Pfingstmontag

Predigt des Gottesdienstes aus der Kirche St. Joseph in Hildesheim

Predigt von Pfarrer Domkapitular Wolfgang Voges und Superintendent Mirko Peisert

Domkapitular Wolfgang Voges:
Welche Geister treiben uns im Moment um, liebe Schwestern und Brüder? Gute Frage - denken Sie vielleicht. Manche bewegt die Angst vor wirtschaftlicher Not, andere die Angst vor Ansteckungsgefahren. Wieder andere werden umgetrieben von Verschwörungsphantasien oder wittern Machtspiele und totale Kontrolle. Böse Geister!

Da setzt das Bild von den 7 Gaben des Heiligen Geistes etwas dagegen: Weisheit, Einsicht, Erkenntnis, Rat, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht. Wie können uns diese Geistesgaben in Zeiten der Corona-Krise weiterhelfen?

WEISHEIT

Superintendent Mirko Peisert:
Ehrlich gesagt, musste ich erst einmal im Theologie-Lexikon nachschlagen, was die sieben Geistesgaben sind. Das ist doch eher eine katholische Tradition. Sie gründet sich auf einem Wort des Propheten Jesaja, in dem der kommende Erlöser beschrieben wird mit den sieben Gaben des Geistes: Weisheit, Verstand und Rat, Stärke und Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht.

Die Bibel allerdings kennt noch ganz unterschiedliche Zusammenstellungen. Paulus zum Beispiel nennt an einer Stelle Kraft, Liebe und Besonnenheit als Gaben des Geistes, an anderer Stelle zählt zu den Geistesgaben auch Barmherzigkeit, prophetisches Reden oder Wunderkräfte.

Aber ob es nun drei oder sechs oder acht ober eben sieben sind, das ist nicht entscheidend. Gottes Geist ist vielfältig. Wichtig bleibt aber, dass Gott uns seinen Geist schenkt und die Weisheit spielt dabei in jedem Fall eine wichtige Rolle:
In der Weisheit kommt vieles zusammen, jemand, der viel weiß ist nicht unbedingt schon weise. Zur Weisheit gehört Erfahrung, gehört Herzensbildung, gehört Intuition. Vielleicht lässt sich Weisheit mit Lebensklugheit übersetzen. Weisheit ist etwas, das Rechner und Computer nie haben werden, auch nicht mit größter Prozessorleistung. Google ist nicht weise. Weisheit ist vielmehr eine Gabe Gottes.

EINSICHT – RAT

Domkapitular Wolfgang Voges:
Viel kann man erreichen und bewirken im Leben, auch in Zeiten wie diesen, wenn man Weisheit, Verstand und Einsicht einsetzt! Da kann man mit solchen Gaben ausgestattet tatsächlich etwas positiv verändern in seiner Umgebung. Junge Leute helfen zum Beispiel  uneigennützig älteren und kranken beim Einkaufen und bringen Lebensmittel zu ihnen nach Hause. Diese jungen Menschen horchen darauf, was ihr mitfühlendes Herz ihnen sagt und handeln danach. Sie versprühen Zuversicht, selbst dann, wenn andere meinen, dass alles jetzt zusammenbricht.

ERKENNTNIS

Superintendent Mirko Peisert:
„Deine Erkenntnis werde groß und mach uns von Irrtum los.“

So singt und bittet ein altes Pfingstlied um die richtige Erkenntnis. Eine wichtige Bitte gerade jetzt, da so viel Unsinn, Fakes und Halbwahrheiten verbreitet werden. Zu erkennen, was jetzt richtig ist, welche Einschränkungen angemessen sind, wie ich mich richtig schütze, das alles ist schwer zu entscheiden, erst Recht, wenn selbst Wissenschaftler und Experten uneinig sind über die besten Maßnahmen.
„Deine Erkenntnis werde groß und mach uns von Irrtum los.“ Das ist meine aufrichtige Bitte in dieser Zeit.

Erkenntnis gilt auch als Gabe Gottes. Allerdings ist das schnell missverständlich.

Denn es geht dabei nicht um irgendeine abstrakte oder theoretische Erkenntnis, um ein intellektuelles oder wissenschaftliches Verstehen.

Es geht auch nicht darum Gott selbst zu durchschauen. Das funktioniert ja sowieso nicht.

Meiner Meinung nach geht es vielmehr darum zu erkennen, wie Gott mich ansieht. Wie er mich erkannt hat. Wie ich in Gottes Augen angesehen bin.
Ich kann mir das konkret und bildlich vor Augen führen, nämlich: Gott schaut mich liebevoll, mütterlich und väterlich an. Ob ich nun auf dem Sofa im Wohnzimmer sitze, in der Kirche oder auf der Terrasse.

Gott schaut liebevoll auf meine Unruhe, meine innerliche Anspannung, meine Erwartungen, alles, das was mich beschäftig.

Heute, wo mancher seit Wochen allein in seiner Wohnung bleibt, ohne Besuch zu bekommen, da scheint mir das besonders wichtig und wertvoll - diese Erkenntnis: Ich bin liebevoll von Gott angesehen. Das gibt mir die Kraft auch die schweren Tage zu durchstehen und anzunehmen.

STÄRKE

Domkapitular Wolfgang Voges:
In einem anderen kirchlichen Pfingstlied, das dem Heiligen Geist gewidmet ist, singen wir: „Komm Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt; aus dir strömt Leben, Licht und Glut, du gibst uns Schwachen Kraft und Mut.“ So viele Menschen haben eine persönliche Stärke entwickelt in diesen Wochen und damit dem Coronavirus und seinen Folgen getrotzt. So viele haben sich davon nicht unterkriegen lassen, sondern das Beste aus den widrigen Umständen gemacht. Ich bin zum Beispiel sehr beeindruckt von den Pflegekräften in den Krankenhäusern und Altenheimen, die oft bis an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gehen, um den ihnen anvertrauten Menschen beizustehen. Ihnen zolle ich meinen größten Respekt. Und wenn sie Christen sind, erklären sie sich ihre Stärke vielleicht auch mit dieser Gabe Gottes.

FRÖMMIGKEIT

Superintendent Mirko Peisert:
Frömmigkeit gehört auch zu den Geistesgaben und ich muss sagen in den letzten Wochen, die von Corona geprägt wurden, hat sich das Thema Frömmigkeit ganz neu für mich gestellt.

Auf einmal keine Gottesdienste mehr, kein gemeinsames Singen, kein gemeinsames Beten. Alles das, was mir für meine Frömmigkeit wichtig ist, verboten! Ostern hat sich das dann besonders zugespitzt. Ich habe noch nie ein Osterfest ohne Gottesdienst verbracht.

Ich musste neu spüren und nachdenken, wie findet mein Glaube Ausdruck? Wie bleibe ich in Kontakt mit Gott? Wie findet meine Sehnsucht nach ihm einen Ausdruck?
Denn darum geht es in der Frömmigkeit. Kontakt halten mit Gott. In Verbindung bleiben mit ihm.

Mir persönlich ist es zum Beispiel wichtig geworden, mir Zeit zu nehmen, die biblischen Texte zu lesen und zu betrachten. Den Text der Bibel bewusst wirken und sprechen zu lassen. In Stille. Ganz für mich allein. Das waren und sind tröstliche und tragende Momente für mich, in denen ich Gottes Nähe besonders spüre.

Domkapitular Wolfgang Voges:
Mir war in dieser Zeit wichtig, dass ich mich verbunden gefühlt habe mit all denen, die sonntags in ihren Häusern und Wohnungen zur gleichen Zeit mit mir die gleichen Texte gelesen und die gleichen Lieder gesungen haben; allein oder mit der Familie. Eine Kerze stand auf dem Tisch,  vielleicht auch ein Kreuz. Der Ablauf des Gottesdienstes war bekannt, auch die biblischen Texte. Das Gesangbuch wurde herbeigeholt und daraus gebetet. Gut zu wissen, dass eine solche „Hauskirche“ funktioniert; dass auch dort der Geist Gottes wirkt und durch Türen und über Mauern hinweg Gemeinschaft ermöglicht.

Superintendent Mirko Peisert:
Ja: Die persönliche Frömmigkeit ist anders in den Blick gekommen. Die Hausgemeinschaft, die Familie ist auf einmal ganz wichtig geworden.

Auch wenn wir inzwischen wieder Gottesdienste in den Kirchen feiern können und auch wir hier wieder zusammen stehen können. So sind wir selbst verantwortlicher geworden. Viele Menschen sind jetzt sensibler für die eigene Frömmigkeit, für eigene Ausdrucksformen. Das empfinde ich als ein Geschenk! Das ist eine Gabe Gottes! Die dürfen wir nicht verlieren.

Jeder einzelne, jede Hausgemeinschaft trägt Verantwortung für die eigene Frömmigkeit, das lässt sich nicht an Pastorinnen und Pfarrer delegieren.

GOTTESFURCHT

Domkapitular Wolfgang Voges:
Die Gottesfurcht wird in der Bibel als etwas sehr Hilfreiches beschrieben. Es geht dabei nicht um Angst oder irgendwelche Befürchtungen, sondern um Ehrfurcht, Respekt und Wertschätzung Gott gegenüber und damit auch den Menschen. Es gilt, die richtigen Relationen im Leben im Blick zu behalten. „Was ist mir wirklich wichtig?“ haben sich nicht wenige in den letzten Wochen gefragt. „Was oder wer trägt mich im Leben? Wer braucht meine Hilfe? Wem schenke ich Heimat und  Geborgenheit?“ Fragen an sich selbst, die plötzlich aktuell wurden. Vielleicht war eine bedeutende Antwort die, dass Gott derjenige ist, der mir und anderen Hoffnung und Zuversicht schenkt. Mit dieser Art von Gottesfurcht wird ein starkes Vertrauen grundgelegt, dass am Ende alles gut ausgehen wird.

Superintendent Mirko Peisert:
Weisheit, Rat, Einsicht, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht - diese sieben Geistesgaben bringen uns durch diese Zeit. Davon bin ich überzeugt. Gottes Geist macht uns stark, diese Krise gut zu gestalten.

Mit Gottes vielfältigem und lebendigem Geist bin ich gestärkt für diese schwierigen Zeiten. Ich gehe mutig in die kommenden Wochen.

Jesus sagt: Der Tröster, der Heilige Geist, der wird euch alles lehren! Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

AMEN.


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Dieser Beitrag wurde am 01.06.2020 gesendet.


Über den Autor Domkapitular Wolfgang Voges

Wolfgang Voges, Jahrgang 1956, ist Pfarrer, Dechant und Domkapitular in Hildesheim. Nach dem Abschluss der Realschule absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann im Grundstücks- und Wohnungswesen. Dann folgte das Abitur auf dem 2. Bildungsweg in Neuss. Anschließend studierte er Kath. Theologie in Münster und Bogotá (Kolumbien). Seit 31 Jahren ist er Priester des Bistums Hildesheim.

Dieser Beitrag wurde am 01.06.2020 gesendet.





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