Wort zum Tage, 13.06.2020

von Eva-Maria Will, Köln

Unterbrich dich!

Der Abreißkalender, der früher zu Hause in unserer Küche hing, hatte seinen eigenen Charme. 365 Mal im Jahr fiel mein Blick auf das oberste Kalenderblatt: auf die große schwarze Ziffer in der Mitte. Wurde der Zettel am nächsten Morgen abgerissen und eine rote Ziffer erschien, war klar: Heute ist Sonntag oder ein anderer Feiertag. Heute läuft es anders als sonst.

Ein Abreißkalender zeigt nicht nur das Datum an, sondern macht durch die Farbe auch einen Unterschied zwischen Wochen- und Feiertagen. Und auch für uns bedeutete der Sonntag eine Unterbrechung des Alltags. Nicht nur, weil wir schulfrei hatten oder die Arbeit ruhte.

Wie in vielen Familien auch gehörten Sonntagsbraten und selbstgebackener Kuchen zur Tradition. Daran erinnere ich mich gern. Und auch an die Bräuche, die sich mit den Feiern im Jahreslauf verbanden: Weihnachtssterne basteln oder Ostereier färben. Solche Vorbereitungen auf ein Fest steigerten meine Vorfreude.

Unser Kalender ist durch das Christentum geprägt und hat sich entlang der kirchlichen Feste entwickelt. Dreh- und Angelpunkt ist zum einen der wöchentliche Sonntag, zum anderen das jährliche Osterfest. Sowohl beim Sonntag, dem Tag der Auferstehung Jesu, als auch an Ostern dreht sich alles um die zentrale Botschaft des Christentums: Jesus Christus, der sein Leben hingegeben hat, ist von Gott auferweckt zum ewigen Leben.

Die Botschaft an uns darin lautet: Auch ihr werdet einmal sterben. Das wird euch nicht erspart. Aber auch ihr dürft auf ein neues und ewiges Leben hoffen. Es geht um nicht mehr und nicht weniger! Was 52 Mal im Jahr an jedem Sonntag gefeiert wird, wird einmal jährlich, nämlich an Ostern, noch einmal mit Pauken und Trompeten begangen.

In diesem Jahr fiel die Osterfeier allerdings bescheiden aus, weil zum Osterfest alle Gottesdienste unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden mussten. Diese Regelung sorgte deshalb für eine Unterbrechung ganz anderer Art: Die Gemeinden durften sich nicht in der Kirche versammeln: Kein Osterfeuer, kein Halleluja, kein Orgelspiel. Und es war nicht möglich, sich mit anderen Familienangehörigen oder Freunden privat zu einer Feier zu verabreden.

Viele haben Ostern, das wichtigste kirchliche Fest des Jahres, als einsam erlebt. Aber diese Zwangsunterbrechung haben viele Gemeinden kreativ genutzt: Sie streamten Gottesdienste und verschickten Ostergrüße. So versuchten sie, anderen in dieser Situation Mut zu machen. Mir hat das gezeigt, dass eine Unterbrechung heilsam sein kann. Eine gute Erfahrung.

Übrigens – morgen ist Sonntag!


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Dieser Beitrag wurde am 13.06.2020 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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