Am Sonntagmorgen, 31.05.2020

von Pfarrer Christian Olding, Geldern

Pfingsten: Wenn Gottes Geist unserem Kleingeist auf die Sprünge hilft

Angst ist ein natürliches Gefühl. Auch die Jünger Jesu' hatten Angst, die sie blockierte und sich verstecken ließ. Das änderte sich erst an Pfingsten. So wie der Heilige Geist den Jüngern vor mehr als 2.000 Jahren Mut gegeben hat, wirkt er auch heute noch.

© Mateus Campos Felipe / Pexels

„Als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, trat der auferstandene Jesus in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!“

Sie sitzen wie ein Häufchen Elend hinter verschlossenen Türen. Sie hatten einmal für ihren Herrn Jesus Christus gebrannt. Aber jetzt ist da nichts mehr von dem, was sie einst antrieb. Dabei hatten sie die Osterbotschaft von der Auferstehung ihres Meisters schon gehört. Dennoch ist ihre Gedankenwelt von Angst und Kleingeistigkeit besetzt und hindert sie daran hinauszugehen, sich dem Leben zu stellen.

Das Evangelium des heutigen Pfingstfestes macht deutlich, was die entscheidende Wendung brachte: Erst der Heilige Geist befreit sie aus ihrem inneren Gefängnis und bricht den Bann der Angst.

Angst ist kein guter Berater

Die Angst ist ein Gift, das auch heute Vieles blockiert und verunmöglicht. Wenn mich nicht gerade ein gefährliches Tier verfolgt oder ich mir einen axtschwingenden Psychopathen zum Kaffee eingeladen habe, oder sonst unmittelbar bedroht bin, dann ist die Angst nichts anderes als schlechtes Management meines Geistes.

Angst wurde uns als Antrieb gegeben, damit wir körperlichen Schaden vermeiden und uns befreien von einer unmittelbaren Bedrohung. Nicht mehr als ein kurzfristiger Effekt sollte sie sein und doch hat sie sich vielfach zu einem langfristigen Werkzeug im Leben etabliert, um das sensible Ego zu schützen. Deswegen spricht wohl keiner so gern über seine Ängste, weil ans Licht kommen würde, dass ich viel häufiger vor mir selbst fliehe als vor einer realen Gefahr.

Die Auswirkungen sind auf Dauer nicht zu unterschätzen. Ich verliere meine emotionale Mitte und geistige Klarheit. Ich werde zaghaft und gestresst. Alles Denken und Handeln fokussiert sich zunehmend auf meinen Selbstschutz. Alle Ambitionen und Motivationen, die mutig und unverzagt in die Welt hinausmarschieren wollen, sie verkümmern demgegenüber.

Es sind vor allem zwischenmenschliche Konstellationen, die unsere Angst beflügeln und unsere Lebensenergie beschneiden. Aus einer angstbesetzten Vergangenheit, in der uns Kritische Eltern, tyrannische Gleichaltrige, penible Lehrer oder Vorgesetzte immer wieder gegängelt haben, ist eine angstgesteuerte Gegenwart geworden.

Zweifel und Trägheit schüren die Angst

Angst hat zwei wirkungsvolle Kooperationspartner an der Seite: Zweifel und Trägheit.

Der Zweifel appelliert an die Vernunft, um uns zu schützen. Seine Argumente klingen allzu oft gleich: „Pass auf, du weißt nicht, was passieren kann. Bist du dir sicher, dass du das wirklich tun willst? Das bist nicht du. Das liegt dir nicht.“ So wachsen die Sorgen. 

Unsere Gedanken bleiben bei dem stehen, was möglicherweise schieflaufen könnte. Welch großartigen Dinge mit etwas Wagemut und Leidenschaft in unser Leben treten könnten, gerät vollkommen aus dem Blick. Die zersetzende Kraft des Zweifels besteht darin, uns derartig zu beunruhigen, dass wir den Wert unserer Fähigkeiten, unseres Weges und unserer Handlungen in Frage stellen. 

Die Trägheit wehrt sich grundsätzlich gegen alles, was Mühe und Anstrengung kostet. Hat sie die Oberhand gewonnen, vertrauen wir fest auf ihre Einflüsterungen, die uns weißmachen: „Ach, die Umstände sind noch nicht wirklich geeignet, ich fange später an. Du kannst doch die Dinge nicht so überstürzt angehen.“

Das Elend des angstbesetzten Menschen und der Triumph der Trägheit über unsere Seele ist, zu wissen, dass ich geschwiegen habe, wenn ich hätten sprechen sollen, dass ich nicht gekämpft habe, als ich meine Überzeugungen hätte verteidigen sollen, nicht gelebt habe, als ich die Herausforderung scheute.

Wo der Zweifel, durch seine winselnden Sorgen Unsicherheit weckt, löst die Trägheit echten Schrecken aus, weil die innere Hemmschwelle wächst und es einen immer größer werdenden Kraftakt verlangt, ins Handeln zu kommen.

Umkehren, aber wie?

Außerdem ist die Angst ansteckend. Sehen wir sie auf dem Gesicht eines Menschen, versetzt uns das selbst in Angst. Dieser Spiegelimpuls hat mit Sicherheit seine Berechtigung und ist in Zeiten großer Gefahren ein echter Segen.

Doch da es mittlerweile immer weniger Raubtiere in unserer urbanen Umgebung gibt, die es auf unser Fleisch abgesehen haben, ist solch eine emotionale Übertragung durchaus gefährlich. Das wusste schon Mose, der Prophet im Alten Testament, der dem Volk sagte: 

„Jeder, der sich fürchtet und mutlos ist, soll umkehren. Sonst steckt er bloß die anderen mit seiner Angst an.“

(Deuteronomium 20,8)

Ich werde es nicht schaffen, meine schlechten Gedanken, allein mit meiner Willenskraft auszumerzen. Ich brauche einen Gedanken, um damit einen anderen Gedanken zu ersetzen. Der Apostel Paulus sagt:

„Seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes …“

(Römerbrief 12,2 ELB)

Das griechische Wort für „Erneuerung“ bedeutet so viel wie, eine Umstrukturierung, Renovierung, eine völlige Veränderung zum Besseren. Es geht um eine Generalüberholung unseres Inneren.

Jesus als Vorbild

Wer ist also mein Innenausstatter? Wenn ich mein Denken überholen und renovieren möchte, welchem Innenausstatter werde ich diese Aufgabe anvertrauen?

Der antike christliche Schriftsteller Tertullian hat eine klare Vorstellung, wem er diese Aufgabe überlässt.

„Der Herr Jesus Christus (...) möchte, dass die, die zu ihm gehören, mutig und furchtlos sind. Er selbst zeigt, wie die Schwäche des Fleisches vom Mut des Geistes überwunden wird. Dies ist das Zeugnis der Apostel und insbesondere des Vertreters, der den Geist verwaltet. Ein Christ ist furchtlos.“

Dieser Geist, der Christen furchtlos macht und unserer Schwachheit aufhilft, brauste am Pfingsttag durch das Wohnzimmer der versammelten Jüngerschar. Er ist die Kraft, die eine persönliche Weiterentwicklung in ihnen angestoßen hat, die sie hinaustrieb in die Welt und wagemutig werden ließ.

Plötzlich verkündigten sie Jesu Botschaft ungeachtet von Drohungen und Gefängnisstrafen. Sie verließen die heimatliche Komfortzone, stiegen auf Schiffe und wagten für ihre Mission alles aufs Spiel zu setzen. Nicht umsonst wird Pfingsten als Geburtstag der Kirche bezeichnet. 

Denn die Jünger hatten wenig profitiert von ihrem Herrn und Meister Jesus. Sie hörten ihn predigen und waren bei seinen Wundertaten anwesend, die nun wirklich beeindruckend waren: Kranke heilen, hunderte Liter Wasser in Wein verwandeln, Tote auferwecken. Aber das alles machte erstaunlich wenig mit ihnen.

Den Geist als treibende Kraft zulassen

Schon zu Lebzeiten musste Jesus immer wieder entnervt Nachhilfestunden geben, um durch beständige Wiederholungen und Erklärungen einen Lernerfolg in Sachen Gottvertrauen und Nachfolge sicherzustellen. Nahezu alle handverlesenen und persönlich berufenen Apostel flohen im Moment der Gefangennahme Jesu entgegen ihrer vollmundigen Bekundungen. Bis auf die Handvoll treuer Frauen und dem zartfühlenden Johannes hatte es keiner bis hinauf nach Golgatha und unters Kreuz geschafft.

Auch der Ostermorgen hatte die angstbesetzten Männer und Frauen nicht wirklich von der Sache Jesu überzeugen können. Die Jünger hatten bereits von der Auferstehung erfahren, waren ihrem Herrn begegnet und zogen sich doch wieder hinter verschlossene Türen zurück. Sie hatten zwar von Christus den Auftrag bekommen in der Welt weiterzumachen, seine Botschaft zu verkünden, die Menschen zu ihm zu führen. Aber in erster Linie hatten sie Angst und Zweifel.

Da Jesus um den Zustand seiner Mitstreiter wusste, gab er ihnen schon vorab einen deutlichen Wink:

„Ich sage euch die Wahrheit: Es ist besser für euch, wenn ich gehe. Sonst käme der Helfer nicht, der an meiner Stelle für euch da sein wird. Wenn ich nicht mehr bei euch bin, werde ich ihn zu euch senden.“ 

(Joh 16,7 HFA)

Erst mit Pfingsten, erst mit dem Empfang des Heiligen Geistes, wurden die Jünger wirklich von innen heraus verändert. Erst der Heilige Geist schaffte es offensichtlich, dass das Wissen vom Kopf ins Herz gelangte, dass der Glaube seine lebensverändernde Kraft entwickelte. Der Geist Gottes ist jene tragende und treibende Kraft, die einen weitermachen lässt, bisweilen auch gegen jede Vernunft. Er ist die Hoffnung, die mit Zuversicht und Vertrauen erfüllt.

Der Heilige Geist ist keine Verlegenheitslösung

Die Bibel bietet verschiedene Bilder für den Heiligen Geist: die Taube, die vom Himmel herabfliegt, das Brausen des Windes, die Feuerzungen. Allen gemeinsam ist eine Dynamik. Der Heilige Geist will nicht gewusst werden, er will wirken. Er will sich bemerkbar machen. Vor allem will er Beziehung leben und uns in vielfältiger Weise inspirieren. Er will uns im wahrsten Sinne dieses Wortes ein Leben einhauchen, das nur mit ihm zusammen zu gewinnen ist.

Der Heilige Geist ist keine Verlegenheitslösung, kein schlechter Ersatz für den „Eigentlichen“, der nun weg ist. Ganz im Gegenteil. Der Heilige Geist erlöste die Jünger aus der Abhängigkeit von ihrem Meister. Er macht Mut, mündig zu werden und für sich selbst zu sprechen. Die Jünger werden fortan an aus dem Schatten Jesu heraustreten und ihre eigenen Wege und Worte finden. Sie werden selbst zu Christussen, um seine Vision in die Welt hinauszutragen. 

Der Geist um den es hier geht, ist derselbe Geist, der Jesus von den Toten auferweckt hat. Diese Kraft wird den Jüngern einverleibt und anvertraut. Das muss Auswirkungen auf ihre Existenz haben. So schreibt Paulus: 

„Denn der Geist Gottes, den ihr empfangen habt, führt euch nicht in eine neue Sklaverei, in der ihr wieder Angst haben müsstet. Er hat euch vielmehr zu Gottes Söhnen und Töchtern gemacht.“

(Römerbrief 8,15-17 HFA).

Dieser Geist ist, was er schon nach den alten, dunklen Worten der Propheten war: der Träumer nämlich. So heißt es im Alttestamentlichen Buch Joel:

„Ich werde meinen Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werden Träume haben und eure jungen Männer haben Visionen.“

(Joel 3,1)

Der Heilige Geist nimmt uns mit in seinen Traum von der Zukunft dieser Welt, so dass er uns selber Visionen schenkt und Träume in uns aufsteigen lässt von einer besseren Welt - mehr, als wir je zu träumen gewagt hätten. Visionen von einer Welt, die gut ist, weil Gerechtigkeit sich durchsetzt und weil Wunden geheilt werden, weil Leidende erhört werden und Verständnis finden. Und diesen Traum, den will der Geist, der Traumtänzer Gottes, mit uns verwirklichen.

Jeder Tag ist der erste

Ein Anfang, der mich befreit von meiner Vergangenheit, von meiner vorgefassten Meinung, von allzu engen Grenzen. Ein Anfang, der mich befreit von Gewohnheiten, die Leben mehr verhindern als dass sie Leben zulassen. So ist Pfingsten ein Anfang und bleibt gleichzeitig eine Verheißung.

Diese Verheißung kommt für mich in einem Gebet zum Ausdruck, das Dag Hammarskjöld formuliert hat: 

„Jeder Tag der erste. Jeder Tag ein Leben. Jeden Morgen soll die Schale unseres Lebens leer hingehalten werden, um aufzunehmen, zu tragen und zurückzugeben. Leer hinreichen, denn was vorher war, soll sich nur spiegeln in ihrer Klarheit, ihrer Form und ihrer Weite.“

Was ich glaube, hat Macht. Wenn ich mich nur darauf konzentriere, richtig zu leben, ohne darauf zu achten, richtig zu glauben, dann erlebe ich nur vorübergehende Durchbrüche, die allein von meiner Willensstärke oder Selbstdisziplin abhängen. 

Der Pfingsttag ist daher eine dauernde Anfrage an meine Lebensperspektive: Lebe ich nach dem, was ich sehe oder nach dem, was Gott sieht? Ich bin vielleicht nicht in der Lage, negative Gedanken daran zu hindern, durch meinen Kopf zu wandern oder ungesunde Emotionen wie Angst davon abzuhalten, mein Herz einzuschnüren. Auf jeden Fall aber kann ich meine Gedanken und Emotionen mit dieser Zusage konfrontieren, dass der Geist Gottes meiner Schwachheit aufhilft.

Da wirkt Gottes Geist: Wo Menschen groß werden, frei und schön, wo sie sich was trauen, wo sie über sich hinauswachsen. Und das ist genau das, was Gott heute schenken will, wie zu allen Zeiten: Ein neues Pfingsten für alle, die es brauchen und glauben können.

Die redaktionelle Verantwortung für die Sendung hat Martin Korden

Musik:

Theodore Shapiro: „Cup Reminders“

J.S. Bach Motette BWV 226 I. Der Geist hilft unserer Schwachheit auf

J.S. Bach Motette BWV 226 III. Du heilige Brunst, süßer Trost


« zurück zur Übersicht

nach oben ↑


Beitrag anhören


Dieser Beitrag wurde am 31.05.2020 gesendet.


Über den Autor Christian Olding

Pfarrer Christian Olding, geboren 1983, wuchs in Niedersachsen auf. 2011 empfing er die Priesterweihe und ist derzeit in der Pfarrei St. Maria Magdalena am Niederrhein tätig. Mit seinem Projekt v_the experience arbeitet er daran, den Glauben in seiner ganzen Alltagsrelevanz zu vermitteln. Kontakt
christian.olding@gmail.com Internet
www.youtube.com/c/vtheexperience

Allgemeine Seiten-Suche

» Autoren-Suche  |  » Beitrags-Suche