied in verschiedenen Chören. Er liebt klassische Oratorien und geistliche Musik, ist dabei immer auch ein Freund des einfachen Volksliedes geblieben:

„Ich hatte Geburtstag und da hatte ich etliche Gäste und da haben wir tatsächlich Volkslieder gespielt. Ich hab die so gut ich kann am Klavier begleitet und wir konnten gar nicht aufhören, und da kam der eine Nachbar rum und wollte mitsingen und hat gefragt ‚Woher kennt ihr diesen reichhaltigen Liederschatz?‘ – Da hab ich gesagt: ‚Das wurde bei uns gepflegt, zuhause bei meiner Mutter, da wurde immer gesungen.‘“

Naturfrömmigkeit und Ehrfurcht der Menschen

Volkslieder sind – wie der Name schon sagt – populär. Sie drehen sich um die schlichten Sehnsüchte und sie transportieren Bilder von irdischen und himmlischen Mächten, die die Menschen immer schon berührt haben.

„Ich denke, jeder Mensch hat irgendwo ‘ne Naturfrömmigkeit in sich, oder Ehrfurcht würde ich‘s noch lieber bezeichnen. Und dadurch sieht er seine Wünsche, in den Texten in der Musik, und die sind ja meistens auch musikalisch so gestaltet, dass die gut ins Ohr gehen und gut zum Text passen. Und da hat jeder Mensch so eine Naturfrömmigkeit in sich, denke ich mal. Die Leute gehen ja auch in die Kirche, obwohl sie vielleicht Atheisten sind und schauen sich die Bilder an. Ich denke, das ist schon sehr wichtig.“

Ein klassisches Stimmungslied für den Frühling mit einer besonderen musikalischen Charakteristik: es jubiliert voller Überschwang und bringt die Liebe zur Natur gekonnt zur Sprache. Für manchen ist der Text auch Ausdruck einer vergangenen goldenen Zeit, als die Menschen noch einfacher und aufrechter waren. Und vielleicht auch noch selbstverständlicher an Gott geglaubt haben. Denn in der letzten Strophe gipfelt das Bekenntnis des Wanderers in einem Schöpfungslob, das zu Herzen geht:

„…..da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt:
wie bist du doch so schön, du weite, weite Welt!“

Warum Volkslieder immer noch beliebt sind

Zu den bekanntesten deutschen Volksliedern gehört „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Auch in diesem Lied aus dem 19. Jahrhundert sind Heimatliebe und Naturverbundenheit romantisch kunstvoll vereint. Bis heute erklingt es an abendlichen Lagerfeuern und wärmt das Herz der Sängerinnen und Sänger.

„Kein schöner Land“ ist nicht nur ein Lied der Heimatgefühle, es ist auch ein sehr frommes Lied. Denn in der dritten Strophe mündet es in einen religiösen Wunsch, wenn es heißt: „Gott mag es lenken, er hat die Gnad.“

Für Jürgen Voll ist es nicht überraschend, dass dieser Volkslied-Klassiker noch immer sehr beliebt ist, als Ausdruck einer romantischen Sehnsucht nach erfülltem Dasein: 

„Ich bin der Meinung, dass viel mehr Menschen religiös sind, die es vielleicht gar nicht zugeben oder nicht praktizieren und so, aber in dieser Frömmigkeit ihre Wünsche formulieren und auch den Glauben dann speisen, praktisch. Dass sie sagen, wenn ich jetzt so singe und mir wünsche, und mit Freude und da fest dran glaube, dann erfüllen sich dann Wünsche auch. Diese Naturfrömmigkeit, bin ich der Meinung, hat jeder Mensch irgendwie in sich, weil jeder Mensch diese Sehnsüchte hat. Und wenn man die schon hört die Formulierung der Wünsche, dann assoziiert man schon: ‚Mensch, das muss doch eigentlich klappen.‘“

„Dass wir uns hier in diesem Tal noch treffen so viel hundert Mal.
Gott mag es schenken, Gott mag es lenken, er hat die Gnad.“

„Also Gläubigkeit auf jeden Fall, dass man eine höhere Macht heraufbeschwört und sagt, die wird mir helfen. Nicht jeder hat ja diese Göttlichkeitsvorstellung, oder da schwebt einer über mir und wird alles regeln, so ist das ja nicht, aber der kann mir die Kraft geben; Also insofern ist da schon eine Hoffnung dran gebunden.“ 

„Nun Brüder, eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht.
In seiner Güte uns zu behüten ist er bedacht.“

Ein Lobgesang auf das ehrliche Bäckerhandwerk! Mit einer Melodie aus dem 16. Jahrhundert. Man kann dem Mühlrad förmlich beim Klappern zusehen und sich vorstellen, wie hier gearbeitet wird, um Mehl zu mahlen und Brot zu backen. Und natürlich schwingt die Erfahrung mit, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist, sondern von vielen Wetter-Faktoren abhängt, die man bis heute nicht beeinflussen kann. In der letzten Strophe wird der Zusammenhang von Arbeit und Ehrfurcht vor der Natur angedeutet, wenn es heißt:

„Wenn reichliche Körner das Ackerfeld trägt,
die Mühle dann flink ihre Räder bewegt.
Und schenkt uns der Himmel nur immer das Brot,
so sind wir geborgen und leiden nicht Not!“

„Doch, diese Wünsche zu formulieren, dass die Mühle klappert und dass die Menschen ihr Brot haben, das ist ein fundamentaler Wunsch der Menschheit. Und von der Mühle umzuschalten auf die heutige Zeit, das ist nicht schwer… es ist ja ein Wahnsinn, wenn man bedenkt, wieviel Arbeit es ausmacht eh man mal ins Brot reinbeißen kann, was da alles passieren muss damit es gelingt: die Sonne muss scheinen, der Regen muss kommen. Und da kommt die Ehrfurcht dann her und sagt, ja das stimmt.“ 

Ein Lied wie ein Gebet

„Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht,
mit Näglein bedeckt, schlupf unter die Deck‘.
Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.“

Eines der bekanntesten Abendlieder aus dem 19. Jahrhundert, vertont von Johannes Brahms. Die Einschlaflieder sind häufig von besonderer Frömmigkeit geprägt, etwa wenn es heißt, dass die Nacht von Engeln bewacht werden soll und im Traum ein Paradies erscheint. Ebenso fromm ist der gottergebene Wunsch im Refrain:

„Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt“.

Ein Lied, sagt Jürgen Voll, das man auch als Abendgebet verwenden könnte:

„Ja, weil da auch wieder alle Wünsche formuliert sind, die der Mensch so im Laufe des Tages ansammelt und sagt „Ach Mensch, wenn man so seinen Tag revuepassieren lässt und sagt, das ist gelungen, das nicht…und so fort.“

Ähnliches ließe sich sagen von dem ebenso bekannten wie beliebten Kinderlied „Weißt du wie viel Sternlein stehen“. Es erzählt vom Staunen über den nächtlichen Sternenhimmel, der Menschen aller Zeiten zur Ehrfurcht gemahnt hat. Und es ist ein Loblied auf den göttlichen Weltenschöpfer, denn er ist es, der die Sterne in ihrer Pracht erschaffen hat.

„Gott, der Herr, hat sie gezählet,
dass ihm auch nicht eines fehlet.“  

Wer sich den Text genauer anschaut, kann bemerken, dass hier ein biblischer Psalm zugrunde liegt. Es ist der Psalm 8 aus dem Alten Testament, der in ähnlicher Weise das Staunen über die Schönheit des Nachthimmels zum Ausdruck bringt. Dort wird Gott als Erschaffer von Erde und Himmel gepriesen. Zugleich bringt der Beter seine Freude darüber zum Ausdruck, dass er in dieser gewaltigen Weltenschöpfung einen so besonderen Platz hat.

Aber das Leben ist nicht nur friedlich, warum sollten es dann die Lieder sein? Einige handeln von tragischen Geschichten, von Krieg und Leid.

Den tiefen Sinn in Volksliedern entdecken

Wer mit den Volksliedern nur Gemütlichkeit und Nostalgie verbindet, wird ihnen nicht gerecht, wie das folgende Beispiel zeigt: Dieses bekannte Kinderlied gilt als heiterer Reim ohne tiefere Bedeutung; eine scheinbar zufällige Begegnung eines Kindes mit einem kleinen Piepmatz. Er bringt eine Botschaft, einen Gruß von der Mutter. Aber so harmlos das Liedchen daherkommt, so bedeutungsschwer ist sein Inhalt: Denn man kann sich ja fragen, was es mit der Botschaft der Mutter auf sich hat. Der tiefere Sinn erschließt sich, wenn man bedenkt, dass dieses Lied vor rund 100 Jahren entstanden ist, in einer Zeit, in der die Müttersterblichkeit noch hoch war. Es könnte nämlich sein, dass hier ein Waisenkind getröstet wird, das einsam ist und Sehnsucht nach der Mutter hat.

Und dann wäre der Vogel so etwas wie ein Bote aus einer anderen Welt, der eine Botschaft der verstorbenen Mutter aus dem Jenseits bringt. Und dann bekommt es auch einen tiefen Sinn, wenn es heißt, der Vogel möge weiterfliegen. Das Kind kann ihn nicht begleiten, weil die beiden in verschiedenen Welten leben: im Diesseits und im Jenseits. So gesehen wird dieses vermeintlich harmlose Kinderlied zu einer tröstlichen Botschaft, die den Überlebenden hilft, ihr Schicksal zu meistern.

„Lieber Vogel flieg weiter, nimm ein Gruß mit und ein Kuss,
denn ich kann dich nicht begleiten, weil ich hierbleiben muss.“

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Hoch auf dem gelben Wagen – Walter Scheel

Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum – The Kings Singers

Der Mai ist gekommen – Mireille Mathieu

Kein schöner Land in dieser Zeit – Wolfgang Anheisser

Es klappert die Mühle am rauschenden Bach – Hermann Prey

Guten Abend, gute Nacht – Marshall & Alexander

Weißt du, wie viel Sternlein stehen? - Heintje

Kommt ein Vogel geflogen – Kalle Klang & Die Flohtöne


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Dieser Beitrag wurde am 14.06.2020 gesendet.


Über den Autor Joachim Opahle

Joachim Opahle, geboren 1956, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er studierte in Freiburg im Breisgau, in Wien, Tübingen und Bamberg Katholische Theologie und Kommunikationswissenschaften. Seit 1993 ist er im Erzbistum Berlin tätig als Leiter der kirchlichen Hörfunk- und Fernseharbeit.

Kontakt
rundfunk@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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