Morgenandacht, 05.06.2020

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Augen fangen dich auf

„Oh, schicke Frisur!“

Es tut einer Frau gut, wenn ihr Mann ihr dieses Kompliment macht – wenn er es zumindest zur Kenntnis nimmt, dass sich da etwas verändert hat.

Aber gesehen zu werden, ist wohl ein allgemein menschliches Bedürfnis, denn auch Männer wollen gesehen werden, wenn sie zum Beispiel freiwillig den Rasen gemäht haben. Egal welches Alter, wir Menschen brauchen Ansehen. Das kleine Kind will, dass die Mutter den Turm aus Bauklötzen bewundert, ein älterer Mensch freut sich, wenn er von den Enkelkindern besucht wird.

Wie schlimm ist es, wenn sich jemand übersehen fühlt oder wenn mich jemand bei einer Begegnung auf der Straße „keines Blickes würdigt“. Gesehen zu werden hat tatsächlich mit Würde zu tun, mit Ansehen – ein schöner Zusammenhang in der deutschen Sprache!

Den Zusammenhang von Ansehen und Existenz bringt die Lyrikerin Hilde Domin (1909-2006) unglaublich schön auf den Punkt in diesem Gedicht:

Dein Ort ist, wo Augen dich ansehen.

Wo sich Augen treffen, entstehst du.

Von einem Ruf gehalten, immer die gleiche Stimme, es scheint nur eine zu geben, mit der alle rufen.

Du fielest, aber du fällst nicht. Augen fangen dich auf.

Es gibt dich, weil Augen dich wollen, dich ansehen und sagen, dass es dich gibt.

Was für ein schönes Wort: Augen fangen dich auf! Ich denke an die biblische Zusage, dass Gott die Menschen im Blick hat. So, wie in dem bekannten Aaronssegen im Buch Numeri:

„Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“

(Num 6,24-4)

Wenn Gott Menschen anschaut, dann ist ihnen geholfen. Er sieht ihr Leid, er schenkt ihnen Würde! Wenn es um das Sehen und das Gesehen-Werden geht, fallen mir allerdings auch immer Menschen ein, die nur eingeschränkt oder gar nicht sehen können.

Ich denke an einen älteren Herrn in meinem Bekanntenkreis, der in seinem Leben schon viel Schweres erlebt hat. Jetzt lässt seine Sehkraft stark nach, so dass er seiner geliebten Aquarell-Malerei nicht mehr nachgehen kann. Es ist wirklich ein schweres Schicksal, die Sehfähigkeit zu verlieren. Umso wichtiger ist es, dass er gesehen wird von den Menschen, die ihm viel bedeuten: dass Freunde und Nachbarn auf ihn schauen und ihn mittragen in dieser Zeit.

„Dein Ort ist, wo Augen dich sehen. Du fielest, aber du fällst nicht. Augen fangen dich auf!“

Ich denke auch an einen noch jüngeren Freund von mir, der eine genetische Augenerkrankung hat und nur noch sehr eingeschränkt sehen kann. Die Ausgangssperre in der harten Phase der Pandemie war für ihn besonders schwer zu ertragen, weil er sehr viel von den Kontakten zu anderen Menschen, vor allem zu seinen Musikschülern lebt. Ich staune immer wieder, was mein Freund anderen – und auch mir persönlich – zu sehen und zu verstehen lehrt! Und auch für ihn gilt:

„Dein Ort ist, wo Augen dich sehen. Du fielest, aber du fällst nicht. Augen fangen dich auf!“

Morgen ist der Tag der Menschen mit Sehbehinderung. Vielleicht ein Anlass, an die vielen Menschen zu denken, die eine solche Behinderung haben. Und sich vorzunehmen, wieder genauer hinzusehen, wo Menschen meinen freundlichen Blick besonders brauchen – dass ich ihnen Ansehen gebe!


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Dieser Beitrag wurde am 05.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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