Feiertag, 01.06.2020

von Johannes Rogge, Berlin

Ein neues Pfingsten. Wenn junge Menschen im Geist des Kreisauer Kreises zusammenkommen

Der Kreisauer Kreis: Eine bürgerliche Widerstandsgruppe aus der Zeit des Nationalsozialismus, die noch heute aktiv ist. Normalerweise würden sich Mitglieder der Gruppe an diesem Wochenende treffen. Wegen Corona geht das nicht. Doch der Geist von Kreisau kennt keine Grenzen.

© Bundesarchiv, Bild 147-1277 / CC-BY-SA 3.0


Also Kreisau bringt für mich einfach persönlich unheimlich interessante Menschen zusammen. Ich meine, dieses Pfingsttreffen ist natürlich auch aus dieser engen Verbundenheit mit diesem Ort, natürlich mit der Kreisauer-Initiative entstanden.

Für mich ist es ein besonderes Projekt, das der Pfingstfreunde. Also zum einen finde ich es sehr schön ein Treffen zu haben, was so eine entspannte Atmosphäre des Miteinanders und des Austauschs mit sich bringt, zum anderen finde ich es schön, dass wir gerade an Pfingsten – was ja ein wichtiger Termin ist für Kreisau geschichtlich betrachtet – eine Veranstaltung haben, wo ganz viele Personen, die in Kreisau auch aktiv sind, dann sich hier in ihrer Freizeit treffen.“

„Heute habe ich immer noch eine ganz enge Verbindung zu Kreisau, bin mehrere Male im Jahr hier und genieße dann die Zeit hier zu sein, gerade an Pfingsten ist es besonders schön, eben weil meine ganze Familie mit dabei ist und ich nicht nur alleine in Sitzungen sitze – das genieße ich dann sehr.“

An diesem langen Pfingst-Wochenende hätten sich vermutlich wieder rund 70 Leute auf dem „Gut Kreisau“ getroffen, in dem schlesischen Dorf Krzy?owa, das heute zu Polen gehört.

Seit sechs Jahren gibt es diese Pfingsttreffen auf dem alten Gutshof ca. 60 Kilometer südwestlich von Breslau, dem heutigen Wroc?aw, der heute eine Bildungs- und Begegnungsstätte ist – doch in diesem Jahr muss das Pfingsttreffen ausfallen. Corona verhindert das Zusammenkommen von mehrheitlich Deutschen und Polen.

Warum Kreisau?

Dass das 200-Seelen-Dorf Kreisau, oder „Krzy?owa“, hierzulande überhaupt ein Begriff ist, hat vor allem mit den Menschen zu tun, die sich in den Jahren 1942 und 1943 über die Pfingstfeiertage hier trafen, um über die Zukunft und Neuordnung Deutschlands zu diskutieren für die Zeit nach Hitler und den Schrecken der Nazis. Es waren 25 Frauen und Männer – heute bekannt als der Kreisauer Kreis.

„Kreisau und Pfingsten sind sicherlich durch die zwei von drei wichtigen Treffen des Kreisauer Kreises, die an Pfingsten hier stattgefunden haben, verbunden und ohne diese Treffen des Kreisauer Kreises, wenn die nicht 1942 und 1943 hier zusammengekommen wären, ist es für mich eigentlich nicht vorstellbar, dass aus Kreisau so ein Ort der Bildung und Begegnung geworden wäre, wie er heute zu finden ist.

Also ein Ort mit 10-15000 Besuchern im Jahr und etwa 200 Veranstaltungen jährlich und das alles in einem kleinen Dorf von nicht einmal 300 Einwohnern – das ist eigentlich nur nachvollziehbar oder überhaupt vorstellbar durch diese Gruppe, die sich hier getroffen hat.“ 

Sagt Dominik Kretschmann. Der studierte Jurist ist Leiter der Gedenkstätte der Stiftung Kreisau und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf dem historischen Gelände in Polen. Seit 15 Jahren arbeitet er an diesem historischen Ort und hat sich viel mit den Akteuren des Kreisauer Kreises beschäftigt. Eine Person ist dabei besonders zentral: Helmuth James Graf von Moltke.

Sein Urgroßonkel – Generalfeldmarschall von Moltke erwarb 1867 das Anwesen in Schlesien und machte es zum Stammsitz der Familie von Moltke. Hier wurde Helmuth James 1907 geboren, hier wuchs er auf – er, der heute zu den bekanntesten Akteuren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zählt.

„Helmuth James von Moltke war ein Mensch, der in einem Herrenhaus, im Schloss geboren wurde, der aber dann, als er Abitur macht, schon jobbt, um sich Geld zu verdienen. Er ist jemand, der sehr stark geprägt ist durch seine Mutter, die in Südafrika geboren wurde, deren Eltern aus Schottland stammten. Diese Familie auf Seiten der Mutter, das war eine liberale Familie; das war eine Familie, die sich für Frauenwahlrechte einsetzte, die sich in Südafrika dafür einsetzte, dass jeder Mensch – unabhängig von Hautfarbe und Rassenzugehörigkeit – wählen durfte.

Das hat sicher auch großen Einfluss gehabt auf Helmuth James von Moltke. Er war ein politisch interessierter Mensch, der schon in den späten 20er Jahren – also noch als Student – eine Initiative gestartet hat, eine soziale Initiative, für ein Kohlerevier hier in der Nähe, in Waldenburg, was ein sozialer Brennpunkt war und wo er meinte, da müsse man Aufmerksamkeit generieren und dafür sorgen, dass sich da etwas tut, dass es gesellschaftlich und politisch wahrgenommen wird.“

Zwei Juristen gründen die Widerstandsgruppe

Bei dieser sozialen Initiative knüpft Helmuth James von Moltke bereits erste Kontakte zu späteren Mitgliedern und Mitdenkern des Kreisauer Kreises. Wie schon sein Großvater, schlägt auch Helmuth James den Weg der Juristerei ein, heiratet 1931 Freya Deichmann, die Tochter eines Bankiers aus Köln, und lebt mit ihr zunächst auf dem Gutshof.

Nach seiner Ausbildung arbeitet er als Anwalt in Berlin, später – mit Beginn des Krieges – wird er dienstverpflichtet beim Oberkommando der Wehrmacht in der Abteilung Abwehr. Nicht erst mit Beginn des Krieges, entwickelt Helmuth James von Moltke eine klare Haltung zu Hitler und den Nationalsozialisten.

„Helmuth James von Moltke war ein sehr weitsichtiger Mensch, war jemand, der mit seinem politischen Interesse sehr früh auch den Nationalsozialismus wahrgenommen hat; Hitler als Bedrohung wahrgenommen hat. Seine Frau hat später einmal erzählt, sie habe „Mein Kampf“ nicht gelesen, ihr Mann aber sehr wohl und er ist zu dem Schluss gekommen, dass jemand wie Hitler auf keinen Fall an die Macht kommen darf und hat Hitler als Reichskanzler direkt 1933 als Katastrophe angesehen.“

In Berlin trifft Helmuth James von Moltke auf Peter Graf Yorck von Wartenburg, einen konservativen Juristen. Politisch kommen sie aus eher entgegengesetzten Lagern, was sie aber verbindet ist die Ablehnung des Nationalsozialismus. Rechtstaatlichkeit ist ihnen als Juristen besonders wichtig, die Willkür der Nazis hingegen ist für beide unerträglich. Sie werden die Gründer der Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises.

Wie sollte es nach den Nazis weitergehen?

Schon 1942 waren Moltke und Yorck von Wartenburg der Ansicht, dass man sich Gedanken machen müsse, wie man in einer Zeit nach dem Nationalsozialismus, Demokratie und Rechtstaatlichkeit für ein neues Deutschland organisieren könne. Und zwar so, dass diese Staatsform von der Bevölkerung akzeptiert werden würde. Das war ihr Kernanliegen und ihre Form des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus: Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.

„Der nächste Schritt war dann, dass sie zum Schluss kamen, dass es nicht funktionieren kann, wenn nur der Graf Yorck von Wartenburg und der Graf von Moltke, zusammen vielleicht mit einigen engen Vertrauten, was erarbeiten, weil ein solcher neuer Ansatz bestimmt nicht breit akzeptiert werden könnte. Wenn einige Adlige – da waren dann auch noch sehr viele Protestanten darunter – wenn die so etwas entwerfen, dann werden Sozialdemokraten große Schwierigkeiten haben, direkt zu sagen: „Ja, das ist ein spannender Entwurf!“

Auch das Konfessionelle spielte da eine Rolle. Also es gab in den Freundeskreisen, sowohl von Moltke, als auch von Yorck von Wartenburg vor allem Protestanten und das heißt, dass dann das weit weg ist von der katholischen Welt. Und so haben sie geguckt, dass sie systematisch sich breiter aufstellen, dass sie zur Mitarbeit Menschen gewinnen, die Sozialisten sind, die in der SPD aktiv sind, dass sie Katholiken finden und das ist auch gelungen.“ 

Die Protestanten Moltke und Yorck von Wartenburg kamen in Kontakt mit dem katholischen Jesuitenorden. Darüber kam Pater Augustin Rösch, der als erbitterter Gegner des Nationalsozialismus galt, in den Kreisauer Kreis. Ebenso Jesuitenpater Alfred Delp. Er wurde als Experte der Katholischen Soziallehre gebraucht – quasi als Gegengewicht zu den Sozialdemokraten und Sozialisten in der Runde.

Das christliche Menschenbild prägt die Gruppe

Dass es bei drei großen Treffen 1942 und ’43 auf dem Gut Kreisau blieb, hängt nicht damit zusammen, dass alles bereits besprochen war, sondern, dass es zunehmend schwieriger wurde, sich in dieser Gruppengröße zu treffen.

Auch wenn viele Details noch offen waren, ließen sich die großen Linien der vom Kreisauer Kreis entworfenen Nachkriegsordnung erkennen: Ein starker Bezug aufs Recht, besonders die Grundrechte, kein Parteiensystem aufgrund der Erfahrungen in der Weimarer Republik, Förderung von persönlichem Engagement und ein gezügelter Kapitalismus, der auch die Verantwortung anerkennt, die damit einhergeht. Und sie hatten – trotz aller Wirren des Krieges – bereits eine Idee für Europa, sagt Dominik Kretschmann, Leiter der Gedenkstätte der Stiftung Kreisau.

„Was Europa angeht – und das ist natürlich auch etwas, was den Kreisauer Kreis auszeichnet, dass sie sich Gedanken gemacht haben, während der Krieg in Europa tobte, wie denn ein friedliches Miteinander in Europa möglich wäre – so sind sie zu dem Schluss gekommen, dass die Dichte von Ethnien und Staaten in Europa immer zu Konflikten führen wird und sahen es als nötig an, etwas zu initiieren oder vorzuschlagen, was eine freiwillige institutionelle Zusammenarbeit ermöglichen würde, sodass dann über die Zeit ein System entstehen könnte – eine europäische Zusammenarbeit – das so eng miteinander verflochten ist, dass Krieg überhaupt keine Option mehr ist.“

Die Vielfalt in der Zusammensetzung des Kreisauer Kreises war ihre größte Stärke und Schwäche zugleich. Denn natürlich brauchte es seine Zeit bis Kompromisse gefunden werden konnten, die für alle repräsentierten gesellschaftlichen Gruppen akzeptierbar waren.

Auf der anderen Seite ist die Diversität der Gruppe bis heute ihr Alleinstellungsmerkmal. Gerade im Vergleich zu anderen Widerstandsgruppen, die sich als rein kommunistisch oder religiös motiviert verstanden. Obwohl der Kreisauer Kreis also keine religiöse Widerstandsgruppe war, so war sie dennoch von einem christlichen Menschenbild geprägt – genau wie die meisten ihrer Mitglieder.

„Eine religiöse Prägung kann man für die Mehrheit der Mitglieder schon feststellen. Wobei es auch da große Unterschiede gibt. Also, Helmuth James von Moltke ist sicher als tief frommer Mann gestorben, als er aber die ganze Sache beginnt 1940, da war er jedenfalls noch kein tief frommer Mensch – nach seiner eigenen Schilderung nicht. Da gibt es Menschen wie die Jesuiten, die aus ihrem Glauben heraus die Motivation ziehen, sich dem Nationalsozialismus entgegen zu stellen und es gibt andere, für die das keine Rolle spielt.

Wobei auch Menschen wie Theo Haubach und Carlo Mierendorff – also die waren nicht kirchenfern. Das heißt, da gibt es eine Bandbreite. Aber schon die Mehrzahl hat einen Bezug zum Christentum, identifiziert sich auch mit einer der zwei christlichen Konfessionen.“

„Ich stehe hier als Christ“

Als Helmuth James von Moltke, der Kopf des Kreisauer Kreises, im Januar 1944 von der Gestapo verhaftet wird, stellt es eine Zäsur für die Gruppe dar. Die Arbeit geht zwar noch weiter, aber sein Geist fehlt spürbar. Neben Helmuth James von Moltke wird auch weiteren Mitgliedern des Kreisauer Kreises der Prozess gemacht. Vor Roland Freisler – dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofes – muss Moltke Rede und Antwort stehen.

Dass er eine spirituelle Entwicklung durchgemacht hat, wird an einem Satz sehr deutlich, den er Freisler im Prozess mutig und beherzt entgegenhält.

„Ich stehe hier nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher, sondern als Christ und als gar nichts anderes“.

Freisler spricht das Todesurteil über Helmuth James von Moltke und weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe, unter anderem auch über den Jesuitenpater Alfred Delp.

Kreisau bleibt Ort des Dialogs

Was bleibt vom Kreisauer Kreis? Es bleiben ihre politischen Ideen, auch wenn am Ende nur wenige ihren Weg ins politische System des Nachkriegsdeutschlands gefunden haben. Ebenso bleibt ihr politisches und persönliches Zeugnis als Kämpfer und Denker des Widerstandes in der NS-Zeit. Und noch etwas bleibt.

„Eine Sache, die geblieben ist, ist Kreisau als Ort des Dialogs, wenn auch völlig anders, als die Kreisauer sich das bestimmt vorgestellt haben. Ich denke niemand von denen hat damals daran gedacht, dass vielleicht jetzt gerade dieses Dorf hier in Kreisau ein Ort werden könnte, wo ganz unterschiedliche Menschen sich begegnen. Das ist dann, was geblieben ist, aber auf Umwegen und völlig anders, als die damaligen Mitglieder sich das vielleicht vorstellen konnten.“

November 2019. Milena, Katharina und Amelie kommen gerade zurück von einer internationalen Jugendbegegnung in Kreisau.

„Wir haben verschiedene Workshops zu Nachhaltigkeit gemacht und dann immer alles diskutiert auch mit den verschiedenen Leuten. Es war schön zu sehen, verschiedene Meinungen kennenzulernen. Das war das Beste daran.“

„Es waren ja vier verschiedene Nationalitäten dort und wir hatten auch einen „Cultural Evening“ und das war total interessant da mal Bräuche kennenzulernen und sich eben auch auszutauschen über z.B. die Schulsysteme oder generell so Hobbys, die sich vielleicht auch unterscheiden.“

„Ich meine, es kann halt keiner von uns jetzt perfekt Englisch und deswegen war es auch nicht schlimm, wenn jetzt einer mal Fehler gemacht hat oder so und dann hat man halt einfach nur geredet und hat sich halt verständigt und wenn es halt gar nicht ging, dann halt irgendwie mit Händen und Füßen.“

„Am Anfang war es natürlich noch so ein bisschen zurückhaltender, dass man sich jetzt nicht direkt getraut hat hinzugehen und dann doch mal jemanden anzusprechen, aber am Ende gab’s dann vielleicht auch die ein oder andere Träne beim Abschied.“

Der Kreisauer Kreis heute

Jedes Jahr finden etwa 200 Veranstaltungen und Jugendbegegnungen auf dem alten Gutshof in Kreisau statt. An diesem Projekt haben 24 Jugendliche aus Deutschland, Polen, der Republik Moldau und der Ukraine teilgenommen und sich eine Woche lang Gedanken zum Thema Nachhaltigkeit gemacht. „Local in Global – Welcome to Krapowa!“ – war die Überschrift dieser Woche. Krapowa ist eine fiktive Stadt, die spielerisch gemeinsam mit den Jugendlichen solidarisch und nachhaltig gestaltet werden soll.

Organisiert wurde die Begegnung von der Kreisau-Initiative – einem Verein aus Berlin, der Bildungsarbeit macht und sich in seiner Vision der Idee und dem Geist von Kreisau verpflichtet fühlt: Menschen unterschiedlicher Herkunft und Prägung in einen Dialog bringen, verbunden mit einer aktiven Erinnerungskultur, gegenseitiger Wertschätzung und dem Wunsch, die Zukunft konstruktiv zu gestalten.

Ausgehend von den Ideen und Idealen der Kreisauer, engagiert sich der Verein in drei Themenbereichen: Inklusion, Zeitgeschichte und Menschenrechte, sowie Sozial-Ökologische Transformation.

Auch wenn sich der Kreisauer Kreis damals nicht dezidiert mit Umweltfragen beschäftigt hat, gibt es dennoch eine Verbindung, sagt Dominik Kretschmann, Leiter der Gedenkstätte der Stiftung Kreisau.

„Der Ausgangspunkt der Kreisauer war eine akute Katastrophe, die auch als solche wahrgenommen wurde und davon ausgehend die Frage: „Ok, wir gehen davon aus, dass das vorüber geht, dass es ein Danach geben wird, dafür hat man eine Verantwortung das zu gestalten, was sind da wichtige Themen?“ Und das lässt sich jetzt auch für Kreisau heute sagen.

Wenn wir sagen, wir sehen uns in einer Verantwortung für die Gestaltung eines gemeinsamen Europas, was sind da Themen? Womit muss man sich beschäftigen? Und da passt dann ganz viel rein. Sei es die Frage von Nachhaltigkeit, wenn man jetzt sagt, ok es reicht jetzt nicht mehr nur Müll zu trennen, sondern wir brauchen eine sozial-ökologische Transformation – dann ist das ja etwas, wo man sagen kann, wir haben ein Problem und wir stellen uns vor, dass wir eigentlich eine radikale Veränderung brauchen, hin zu etwas, was es so noch nicht gibt und was wir deswegen auch noch nicht ganz detailliert beschreiben können. Und da sehe ich z.B. eine recht starke Parallele.“

Was kann ich persönlich tun? 

Für die Mitglieder des Kreisauer Kreises waren Selbstbestimmung und die Eigenverantwortung des Einzelnen wichtige Grundpfeiler ihres Denkens. Daher ist dies auch ein Aspekt, mit dem sich Oskar und Lea bei ihrer Jugendbegegnung zum Thema Nachhaltigkeit beschäftigt haben. Stichwort: Was kann ich persönlich tun?

„Dieser Spirit, dass man sich mal selber an die eigene Nase fassen muss und sein Leben verändern muss, auch wenn andere vielleicht noch viel schlechter leben, das hat man natürlich schon mitgekriegt und man hat sich dann auch zwischendurch sehr schlecht gefühlt, wenn wir da so verschiedene Zahlen gehört haben, wie schlecht es wirklich aussieht mit unserer Welt.“

„Wir haben uns z.B. überlegt, dass wir hier in Potsdam so eine „Swap-Party“ organisieren wollen. Das ist eine Party, in dem Sinne, wo man alte Sachen, die man nicht mehr anzieht, tauschen kann. Dass man sich sozusagen nichts Neues kaufen muss, sondern einfach mit anderen, die die Kleidung, die einem selber nicht mehr gefällt, vielleicht schön finden – dass sie die dann haben können und alle davon profitieren.“

Für die 6 Jugendlichen vom Humboldt-Gymnasium in Potsdam war die Woche in Kreisau eine schöne und lehrreiche Erfahrung. Sie würden es sofort wieder machen – wie sie sagen – besonders aufgrund der erlebten Vielfalt und der grenzüberschreitenden Verständigung. Für Dominik Kretschmann sind diese Rückmeldungen ein Indiz dafür, dass das „neue Kreisau“ funktioniert – aus dem Geist des Kreisauer Kreises die Zukunft zu gestalten.

„Überhaupt dieser Ansatz, dass sich Menschen zusammenfinden, die nicht so wie den gleichen Hintergrund haben, sondern die eben aus verschiedenen sozialen Schichten kommen, die aus verschiedenen Ländern kommen und die sagen, ich weiß, dass ich nur so eine Weltsicht habe und jetzt schaue ich mal, wem ich hier noch begegnen kann. Und da gibt es dann auf einmal ganz viele Möglichkeiten, wo sich so eine Bereitschaft zum Dialog zeigen kann.“

Was Pfingsten und Kreisau gemeinsam haben

Pfingsten und Kreisau. Das christliche Fest und der Ort des Widerstandes verbindet vieles. Der Geist von Kreisau und der Geist von Pfingsten haben Ähnlichkeiten. Es ist die Erfahrung, dass Verständigung möglich wird.

In der Biblischen Geschichte kommt der Heilige Geist in Form von Feuerzungen vom Himmel und befähigt die Menschen in fremden Sprachen zu sprechen und sich gegenseitig trotzdem zu verstehen. Nach dieser Pfingsterfahrung brachen die Jünger auf, um Christus zu verkündigen. Es war der Beginn der Kirche als weltumspannende Gemeinschaft.

So gesehen, ist jede Jugendbegegnung in Kreisau ein kleines Pfingsten. Kinder und Jugendliche, die sich anfänglich fremd sind – kulturell, sprachlich, räumlich – fangen an sich zu verstehen, auszutauschen; lernen von und miteinander, erkennen Unterschiede an, suchen nach Kompromissen und wollen die Zukunft gemeinsam konstruktiv gestalten.

Es sind viele kleine Aufbrüche in und für Europa, die Jahr für Jahr in Kreisau stattfinden – und das nicht nur zu Pfingsten.

Die redaktionelle Verantwortung hat Martin Korden

Musik:

Lara trifft Tom – Niki Reiser

Seconds lost – John Ottman

I’m sorry – John Ottman

Eltern Gespräch – Niki Reiser

Grounded – Espen Eriksen Trio


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Dieser Beitrag wurde am 01.06.2020 gesendet.


Über den Autor Johannes Rogge

Johannes Rogge wurde 1991 in Mainz geboren. Er studierte in Leipzig Kommunikationswissenschaften und ist seit 2018 als Redakteur beim Erzbistum Berlin tätig. Kontakt: Johannes.Rogge@erzbistumberlin.de

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