Feiertag, 07.06.2020

von Stefan Förner, Berlin

Abgesagt! Das Gelübde von Oberammergau in Zeiten von Corona

Die Passionsspiele in Oberammergau begeisterten schon Simone de Beauvoir und Adolf Hitler. Für dieses Jahr wurde die Touristenattraktion wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Für die kleine bayerische Gemeinde ist das auch wirtschaftlich ein großer Verlust. Doch die Spielleitung sucht nach Lösungen – nicht nach Schuldigen.

© Andreas Praefcke / Wikimedia Commons

Samstag, 16. Mai 2020. Neben den einschlägigen Zahlen zu Neu-Infektionen berichten die Nachrichten im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie vor allem wieder über sogenannte „Hygiene-Demos“: Aus Protest gegen die verordneten Einschränkungen versammelt sich eine eigenartige Mischung.

Darunter auch Extremisten aller Art sowie klassische Impfgegner und Anhänger von Verschwörungsmythen. Was viele von ihnen verbindet, ist ein Hass auf – unter anderen – Angela Merkel und Bill Gates, Widerstand gegen die Einschränkung ihrer Rechte und vor allem das Bemühen, sich lautstark Gehör zu verschaffen.

Verschoben auf das Jahr 2022

Während in vielen Städten Deutschlands also selbsternannte „Wutbürger“ die Polizei anschreien, sollte genau an diesem Samstag, dem 16. Mai, nachmittags gegen fünf in einem kleinen oberbayerischen Dorf ein Schauspiel beginnen, wie es die Welt nur alle zehn Jahre erlebt. Einem alten Gelübde treu bleibend führen die Oberammergauer ihre Passionsspiele auf.

Stattdessen: nichts. Die ersten Corona bedingten Einschränkungen sind zwar mittlerweile wieder aufgehoben, auch der Tourismus läuft langsam wieder an, aber die Oberammergauer Passionsspiele sind abgesagt. Wo das beschauliche Gemeinwesen auf 900 m Höhe im bayerischen Voralpenland förmlich brummen müsste wie ein Bienenkorb, wo sich Jesus, Maria und Hunderte weitere Laien-Schauspielerinnen und Schauspieler in historische Gewänder kleiden, Orchester und Chor sich einstimmen müssten und die Hoteliers ein letztes Bett organisieren, passiert: nichts! Die Erklärung findet sich online:

„Die 42. Oberammergauer Passionsspiele werden aufgrund der aktuellen Situation durch die Corona-Pandemie verschoben. Grundlage ist ein Bescheid des Landratsamtes Garmisch-Partenkirchen, der die Durchführung der vom 16.05.2020 bis zum 04.10.2020 geplanten Veranstaltung untersagt. Die Gesundheit unserer Gäste und Mitwirkenden hat für uns höchste Priorität, daher haben sich die Verantwortlichen entschlossen, die für den 16. Mai 2020 geplante Premiere der Passionsspiele auf das Jahr 2022 zu verschieben. (…)

Auch für die Gemeinde Oberammergau und die Spielleitung um Christian Stückl steht die Gesundheit der Bevölkerung an erster Stelle. Die Corona-Pandemie hat es unmöglich gemacht das diesjährige Spiel fertig zu stellen, ohne die Mitwirkenden und Gäste zu gefährden. (…) Wir möchten uns bei Ihnen herzlich für die vielen warmen Worte und die Unterstützung bedanken! Auch wir müssen den Beschluss erst einmal verarbeiten, uns sortieren und für 2022 neu aufstellen.[1]

Früher: Epidemie als Strafe Gottes

„Also 1634 haben wir das erste Mal gespielt. In der damaligen Zeit ist in ganz Deutschland und in ganz Bayern damals im Dreißigjährigen Krieg die Pest ausgebrochen. Und da man zu der Zeit nichts über Bakterien, Viren oder Ähnliches wusste, sondern jede große Epidemie als Strafe Gottes begriffen hat, musste Gott beruhigt werden, und eines der probatesten Mittel war das Geloben von Passionsspielen. Also in der damaligen Zeit gab’s in Bayern und im Österreichischen Raum etwa 450 Passionsspielorte, also überall dort, wo Krankheit oder irgendwas ausgebrochen ist, hat man entweder eine Kapelle für den Heiligen Rochus oder für den Heiligen Sebastian gebaut oder man hat ein Passionsspiel gelobt.“

Anfang des Jahres ist Christian Stückl – mit Jesus und Maria in doppelter Besetzung – auf Werbetour, neben Berlin stehen auch Adressen in den USA auf dem Programm. Er läuft förmlich über vor Begeisterung und Schaffenskraft und weiß in diesem Moment noch „nichts über Bakterien, Viren oder Ähnliches“. Corona scheint in diesem Moment noch weit weg zu sein und ein Problem, das hoffentlich in China bleibt. An eine Gefährdung der Spiele – sei es der olympischen oder der Passionsspiele – denkt noch niemand und schon gar nicht der Festspielleiter.

Um Christian Stückl zu verstehen, muss man sich gut in seinen Dialekt hineinhören und man muss wissen, dass er die Passionsspiele nicht nur seit 1990 leitet, sondern das Gelübde aus Pestzeiten verkörpert und lebt bis in die Haarspitzen. Als Sohn eines Gastwirts hat er fast alle Debatten hautnah mitbekommen und galt bereits mit sieben Jahren als „Bühnenschreck“.

Der Kaiphas, ich weiß gar nicht, ob das jedem bekannt ist, das war damals der Hohepriester in Israel, den hab ich gewissermaßen als Erbbauernhof betrachtet. Ich dachte: mein Papa hat ihn gespielt, der Opa hat ihn gespielt, ich krieg ihn auch einmal. Irgendwann mit 15 habe ich dann gemerkt, ich würde lieber im Zuschauerraum stehen und Regie führen und hab den Kaiphas dann aufgegeben. Mein Großvater sollte mal Jesus werden, das ist aber dann am katholischen Pfarrer gescheitert, denn er war mit einer evangelischen verheiratet.“

Wichtig für Wirtschaft und Kultur

1990 wurde der damals 24-jährige vom Gemeinderat mit einer hauchdünnen Mehrheit von 9:8 Stimmen zum jüngsten Festspielleiter aller Zeiten gewählt. Seitdem hat Christian Stückl die Passionsspiele runderneuert und modernisiert. Mittlerweile dürfen nicht nur evangelische Christen mitspielen sondern auch die, die aus der Kirche ausgetreten sind.

Jede und jeder Oberammergauer hat ein Recht darauf, denn Veranstalter ist die Gemeinde und nicht etwa die Kirche. Für die Rolle des Judas hat Stückl nun einen muslimischer Mitbürger vorgesehen. Solche Entscheidungen, wie auch die aus vergangenen Aufführungen, als Maria von einer verheirateten Frau mit zwei Kindern verkörpert wurde, haben ihm viel Protest eingebracht. Doch den erinnert Stückl mittlerweile mit einem gewissen Stolz:

„Eine Frau aus Göttingen hat mir einen Brief geschrieben das weiß ich heute noch: ‚Diese dreckige Schimpanse, des Nachts kriecht sie zu ihrem Mann ins Bett und regelt den Verkehr und tagsüber steht sie auf der Bühne und mimt die Heilige Jungfrau Maria, eine Schande!‘“

Oberammergauer Spiele waren „reichswichtig“

Stückl wusste sehr gut, worauf er sich einließ, denn die Oberammergauer Passionsspiele sind viel mehr als die Erfüllung eines frommen Gelübdes. Sie sind ein wichtiges Geschäft und ein entscheidender Wirtschaftsfaktor für Oberammergau und die ganze Region. Und die Bewertung durch große Reiseveranstalter fast genauso wichtig wie das Urteil von Kirche und Kulturkritik.

„Plötzlich entdeckt Thomas Cook das Oberammergauer Passionsspiel um 1880, plötzlich wird es zu einem Wirtschaftsfaktor für Oberammergau. Dann hat man sich nicht mehr getraut, irgendwas zu verändern, weil sonst kommen ja womöglich die Gäste nicht mehr. Dann kommt plötzlich 1930 Adolf Hitler nach Oberammergau ins Passionsspiel und saß zwei Reihen neben Sartre und Simone de Beauvoir. Simone de Beauvoir hat das Passionsspiel unglaublich gut gefallen, dem Hitler auch. Wenn man die zwei Berichte liest, dann war Simone de Beauvoir völlig begeistert von der Farbigkeit, von dem, was da auf der Bühne passiert, von der Schauspielerei. Hitler war begeistert, weil er gesagt hat: In Oberammergau sieht man auf wunderbare Weise, wie edel der Römer und wie dreckig der Jude ist.“

Nach der sog. „Machtergreifung“ hatte Adolf Hitler die Oberammergauer Passionsspiele für „reichswichtig“ erklärt. 1934, zum 300. Jubiläum gab es ein Zusatzpassionsspiel außerhalb des üblichen Zehn-Jahres-Rhythmus. Damit waren die Oberammergauer und ihr Gelübde Teil der nationalsozialistischen, antisemitischen Ideologie geworden. Eine „Entnazifizierung“ fand nach dem Krieg nur halbherzig statt, man wollte die – auch wirtschaftlich wichtigen – Passionsspiele nicht infrage stellen.

Den Schuldigen suchen oder die Lösung?

„Intelligente suchen in Krisenzeiten nach Lösungen, während die Idioten nach Schuldigen suchen.“

Als Anfang Mai die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen heftiger werden, meldet Twitter verstärkt dieses Zitat. Es wird schnell und oft geteilt. Angeblich stammt es vom großen Vicco von Bülow alias Loriot. Und wenn Loriot das gesagt hat, dann darf man auch mal „Idiot“ schreiben, denn dann wird es auch berechtigt sein. Das geht eine Weile lang gut, bis sich Fachleute in die Twitter-Debatte einschalten[2] und recht schnell nachweisen können: Loriot kann man für den Satz nicht haftbar machen. Loriot „wäre viel zu vornehm gewesen, das Idiot-Wort in den Mund zu nehmen.“ Der Zitatexperte Gerald Krieghofer bestätigt lapidar:

„Dass es besser ist, nach Lösungen zu suchen und nicht nach Schuldigen, steht so ähnlich seit Jahrzehnten in vielen Ratgeberbüchern.“

Was hat die Oberammergauer – und wie wir gelernt haben viele andere auch – in Pestzeiten bewogen, ein so weitreichendes Gelübde abzulegen? Haben sie nach Schuldigen oder nach Lösungen gesucht?

Als die Pest drohend vor den Toren ihres kleinen Gemeinwesens stand, haben sie keine Schuldigen gesucht, höchstens haben sie die Schuld – und die Sünde, für die die Pest sie strafen sollte – bei sich selbst gesucht. Nein, die Oberammergauer waren und sind keine Idioten. Sie haben nach einer Lösung gesucht. Und sie haben diese Lösung – für sich und in ihrer Zeit – in dem Gelübde der Passionsspiele gefunden.

„Evangelien-Harmonien“ und Antisemitismus

Wobei eine Einschränkung zu machen ist. Die Passionserzählungen der Evangelien sind geprägt von der Absicht, die frühen christlichen Gemeinden möglichst deutlich von den Juden abzugrenzen und im römischen Reich anschlussfähig zu werden. So wird in der Matthäus-Passion die Schuld am Tod Jesu ziemlich unverblümt von den Römern auf die Juden übertragen:

„Als Pilatus sah, dass er nichts erreichte, sondern dass der Tumult immer größer wurde, ließ er Wasser bringen, wusch sich vor allen Leuten die Hände und sagte: Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen. Das ist eure Sache! Da rief das ganze Volk: Sein Blut – über uns und unsere Kinder! Darauf ließ er Barabbas frei, Jesus aber ließ er geißeln und lieferte ihn aus zur Kreuzigung.

(Mt 27,24-26)

Der behauptete Hass des ganzen Volks, wie es bei Matthäus heißt, übertrug sich oft recht einfach auf die christlichen Zuhörer und wurde zum Hass auf die Juden mit den bekannten fatalen Folgen. Passionsszenarien, vor allem sogenannte „Evangelien-Harmonien“, die die drastischsten und intensivsten Bilder und Szenen der Passion zusammenführen, bieten für Antisemiten willkommene Anknüpfungspunkte.

Hitlers vernichtendes Urteil vom „dreckigen Juden“, den er in Oberammergau gesehen habe, hatte einen langen Nachhall. Die antijüdischen Tendenzen blieben zunächst in den Texten und der Inszenierung der Oberammergauer Passionsspiele auch nach 1945 erhalten. Für den jüdischen Rabbiner Walter Homolka, gleichfalls bayerischer Abstammung, ist der neutestamentliche Antijudaismus nicht nur ein historisches Kapitel. Er kann sich dessen Wirkung nach wie vor nur zu gut vorstellen.

„Das heißt, es ist ihm gelungen, aus einem Genre, das für uns immer potentiell gefährlich war, das muss man ja auch sehen: Daraus sind ja auch Stereotypen immer wieder bestärkt worden und es sind auch sicherlich war das für Juden zu Ostern nicht angenehm nach Passionsspielen auf die Straße zu gehen, weil man hat dann sicher nicht nur das auf der Bühne wirken lassen, sondern ist den Christusmördern eben hinterhergegangen.“

Oberammergaus Weg „weg von christlichem Judenhass“

Seit Christoph Stückl inszeniert, geht Homolka gern nach Oberammergau und trifft im legendären Hotel zur Post auf begeisterte Kollegen, insbesondere aus den USA. Das von Homolka geleitete Abraham-Geiger-Kolleg hat Christian Stückl in diesem Jahr den Abraham-Geiger-Preis verliehen[3], vermutlich auch nur per Videokonferenz. In der Begründung heißt es:

„Stückl hat die international bekannten Oberammergauer Passionsspiele erneuert: weg von christlichem Judenhass hin zu einer ausgewogenen Darstellung innerjüdischer Konflikte. Deshalb hat die Jury (…) Christian Stückl und den Oberammergauer Passionsspielen den Abraham-Geiger-Preis 2020 zuerkannt. (…) ‚Wir denken, dass Sie einer wichtigen Botschaft Gewicht verliehen haben: dass wir in unserem Land gegen Rassismus und Antisemitismus eintreten müssen, um eine pluralistische Gesellschaft zu sichern.‘“ [4]

„Christian Stückl und die Oberammergauer und diese Jungen und diese bewegten letzten  20/30  Jahre Und dass es einem Theatermann gelungen ist, die schwierigen theologischen Umbrüche alle zu verinnerlichen und daraus eben ein spannendes Stück zu machen über die innerjüdischen Diskussionen vor 2000 Jahren.“

Umdenken und Tradition bewahren

Das wird für Stückl an vielen kleinen Überlegungen deutlich. Christian Stückl und die Oberammergauer haben sich überlegt, warum sie eine Szene wie die sog. „Tempelreinigung“ erzählen wollen. Und sind zu dem Schluss gekommen, dass es nicht um die „Action-Szenen“ geht, wenn Jesus Wechseltische umwirft und Händler vertreibt, sondern darum, dass der Tempel wieder zu einem Haus des Gebets wird. Also wird an dieser Stelle mittlerweile neben der „Action“ vor allem das Gebet inszeniert.

„Trotzdem ist es nie am Ende. Wir müssen da immer weiterarbeiten, weil natürlich viele Geschichten, die drinstecken im Passionsspiel, die haben eine antisemitische Wurzel. Das ist ganz einfach: 2000 Jahre Christentum hat sich natürlich auch gegen das Judentum ausgesprochen und das steht ganz tief in den Spielen drin“.

Christian Stückl hat die Tradition bewahrt und trotzdem ein Umdenken erreicht in diesem kleinen Ort, der einmal alle zehn Jahre zu einem einzigen großen Ensemble wird. Er inszeniert gewissermaßen ganz Oberammergau. Und der Termin für die Bekanntgabe wer eine der – immer doppelt besetzten – Hauptrollen spielen darf, ist für Oberammergau wichtiger als die Verleihung der Oscars für die Filmbranche. Da wird die eigene Lebensplanung dem Terminkalender der Passionsspiele untergeordnet.

„Was mich total freut bei den Passionsspielen, dass mir gelungen ist – man denkt immer, das ist irgendwas, was in den Bayerischen Alpen im letzten Eck irgendwo spielt – dass wir wirklich wahnsinnig viele junge Leute haben, die total Lust haben. Wir sind zu den Vorbereitungen für das Passionsspiel schon zum vierten Mal nach Israel gefahren, wir haben versucht, die Wege Jesu nachzugehen. Wir haben versucht klarzumachen, dass es nicht um einen christlich-jüdischen Konflikt geht sondern um eine innerjüdische Angelegenheit geht. Jesus war bis zum letzten Tag Jude. Was ich total spannend find, die jungen Leute gehen das alles mit.“

Das ist die zeitgemäße Interpretation von Gelübde, man kann die Tradition vermutlich nur pflegen, wenn man das eigene Handeln immer wieder hinterfragt, wenn man die offenen Fragen aushält und nach Lösungen sucht, und auf Schuldzuweisungen verzichtet.

Auch in Krisenzeiten: An Gott wenden

Die heutige erste Lesung im katholischen Gottesdienst beschreibt auch eine Krisenzeit. Das Volk Israel hatte sich dem Goldenen Kalb zugewandt und sich selbst Götter gemacht. Beeindruckend ist, wie Mose mit Gott ringt und verhandelt, bis es dann tatsächlich zur Erneuerung des Bundes kommt und sich der HERR selbst dazu bekennt:

„Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue: Er bewahrt tausend Generationen Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim, bis zur dritten und vierten Generation. (…) Hiermit schließe ich einen Bund: Vor deinem ganzen Volk werde ich Wunder wirken, wie sie auf der ganzen Erde und unter allen Völkern nie geschehen sind. Das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, wird die Taten des HERRN sehen.“

(Ex 34,4-10)

Was hier Gott selbst als Bund mit den Menschen formuliert ist die andere, die göttliche Seite des Gelübdes. Obwohl das Volk Israel dem Bund untreu geworden ist, bestätigt Gott diesen Bund. Und dieser Bund hat Bestand. 

Wir Christen sprechen immer noch von „Altem“ und „Neuem“ Testament. Wenn mit „alt“ gemeint ist „überholt“, „ungültig“, „kann weg“, dann fangen damit die Missverständnisse an. Am Karfreitag heißt es in den großen Fürbitten von den Juden, „zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat“. Das ist nicht der alte Bund, das ist der erste Bund Gottes mit uns Menschen, Gottes erstes Gelübde, also das erste Testament. Die Passion Jesu besiegelt den zweiten, den neuen Bund, die Erneuerung des Gelübdes Gottes mit uns Menschen. Denn „der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“, er sucht die Schuld, aber er „nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg“.

Wie die Oberammergauer in Pestzeiten, so hat auch Mose in der Wüste in der Krise sich an Gott gewandt. In der eigenen Ohnmacht, wenn Fragen unbeantwortet bleiben, wenn eine Heilung oder Rettung weit weg erscheint, ist es allemal sinnvoller sich auf das zu besinnen, was einem wichtig ist, die eigene Hilflosigkeit anzuerkennen und vielleicht aus der Hinwendung zu Gott die Kraft zu ziehen, eine Lösung zu finden und Schuldzuweisungen zu unterlassen.

In dieser Haltung kann sich dann spätestens 2022 in Oberammergau der Vorhang wieder öffnen.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden


[1] https://www.passionsspiele-oberammergau.de/de/startseite

[2] Hier und im Folgenden nach: https://www.br.de/radio/bayern2/wie-das-internet-mit-zitaten-umgeht-100.html

[3] https://www.abraham-geiger-kolleg.de/2020/01/16/abraham-geiger-preis-2020-geht-an-christian-stuckl/

[4] https://www.abraham-geiger-kolleg.de/wp-content/uploads/2020/01/PM_AGK_Preis_2020.pdf


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Dieser Beitrag wurde am 07.06.2020 gesendet.


Über den Autor Stefan Förner

Stefan Förner ist Diplom-Theologe und Pressesprecher des Erzbistums Berlin. Kontakt
Stefan.Foerner@erzbistumberlin.de
www.erzbistumberlin.de

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