Wort zum Tage, 10.06.2020

von Eva-Maria Will, Köln

Erinnern allein reicht nicht

Heute vor 177 Jahren wurde Bertha von Suttner geboren. Die böhmische Schriftstellerin war die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhalten hat – das war 1905. Sie schrieb den Antikriegsroman "Die Waffen nieder", der zunächst von den Verlagen abgelehnt wurde, dann aber so erfolgreich wurde, dass er in mehreren Sprachen erschien.

Durch den Roman erlangte Suttner große Popularität in der pazifistischen Bewegung. Sie gründete die Österreichische Gesellschaft der Friedensfreunde und die Deutsche Friedensgesellschaft. Immer wieder prangerte die couragierte Frau den Krieg als Irrsinn an. Für ihr vielbeachtetes pazifistisches Engagement erhielt Bertha von Suttner schließlich den Friedensnobelpreis.

Ihre Stimme wurde gehört und doch letztlich nicht genug beachtet – denn nach Ihrem Einsatz und dem vieler anderer kam es trotzdem zu den beiden großen Weltkriegen. Vor wenigen Wochen haben wir uns an das Ende des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren erinnert. An die 60 Millionen Tote und das unsagbare Leid, das Nazideutschland über die Menschheit gebracht hat.

Wir dürfen nicht vergessen, dass jede Generation in die Schuldgeschichte verstrickt sein wird: „Man kann dieses Land nur mit gebrochenem Herzen lieben“, sagte Frank Walter Steinmeier daher in seiner Rede zum 8. Mai an der Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik in Berlin. Mit dieser eindringlichen Aussage verbindet der Bundespräsident auch die Mahnung, sich angesichts von Ausschreitungen durch Rassisten und Rechtsradikale immer wieder der eigenen Geschichte und der damit verbundenen Verantwortung zu stellen.

Eine angemessene Erinnerungskultur allein reicht aber nicht. Wir müssen auch uns aktiv dafür einsetzen, militärische Konflikte in unseren Tagen zu beenden. Das kann dauerhaft aber nur gelingen, wenn die Ursachen für Gewalt langfristig überwunden werden. Denn Gewalt entsteht dort, wo Menschen unter Ungerechtigkeit, Mangel oder Hunger leiden.

Deshalb bin ich überzeugt: Jeder kann etwas zum Frieden beitragen. Nicht nur die Herrschenden entscheiden über Krieg und Frieden! Es fängt im Kleinen an: Dazu gehört, Ungerechtigkeiten auch in meinem direkten Umfeld zu erkennen. Nicht wegzusehen und immer wieder Strategien zur Konfliktlösung zu suchen. Aber eben auch, sich mit den dunklen Kapiteln der Geschichte auseinanderzusetzen und zu versuchen, daraus zu lernen sowie sich über das aktuelle politische Geschehen zu informieren.

Das wäre auch im Sinne von Bertha von Suttner, deren Gedenktag heute ist.


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Dieser Beitrag wurde am 10.06.2020 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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