Morgenandacht, 02.06.2020

von Pfarrer Dr. Christoph Seidl, Regensburg

Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit

Viele Ängste und Zweifel gehen die letzten Wochen und Monate quer durch alle Ecken der Bevölkerung. Und je länger wir mit der Virus-Krise zu tun haben, desto seltsamere Blüten treiben die Verhaltensweisen vieler Zeitgenossen. Mich beeindrucken Menschen, die in Ruhe und Gelassenheit ihren Alltag zu gestalten versuchen.

In meiner Zuständigkeit für die Krankenhaus-SeelsorgerInnen unseres Bistums telefonierte ich in der harten Phase im März viele KollegInnen und Kollegen ab, was sie denn jetzt an Unterstützung bräuchten. Die Aussage eines Seelsorgers ist mir besonders in Erinnerung geblieben, der sagte:

„Vor allem brauche ich jetzt meine Ruhe. Verschone uns mit Papieren und Handlungsanweisungen, denn was jetzt zu tun ist, erkennen wir in unserem Haus sehr gut selber. Wenn du hin und wieder fragst, wie es uns geht, ist es schön. Ansonsten tun wir, was wir immer tun – nämlich für die Kranken da zu sein, wenn sie uns brauchen.“

Diese Besonnenheit hat mir gutgetan.

Von einer Krankenpflegerin habe ich Ähnliches gehört. Sie ist gesundheitlich vorbelastet und muss mit einer verminderten Herzleistung zurechtkommen. Als sie berichtet, dass sie nach wie vor, auch in der harten Coronaphase, ihren Dienst im Krankenhaus ausübt, wundere ich mich sehr. Aber sie sagt:

„Wieso sollte ich jetzt nicht arbeiten? Wir haben in der Ausbildung gelernt: Begegne jedem Patienten so, als ob er infektiös sein könnte! Das mache ich immer – und das mache ich auch jetzt, denn jetzt werde ich gebraucht, so wie ich immer gebraucht werde!“

Mich bewegt das sehr. Dieses Virus ist natürlich gefährlich und Beschränkungen im Alltag sind ohne Zweifel lebensnotwendig. Und dennoch bin ich dankbar und froh, wenn ich in dieser Zeit Spuren von nüchterner Betrachtungsweise entdecke.

Mich begleitet in dieser Zeit ein sehr schöner Vers aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus. Da schreibt er:

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

(2 Tim 1,6f)

Ein Freund von mir, der auch Pfarrer ist, hat mir diesen Spruch in den letzten Wochen geschickt, weil es sein Primizspruch ist, also das selbstgewählte Motto für seinen priesterlichen Dienst. Und der Satz passt gut zum Pfingstfest, zum Fest des Heiligen Geistes, das wir eben gefeiert haben:

„Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“

Wes Geistes Kind bin ich denn? Lasse ich mich durch die pausenlosen Corona-Nachrichten ins Bockshorn jagen oder versuche ich, in außergewöhnlichen Situationen ruhig durchzuatmen und mit größtmöglicher Ausgeglichenheit die notwendigen Schritte zu gehen?

Es ist ein Grundsatz der Notfallseelsorge, dass in Zeiten starker Verunsicherung zunächst einmal Ruhe und Struktur notwendig sind, um in dem heillosen Durcheinander wieder sinnvolle nächste Schritte zu erkennen. Auf diese Weise könnte sich der Geist der Kraft in mir entfalten, die gegenwärtige Herausforderung anzunehmen und das Beste daraus zu machen.

So könnte ich mich vom Geist der Liebe anstecken lassen, um nicht nur auf mich und meine Not, sondern auch auf die Bedürfnisse anderer zu achten.

Und schließlich könnte ich um den Geist der Besonnenheit bitten, in der Aufregung erst dreimal tief durchzuatmen, bevor ich im Überschwang der Gefühle das Kind mit dem Bad ausschütte und unüberlegte Entscheidungen treffe.

In diesem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit den Tag zu beginnen, ist nicht selbstverständlich, ich muss mich dafür entscheiden. Das will ich heute wieder tun!


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Dieser Beitrag wurde am 02.06.2020 gesendet.


Über den Autor Pfarrer Christoph Seidl

Pfarrer Christoph Seidl wurde 1967 geboren. Er stammt aus Regensburg und ist seit 1992 Priester im Bistum Regensburg. Nach der Kaplanszeit in Straubing arbeitete er in der Priesterausbildung mit und war Studentenpfarrer in Regensburg. Pfarrer Seidl ist als Seelsorger für Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen im Bistum Regensburg tätig und als Gemeindeseelsorger in Regensburg - Harting. Kontakt
seidl@seelsorge-pflege.de

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