Morgenandacht, 03.06.2020

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Tag des Fahrrads

„Schnell, komm schaun, heute fährt Toby zum ersten Mal Rad! Also so richtig. Ohne Stützen. Und zwar ziemlich rasant, so dass der Papa kaum noch mitkommt ...“

Tobias ist der kleine Sohn einer Familie, bei der ich zu Besuch bin, und ich spüre den Stolz aller, samt der Großeltern, weil das ein großer Tag ist! Und ich denke zurück an meine Kindheit.

Lange habe ich mich nicht aufs Rad getraut, denn ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie das gehen soll, dass man da nicht umfällt. Und die es mir beigebracht haben, redeten immer von Schwung, einfach mutig drauf los! Aber das dauerte – bis das in Bayern sprichwörtliche „Zehnerl“ auch bei mir gefallen ist.

Es ist immer etwas Besonderes, wenn ein Kind zum ersten Mal Rad fährt. Warum eigentlich? Natürlich wird damit eine wichtige Entwicklungsstufe markiert. Aber vielleicht ist es noch mehr.

Es geht um das Verhältnis von richtigem Tempo und Gleichgewicht, es geht um Balance – und Balance ist im Leben etwas sehr Entscheidendes! Balance ist notwendig, um das rechte Maß zu finden, die richtige Mischung von Unterhaltung und Stille, von sozialen Kontakten und Alleinsein, das rechte Maß von körperlicher und geistiger Arbeit, von Sitzen und Sport, von Spaß und Ernst – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Nicht nur im Zirkus am Trapez ist es eine Kunst, in Balance zu bleiben!

Madeleine Delbrêl (1904-1964) war eine bekannte französische Schriftstellerin, Sozialarbeiterin und katholische Mystikerin. Ihr Lebensziel wurde es, den Glauben in der konkreten Welt umzusetzen, und das war für sie die Arbeiterwelt. Von ihr gibt es ein sehr schönes Gebet mit dem Titel „Fahrradspiritualität“[1]. Darin wendet sie sich so an Gott:

„Immer weiter!“ sagst du zu uns in allen Kurven des Evangeliums.

Um die Richtung auf dich zu behalten, müssen wir immer weitergehen,

selbst wenn unsere Trägheit verweilen möchte.

Du hast dir für uns ein seltsames Gleichgewicht ausgedacht,

ein Gleichgewicht, in das man nicht hineinkommt und das man nicht halten kann,

es sei denn in der Bewegung, im schwungvollen Voran (…)

Die Zeit, in der wir leben, ist gezeichnet von einem allgemeinen,

schwindelerregenden Ungleichgewicht.

Sobald wir uns hinsetzen, dies zu betrachten, kippt es und entgleitet uns.

Wir können uns nur aufrecht halten, wenn wir weitergehen,

wenn wir uns hineingeben in den Schwung der Liebe. (…)

Mir gefällt dieses Gebet von Madeleine Delbrêl sehr gut. Und es passt zum heutigen 3. Juni – denn heute ist Weltfahrradtag. Dieser Tag weist natürlich in erster Linie darauf hin, dass das Fahrrad das umweltfreundlichste, gesündeste und sozial verträglichste Fortbewegungsmittel darstellt. Das hat ja auch etwas mit Gleichgewicht, nämlich mit dem Gleichgewicht unserer Umwelt zu tun, die durch das Fahrradfahren geschont wird.

Aber auch in anderen Bereichen ist momentan das Gleichgewicht von sehr großer Bedeutung: das Gleichgewicht von Vorsicht und Normalität in der Pandemie, das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Grundlagen, das Gleichgewicht im Miteinander der Völker. Das Gebet von Madleine Delbrêl fährt noch fort, da heißt es:

Uns willst du keine Landkarte geben. Unser Weg führt durch die Nacht.“ 

Ich denke, genau das erleben wir momentan so schmerzhaft, das Fehlen der Landkarte, der Gebrauchsanweisung für Pandemien. Aber vielleicht ist der spirituelle Rat auch hier gut, sich in den „Schwung der Liebe“ hineinzubegeben.


[1] Madeleine Delbrêl, Gott einen Ort sichern. Texte – Gedichte – Gebete. Ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von Annette Schleinzer, Ostfildern (Schwabenverlag) 2002, S. 156f


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Dieser Beitrag wurde am 03.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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