Fronleichnam

Predigt des Gottesdienstes aus der Papst-Johannes-XXIII.-Kapelle, Warendorf

Predigt von Pfarrer Bernd Hante

Liebe Hörer und Hörerinnen, liebe Schwestern und Brüder!

In den vergangenen Wochen hat das Coronavirus Kreise gezogen, es umgarnt die ganze Erde. Was wir sonst an Konflikten, an guten und schlechten Nachrichten weltweit aufnahmen, konnten wir einzelnen Orten dieser Welt zuordnen. Diese Seuche Corona dagegen betrifft alle und umgarnt die ganze Erde.

Um diese Zeit irgendwie zu bestehen, schränken wir unsere Freiheitsräume ein, aus Rücksicht zu den anderen, vor allem den Risikogruppen, den alten und kranken Menschen. Corona ist ein Phänomen von außen, dass uns alle allerdings auf die eine oder andere Weise gefangen hält.

Bemerkenswert scheint mir:Die Länder gehen unterschiedlich damit um. Einheitliche Strategien zur Eindämmung der Ausbreitung und gar zur Entwicklung eines Impfstoffes ist nicht mit allen Staaten zu machen: manche handeln sogar nach dem Motto, wenn jeder sich selbst hilft, ist allen geholfen. Aber wenn dieses Prinzip Schule macht, dann zerfällt die Welt, dann zerfällt das Zusammenleben. Das erahnen, ja das merken wir doch – oder?

Ich frage dagegen: Was hält uns eigentlich zusammen, mit einer inneren Haltung. Ich weiß nicht, wo sich die vielfältigen Staaten und Politiker in dieser Situation letztlich fest machen? Ich als Katholik behaupte: Wir können es tun, heute an Fronleichnam und zwar indem wir das Brot des Lebens in die Mitte der Feier unseres christlichen Glaubens stellen. Damit legen wir unsere Mitte fest. Es ist das Zeichen für die Präsenz und Gegenwart Jesu.

Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen! Sie werden das Brot nicht essen können, digital und durchs Radio geht das mal gerade nicht, sondern Sie können nur hören, wie Brot gebrochen wird und wie Worte dazu gesprochen werden. Und so möchte ich sie mitnehmen, vertiefter die Brotrede Jesu zu hören, um so in die Mitte des Glaubens an diesen Jesus zu gelangen.

Die Brotrede hat ihren Ausganspunkt im Johannesevangelium wenige Verse vor dem gerade gehörten Abschnitt und zwar in der Erzählung der Brotvermehrung, bzw. der Brotgeschichte: Da merken Menschen, dass das Brot, das sie teilen, für alle reicht, und sogar noch mehr, darüber hinaus.

5000 Menschen, der Ort ist abgelegen, und für die Beschaffung von genügend Brot bräuchte es mehr als einen Monatslohn. Doch da hat ein Kind fünf Brote und zwei Fische. Die Menschen setzen sich zu fünfzig, Jesus segnet Brot und Fisch, die Jünger teilen aus und am Ende bleiben 12 Körbe übrig. Die Menschen preisen ihn als Propheten.

Doch auch hier geht es nicht um die bloße Sättigung. Jesus weißt dann in seiner Rede auf den tieferen Punkt dieser Erfahrung und sagt (Joh 6,57):

„Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.“

Es geht also um das Leben eines jeden Menschen, der dieses Brot nimmt als den Leib Christi. Ich verstehe das so: Überall, wo Brot geteilt wird, wird ein bisschen von der Ewigkeit erfahrbar. Denn Brot, das nicht geteilt wird, bleibt starr, bleibt für sich. Aber Brot, das geteilt wird, sättigt und schafft Leben, Freude und Hoffnung. Brot verheißt also mehr als reine Sättigung, verheißt das ewige Leben. Es ist wie bei einem Fest: Immer gehört die Nahrung, das Teilen des Brotes dazu, damit das Fest gelingt. Das Brot ist sozusagen die Mitte des Festes. Und wer diese Mitte feiert, wer sich hier festmacht, kann Kreise ziehen.

Schon der große Mystiker und Theologe Meister Eckhart sagt:

„Nur wer um seine Mitte weiß, kann weite Kreise ziehen.“

Darum geht es: Ich muss um meine Mitte wissen. Der Evangelist Johannes tut das, indem er sozusagen das Brennglas auf die vielen Geschichten Jesu mit den Menschen legt: Und so erzähle ich gerne von ihm. Jesus ist der Christus, der wie kein anderer die Treue Gottes zu den Menschen bezeugt hat, indem er sogar für die Menschen gestorben ist. Ich nenne das Lebenshingabe aus Liebe. Und wenn Menschen heute noch das Brot teilen, wenn sie das Leben teilen, wenn sie davon noch heute erzählen, dann sind sie in ihm und er in ihnen.

Eine Begegnung in meinen ersten Kaplansjahren hat mich in diesem Denken und Fühlen geprägt: Ich war auf der Rückfahrt von einer Tagung mit einem Pfarrer. Ich brachte ihn nach Hause. Und auf dieser Fahrt habe ich ihn gefragt, wieso die Geschichten von Jesus Christus so elementar für ihn sind. Da erzählte er von seiner Gefangenschaft in Russland. Es gab kaum Brot, doch er hatte seine Bibel, die er mit anderen Gefangenen teilen konnte. Das hat ihn gestärkt und sein Leben gerettet. Seit dieser Autofahrt, seit dieser Begegnung weiß ich was es heißt eine Mitte zu haben und Kreise zu ziehen.

Ich bin überzeugt: Diese Botschaft von Jesus als dem Christus und dem Brot zieht Kreise, indem ich erzähle von ihm und meiner Hoffnung, meinem Leben, meinen Fragen, meiner Liebe und meinem Glauben.

Liebe Zuhörer und Zuhörerinnen, es ist nicht das Brot allein, das man schmecken muss. Es sind die vielen Begegnungen, die vielen Gespräche, schließlich auch der Austausch über die Heilige Schrift, die mich stärken wie das Brot des Lebens.

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“,

sagte Jesus einmal (Mt 18,20).

Jesus also als Mitte zu haben und diese Mitte zu feiern – ich vertraue darauf, dass daraus Gerechtigkeit und Frieden wachsen. Und wer aus dieser Mitte lebt, braucht auch keine Angst mehr zu haben, nicht genug zu bekommen.

Wer aus dieser Mitte lebt, der kann es sich auch leisten, dieses Brot des Lebens zu bekennen, zu schmecken, eins mit ihm zu sein und wie Jesus zu verkünden: er ist in mir und ich in ihm. Mehr noch: Wer aus Christus als der Mitte lebt, der kann es sich leisten, sich selbst als Gabe weiter zu verschenken, denn Gabe und Geber sind eins – oder, wie es schon in der eben gehörten Lesung des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth hieß(1 Kor 10,17):

„Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot.“

Ja – trotz Pandemie und all den damit verbundenen Einschränkungen gilt das Wort Meister Eckharts, das mir Hoffnung und Halt gibt und das ich gerne auf Jesus als das Brot des Lebens beziehe:

„Wer um seine Mitte weiß, kann weite Kreise ziehen.“

Der kann Grenzen abbauen und Gemeinschaft schenken. Kreise ziehen, die die Welt umfangen und zusammenhalten.


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑

Dieser Beitrag wurde am 11.06.2020 gesendet.





Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche