Wort zum Tage, 08.06.2020

von Eva-Maria Will, Köln

Corona macht uns Beine

Corona hat uns Beine gemacht. So las ich vor einigen Wochen in einer Zeitung. Auch mir ist das so ergangen. Seit ich nicht mehr täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, sondern mich im Home-Office befinde, gehe ich regelmäßig spazieren. Die neue Art der Bewegung tut mir gut. Aber nicht nur das: Diese Ausnahmesituation hat bei mir auch zu einem Blickwechsel geführt. Plötzlich entdecke ich Dinge, die mir im Immer-Gleichen des Alltags vorher nicht aufgefallen waren.

Auf meinem Weg komme ich an einem alten Friedhof vorbei, der schon vor etwa hundert Jahren stillgelegt wurde. Vor kurzem bin ich einfach mal durch das schmiedeeiserne Tor auf den Friedhof gegangen. Hier herrscht die sprichwörtliche Friedhofsruhe.

Einige Grabsteine haben sich im Laufe der Jahrzehnte geneigt. Viele Inschriften sind entweder vom Moos überwachsen oder ausgeblichen. Ich gehe näher heran, um zu sehen, welche Geschichten mir die uralten Grabsteine erzählen. Auf einem fällt mir beim Namen des Verstorbenen das Bild eines Baumes ins Auge.

Im ersten Moment denke ich, das ist doch ungewöhnlich, ein Baum auf einem Grabstein, doch dann verstehe ich: Der ausgewachsene Baum mit Wurzel, Stamm und Ästen ist schon seit Jahrtausenden Symbol für die Kraft und das Leben des Menschen. Deshalb wird der Baum auch in den Religionen als Sinnbild für ihn verwendet. Das Besondere an dem Baum ist, dass er zum einen im Erdreich verankert ist, und zum anderen in die Höhe wächst. Er ist gewissermaßen ausgespannt zwischen Himmel und Erde. 

Der erste Psalm der Bibel beschreibt den Menschen, der sein Vertrauen auf Gott setzt, so:

„Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.“

(Psalm 1,3)

Das soll heißen: Der Baum wächst und streckt sich in die Höhe, aber dazu braucht er Wasser und Nährstoffe aus dem Erdreich. Wenn der Baum das nicht aufnehmen kann, verdorrt er. Und das ist beim Menschen nicht anders: Wenn der Mensch sich nicht verwurzelt, besteht die Gefahr, dass er innerlich verwelkt. Er muss verankert sein, um wachsen und gedeihen zu können.

In dem Lied, das die Reihe der 150 Psalmen eröffnet, wird deutlich, dass der Verfasser verankert ist im Glauben an Gott. Darum beschreibt er sich selbst wie den Baum, der fest verwurzelt ist.

Der ganze Psalm strahlt das Vertrauen aus: Gott wird für mich sorgen, er lässt mich nicht verdorren. So gesehen ist der Baum auf dem Grabstein für mich nicht mehr verwunderlich – sondern auch ein Symbol der Hoffnung angesichts des Todes.


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Dieser Beitrag wurde am 08.06.2020 gesendet.


Über die Autorin Eva-Maria Will

Eva-Maria Will arbeitet als Diözesanreferentin im Erzbistum Köln. Sie wurde 1963 in Hannover geboren, studierte katholische Theologie, Kunstgeschichte und Christliche Archäologie in Trier und Bonn und war lange überwiegend in der Frauenseelsorge tätig. 2015 hat sie den Fachbereich Trauerpastoral und Bestattungskultur im Erzbistum Köln aufgebaut und ist seitdem als Referentin dort tätig. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Qualifizierung von Haupt- und Ehrenamtlichen. Eva-Maria Will ist verheiratet und hat zwei Töchter. Kontakt
Internet: www.abschied-trost.de
Email:eva-maria.will@erzbistum-koeln.de
               
               

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