Wort zum Tage, 12.06.2020

von Eva-Maria Will, Köln

Von der Seele schreiben

Heute wäre Anne Frank 91 Jahre alt geworden. Im August 1944 wurde sie gemeinsam mit ihrer jüdischen Familie in Amsterdam von den Nationalsozialisten gefunden. Sie deportierten Anne und ihre Schwester Margot Frank in das KZ Bergen-Belsen, wo sie im Frühjahr 1945 starben. Anne wurde gerade einmal 15 Jahre alt. 

Weil die Flucht aus den Niederlanden schon im Juli 1942 nahezu unmöglich ist, taucht die Familie von Anne Frank im Hinterhaus des väterlichen Geschäfts unter. Zwei Jahre lang lebt die Familie in diesem Versteck, in dem noch weitere Personen Unterschlupf finden. Abgeschnitten von der Außenwelt vermisst das Mädchen den Kontakt zu ihren Freundinnen. Deshalb sucht sie einen Weg, um mit dieser Situation zurechtzukommen: So beginnt sie, Tagebuch zu schreiben.

Darin schildert Anne Frank den Alltag im Versteck sowie das Leben auf engstem Raum und schreibt über tagespolitische Ereignisse. Bei all dem zeigen ihre Aufzeichnungen eindrucksvoll, wie Anne Frank mit der täglichen Angst umgeht und wie sie sich im Laufe der Zeit persönlich entwickelt. All das macht das Tagebuch heute zu einem wertvollen Zeugnis.

Nach der Verhaftung der Familie Frank findet eine Freundin das Tagebuch und händigt es nach Kriegsende dem Vater aus. Otto Frank, der als einziger seiner Familie überlebt, veröffentlicht 1947 das Tagebuch. Es ist ein prominentes Beispiel für diese literarische Gattung „Tagebuch“.

Viele Menschen nutzen diese Form, um ihr Leben chronologisch aufzuzeichnen. Sie versuchen besondere Ereignisse oder Erlebnisse, die sie für wichtig halten, vor dem Vergessen zu bewahren. Doch neben der Erinnerung bietet ein Tagebuch die Möglichkeit einer persönlichen Auseinandersetzung. Wer Tagebuch führt, schreibt auf, was ihn beschäftigt und bewegt. So wird es möglich, die Einträge immer wieder zu lesen und darüber nachzudenken. Und das macht ein Tagebuch so wertvoll.

Deshalb ist das Führen eines Tagebuches auch eine Methode, die von Psychologen, Mentoren und Seelsorgern empfohlen wird. Denn dadurch bin ich gezwungen, meine Gefühle und Gedanken zum einen in Worte zu fassen. Zum anderen sortiert sich beim Schreiben so manches. Ich kann mir das, was mich bewegt oder belastet, von der Seele schreiben. Das kann helfen, mich selbst besser zu verstehen und dadurch vielleicht einer Lösung für ein Problem näherzukommen.

Für Anne Frank jedenfalls wurde das Tagebuch zu ihrem wichtigsten Begleiter.


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Dieser Beitrag wurde am 12.06.2020 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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