Wort zum Tage, 11.06.2020

von Eva-Maria Will, Köln

Fronleichnam

Auf Gemeinschaft mussten wir in den vergangenen Wochen verzichten. So allmählich wird es möglich, sich auch wieder in größeren Runden zu treffen. Und trotzdem, die Erfahrung eines großen Festes fehlt mir. Für mich wird das vor allem dann deutlich, wenn ich mit der Familie und mit Freunden an einem gedeckten Tisch sitze. Ein genussvolles Essen bedeutet für mich Ausdruck oder Stiftung von Gemeinschaft.

Genau das ist die Ursprungsidee von Fronleichnam: Dieses katholische Fest wird heute in vielen Gegenden immer noch mit einem reichen Brauchtum und mancherorts mit einer Prozession begangen. Bei Fronleichnam geht es um die Stiftung von Gemeinschaft: Als Jesus sich mit seinen Jüngern zu einem Mahl um den Tisch versammelt, fordert er sie auf, sich auch nach seinem Tod weiterhin in seinem Namen zu treffen. Die Jünger sollen dabei das Dankgebet sprechen, das Brot essen und den Wein trinken. Er sagt:

"Tut dies zu meinem Gedächtnis!"

(Lk 22,19)

Durch diesen Auftrag beim letzten Abendmahl stiftet Jesus die Gemeinschaft der Kirche. Denn seitdem versammeln sich jeden Sonntag Christen. Sie hören das Wort Gottes und halten Mahl. Das ist der Mittelpunkt jeder Messfeier. Katholiken glauben, dass dann in den Gestalten von Brot und Wein Jesus selbst gegenwärtig wird. In der Eucharistiefeier begehen sie damit das Gedächtnis an Tod und Auferweckung Jesu.

Schon die frühen Christen bewahrten dieses sogenannte eucharistische Brot aus der Messfeier auf, um auch ihren Brüdern und Schwestern davon zu geben, die aus verschiedenen Gründen nicht an der gemeinsamen Eucharistiefeier teilnehmen konnten: Weil sie im Gefängnis sind, weil sie krank sind oder im Sterben liegen.

Durch das Teilen des Brotes entsteht trotzdem Gemeinschaft – nicht nur durch die Verbundenheit mit anderen Christen, sondern auch mit Jesus Christus selbst, den sie in diesem Brot empfangen. Katholiken feiern heute an Fronleichnam den Glauben an die bleibende Gegenwart Jesu Christi im eucharistischen Brot: zum einen in der gemeinschaftlichen Eucharistiefeier, zum anderen in der Prozession, in der dieses Brot durch die Straßen und Felder getragen wird – es wird als Leib Christi verehrt.

In den überwiegend katholischen Bundesländern ist Fronleichnam ein gesetzlicher Feiertag. Gottesdienste werden diesmal mit Einschränkungen gefeiert, aber die Prozessionen fallen in diesem Jahr wohl meistens aus. Doch was für mich zählt, ist der tröstliche Gedanke, dass Jesus Christus immer bei uns sein will.


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Dieser Beitrag wurde am 11.06.2020 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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